Stadt im Widerspruch : Wo Berlin glänzt und dämmert

Berlin ist eine glückliche Stadt, die mit Ideenreichtum glänzt. Doch neue Statistiken zeigen ein anderes Bild: Fast die Hälfte aller Schulen hat zu wenig Lehrer, Kinder finden Berlin dreckig, Familien sehen hier keine Zukunft. Dies zu ändern, ist nicht glamourös, sondern Schwarzbrot, Alltag der Politik. Aber genau dazu ist Politik da.

Ein Kommentar von Gerd Appenzeller

Berlin ist eine glückliche Stadt, eine Stadt, die durch private Initiativen weltweite Aufmerksamkeit erregt. Während anderswo Verwaltungen und Kommunalpolitik den Ideenreichtum eher bremsen, scheinen hier engagierte Privatleute nur offene Türen einrennen zu müssen. Ein Ereignis, das wir einer solchen Persönlichkeit verdanken, geht heute zu Ende: Die Ausstellung der Malerei des 19. Jahrhunderts, die Peter Raue für vier Monate aus dem Metropolitan Museum nach Berlin geholt hat. Es ist bereits der zweite Coup des rührigen Gründers des Vereines der Freunde der Nationalgalerie nach der MoMA-Ausstellung 2004, die 1,2 Millionen Besucher anlockte. Die Berliner Politik hat diese Ereignisse befördert, wo immer es ging.

Oder denken wir an Kunstsammler wie Heinz Berggruen und Erich Marx. Der eine hat seine einzigartige Kollektion zunächst in London gezeigt, ließ sich dann aber für Berlin erwärmen. Stadt und Stiftung Preußischer Kulturbesitz (deren Verdienste um Berlin nicht laut genug gerühmt werden können) stellten mit dem Stülerbau einen adäquaten Ausstellungsplatz zur Verfügung und zeigten dem vor den Nazis geflohenen Juden Berggruen, wie dankbar sie für seine Heimkehr waren. Für Erich Marx und die zeitgenössische Kunst fand sich 1997 der Hamburger Bahnhof als Rahmen, ein Gebäude, das bis zum Fall der Mauer bestimmungslos verfiel. Seit 2004 hat Marx die Sammlung Flick als Nachbarn. Wer erinnert sich nicht an Christo und Jean-Claude, die mit ihrer privat initiierten Reichstagsverhüllung im Sommer 1995 verzauberten. Oder an Edzard Reuter, der als Daimler-Chef 1989 mit den Verhandlungen zum Ankauf des Areals am Potsdamer Platz begann, um ein Zeichen des Vertrauens in die Zukunft der damals noch geteilten Stadt zu setzen – erst heute wissen wir diesen patriotischen Akt zu schätzen.

Aber dann wecken uns neue Rankings aus unseren Träumen. Diese Statistiken und Analysen, die man nicht mehr sehen mag, weil in ihnen die Hauptstadt so oft auf hinteren Plätzen landet. Am vergangenen Donnerstag war es wieder so. Ursula von der Leyen stellte den „Familienatlas 2007“ vor, eine Untersuchung aller deutschen Städte und Kreise auf deren Familienfreundlichkeit. Bei Schule und Bildung landet Berlin auf Rang 357 von 439, bei Wohnqualität auf Position 434, bei der Bewertung der Altersstruktur auf Nummer 384. In den Arbeitsmarktchancen sind 331 Kommunen oder Kreise besser. Der nationale Spitzenreiter ist gleich nebenan zu besichtigen: Potsdam.

Um zu begreifen, was das alles für die Stadt und ihre Chancen bedeutet, muss man kein Fachmann sein. Kommunen, die familienfeindlich sind – Berlin wird offenkundig so eingeschätzt –, haben keine Zukunft. So sehr Berlin dank privater Bemühungen glänzt, so sehr leidet es am Versagen der Politik in vielen Bereichen. Denn die Mängel, die der Stadt den Ruf der Familienfeindlichkeit eingetragen haben, können ausnahmslos nur durch eine gezielte Kommunalpolitik beseitigt werden – wie sie uns andere Städte, nicht zuletzt eben Potsdam, vormachen. 43 Prozent aller Schulen hier haben nicht genug Lehrer. Kinder finden Berlin dreckig. Es gibt zu wenig familienfreundliche Wohnungen. Bemühungen zur Industrieansiedlung: Fehlanzeige.

Dies alles zu ändern, ist nicht glamourös, sondern Schwarzbrot, Alltag der Politik. Aber genau dazu ist Politik da.

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