Stadt der Zukunft : Bauen für eine alternde Gesellschaft

Im Jahr 2020 wird jeder zehnte Berliner älter sein als 75. Das stellt Politik und Planer vor große Herausforderungen.

Tanja Tricarico
Der Altersdurchschnitt steigt. Der demografische Wandel wird Berlin in den kommenden Jahren enorm verändern. Die Bedürfnisse der Älteren ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche der Stadtplanung.
Der Altersdurchschnitt steigt. Der demografische Wandel wird Berlin in den kommenden Jahren enorm verändern. Die Bedürfnisse der...Foto: dpa

Wer im Sommer durch Berlins Straßen zieht, sieht vor allem eines: viele junge Menschen. Die Hauptstadt gehört zu den beliebtesten Orten der 20- bis 35-Jährigen. Doch der Eindruck von Berlin als der Stadt der Jugend trügt – die meisten sind nur auf der Durchreise. Die, die bleiben, werden immer älter. Bereits 2020 wird jeder zehnte Berliner über 75 Jahre alt sein. Prognosen des Senats zufolge wird das Durchschnittsalter 2030 bei 45,3 Jahren liegen; heute liegt es bei 42,7 Jahren. Besonders stark wächst die Gruppe der sehr alten Menschen: Der Anteil der 80-Jährigen und Älteren wird sich beinahe verdoppeln.

Der demografische Wandel verändert Berlin enorm. Was brauchen die Bürger, damit sie im Alter möglichst lange am öffentlichen Leben teilnehmen können? Welche Infrastruktur benötigt die Stadt? „Die allermeisten Leute wollen, wenn sie älter werden, an ihrem angestammten Ort bleiben“, sagt Katharina Mahne, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin. Dies gilt sowohl für die Bevölkerung am Stadtrand als auch für Menschen, die im Zentrum leben.

Mit einem Demografiekonzept antwortet der Senat auf die vielen Herausforderungen, welche die alternde Bevölkerung an Berlin stellt. Stadtplanung, Verkehr, Bau- und Wohnprojekte, soziale Einrichtungen: Die Bedürfnisse der Älteren ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche. Die Stadt wappnet sich für den Wandel in der Altersstruktur, heißt es aus der Senatsverwaltung.

Laut Deutschem Alterssurvey wünschen sich die meisten Bürger, auch im Alter in ihren eigenen vier Wänden bleiben zu können. Sie wollen selbstbestimmt wohnen, so lange es geht, auch wenn es mit dem Laufen nicht mehr richtig klappt oder im Haushalt viele Dinge liegen bleiben. Der Senat hat daher die Berliner Initiative Wohnen im Alter, kurz Biwia, ins Leben gerufen. Sowohl die verschiedenen Verwaltungen für Stadtentwicklung, Gesundheit sowie Soziales sind daran beteiligt. Aber auch die Architektenkammer, der Mieterverein, die Handwerkskammer und die Verbände verschiedener Wohnungsunternehmer bringen sich ein. Ziel der Initiative ist es, in Berlin Konzepte zum altengerechten Wohnen und Leben zu entwickeln.

Vor allem die Wohnungsanbieter müssen sich an die Bedürfnisse der Senioren anpassen. Passt ein Rollator durch den Türrahmen? Sind die Fußböden eben, kann auf Schwellen und Stufen verzichtet werden? Ist die Dusche mit dem Rollstuhl zu erreichen, gibt es einen Notrufschalter? Bisher sind nur 30 bis 60 Prozent der Angebote der städtischen Wohnungsbaugesellschaften barrierefrei. Bei allen neuen Projekten muss künftig altengerecht geplant werden.

„Die Wohnung wird zum Hauptaufenthaltsort für ältere Menschen“, sagt Soziologin Mahne. „Doch allein diese umzubauen, reicht nicht aus.“ Auch das Wohnumfeld müsse in die Planung mit einbezogen werden. Wenn es im Haus keinen Aufzug gibt oder die Busverbindung zum Einkaufszentrum fehlt, fällt es älteren Menschen schwer, weiterhin aktiv am Sozialleben teilzunehmen.

Auch hier hat Berlin vorgesorgt. Über allen städteplanerischen Projekten steht das Motto „Design for all“ – Design für alle. Ziel ist es, einen öffentlichen Raum zu schaffen, den alte und junge Bürger ebenso wie Menschen mit Handicap gleichermaßen nutzen können. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hat nach den Auflagen der UN-Behindertenrechtskonvention ein Handbuch zusammengestellt, um Architekten und Bauherren Leitlinien an die Hand zu geben, wie nach dem Design-for-all-Konzept gebaut werden kann. Auf Betonplatten können Rollstuhlfahrer viel einfacher ans Ziel kommen als auf Wegen aus Rindenmulch oder Kopfsteinpflaster. Wer Einfahrten baut, sollte an abgesenkte Bordsteine denken, die auch mit Rollator oder Kinderwagen zu bewältigen sind. Barrierefreies Bauen soll zum Grundprinzip werden.

Auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln hat das Konzept oberste Priorität. Bisher gelten nur 64 der 170 U-Bahnhöfe als barrierefrei. Bei den S-Bahnen sieht es deutlich besser aus. 104 von 132 S-Bahnhöfen sind für Menschen mit Behinderung nutzbar. Das sind mehr als 78 Prozent. Der Senat investiert rund fünf Millionen Euro jedes Jahr, um den barrierefreien Ausbau voranzutreiben. Dazu gehören Aufzüge, mobile Rampen und Wege, die auch Rollstuhlfahrer nutzen können.

Doch nicht nur bei den Zugängen soll sich viel ändern. Ältere Menschen können oft Karten, Wegweiser und Schilder nicht mehr lesen. Die Planer arbeiten an Konzepten, wie diesen Fahrgästen geholfen werden kann. So bekommen Informationstafeln größere Schriftzüge und sollen leicht verständlich sein. Bei den Bildschirmen an Automaten versuchen die Techniker, Kontraste zu optimieren, sodass auch Sehbehinderte den Service nutzen können.

Die meisten Senioren werden in Steglitz-Zehlendorf, Reinickendorf oder Spandau leben, heißt es in einer Bevölkerungsprognose. In Mitte, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg dagegen wird die Zahl der jungen Erwachsenen steigen. So unterschiedlich sich die Bezirke entwickeln, umdenken müssen alle Stadtplaner. „Eine altengerechte Infrastruktur kommt der Gesamtbevölkerung zugute“, sagt Altersforscherin Mahne.

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