Zeitung Heute : Stadt, Land, Fluss

Berlin ist ein hartes Pflaster. Und steckt voller Probleme. Doch weit im Westen der Stadt gibt es einen Ort, wo es die Menschen besser haben als überall sonst. Dort also muss das Glück wohnen. Zu Besuch in Heilewelthausen.

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Von Kirsten Wenzel Sie leben, man glaubt es kaum, an einer Durchfahrtsstraße. Wer es nicht weiß, braust deshalb meist vorbei, mit 60 plus von der Heerstraße kommend. Sieht vielleicht noch im Rückspiegel, dass da ein altes Kirchlein stand und ein Feuerwehrhaus. Und schon erscheint linkerhand der große Wannsee, und man ist bereits im Nachbarort. Kladow, über das auch noch zu sprechen sein wird. Dabei müsste man in Gatow halten. 5000 Einwohner, eine Haupt eine Nebenstraße, zwei Badestellen und sieben Gaststätten, deren Betreiber recht häufig wechseln, seit das große Ausflugsgeschäft zur Vergangenheit zählt. Man müsste sich ein Haus kaufen, sich niederlassen und dann still warten, was passiert. Oder zumindest mal ein paar Tage Urlaub machen – Ferien von Restberlin und seinen ganzen Problemen. Denn vielleicht wohnt hier das Glück.

In weniger als einer halben Stunde können die Gatower auf dem Kudamm spazieren gehen, so nah ist das Zentrum. Und doch ist der alte Ortskern des Dorfes, wissenschaftlich gesehen, Berlins sorgenfreiester Punkt. Heilewelthausen. Spitzenreiter im Sozialstrukturatlas der Stadt, die am wenigsten belastete Stelle von insgesamt 298 untersuchten „Verkehrszellen“ in Berlin, weit vor dem Lietzensee (Platz 178) oder dem Kollwitzplatz (Platz 228). Im alten Gatow gibt es keine Arbeitslosigkeit, fast keine Sozialhilfeempfänger und nur die paar ausländischen Mitbürger, die Spezialitätenlokale betreiben oder gerade einen Arbeitsvertrag als Chefarzt unterschrieben haben, so sagt der Atlas. Und weil Kladow, der Rivale, es nur auf Platz 9 geschafft hat, und weil Gatow auch noch an der blauen Havel liegt und auf der anderen Seite der Straße ein Paradies von Feldern, Wiesen und Wäldern beginnt, nennen die Gatower ihr Dorf selbst „Oase im Moloch“ und „Insel der Seligen“.

Zigeunerschnitzel, das ist der erste Eindruck. Im Garten der „Kapitän’s Kajüte“ sitzt man bei Alsterwasser zusammen mit Ausflugsgästen aus Reinickendorf, dabei sind auch die Oma und Afghanenhund „Karsai“. Es ist viel zu ruhig für die Saison, klagt die Wirtin aus Kroatien, doch wer hält schon in Gatow? Auf dem Wasser ist umso mehr Betrieb. Da kreuzen die großen Motorschiffe und Segelyachten, und vielleicht suchen ihre Skipper mit dem Fernglas ja gerade in diesem Moment das Ufer ab nach Sahnestückchen: einem Havelgrundstück, auf dem noch keine Villa steht. So wie das Grundstück von Hartmut Wolter, Angestellter im Zehlendorfer Saatgroßhandel, doch vor allem Landwirt im Nebenerwerb.

In blauen Arbeitshosen schiebt der große kräftige Mann das alte Tor zu seinem Dreiseitenhof auf, seit 400 Jahren in Familienbesitz. Vor der Scheune steht ein Trecker mit Anhänger, über das staubige Pflaster im Hof versprengen sich ein paar rote Hühner. „Die besten wagen sich vor bis zur Havel“, sagt Wolter. „Aber da holt sie der Habicht.“ Damit ist schon viel gesagt. Über Gatow und Kladow, und wie das in Fabeln so ist, viel über die menschliche Natur im Allgemeinen. Manchmal ist es eben besser, in der zweiten Reihe zu bleiben. Gatow hatte immer nur die schmale Havel, Kladow den großen Wannsee. Und dann waren da noch die Rieselfelder in Gatows Hinterland, wo früher Berlins stinkende Abwasser versickerten. Die haben die größten Begehrlichkeiten abgehalten, damals um die Jahrhundertwende, als die Bauern in Kladow ihr Land für viel Geld verkauften, und dort, und nicht in Gatow, die prächtigen Villen entstanden.

Wenn Wolter nach Hause kommt von der Arbeit, schwingt er sich zur Entspannung auf seinen Trecker und fährt aufs Feld, erntet Brotgetreide oder Kartoffeln. Oder er hat Einsatz bei der freiwilligen Feuerwehr Gatow, wo er stellvertretender Wehrleiter ist, wie es schon sein Vater war. Oder es gibt eine Sitzung im CDU-Ortsverein, was die einzige Möglichkeit darstellt, in Gatow Politik zu treiben. Andere Parteien haben hier nämlich keinen Ortsverein. Deswegen muss aber noch längst nicht jeder die CDU wählen, sagt Wolter, beileibe nicht. Das nimmt man auf dem Dorf pragmatisch. Bei den Europawahlen bekamen zum Beispiel die Grünen im Wahlbezirk Alt-Gatow 27,2 Prozent der Stimmen.

Also, Hartmut Wolter hat ein prächtiges Ufergrundstück, unterhalb von seinem Hof. Doch er nutzt es nicht. Sitzt lieber auf der Terrasse am Haus, wo man von der Ferne auch die Havel sehen kann, aber der Weg nicht so weit ist für Wolters Mutter und die alte Tante Ella, die morgens, mittags, abends schwer gebeugt in der Kittelschürze mit dem Blecheimer über den Hof schlurft, um die Gänse zu füttern. Wie in einem Schwarzweißfilm über die Bauern in Masuren. Schon sein Vater, der alte Wolter, hat das Uferland sympathischen Leuten aus der Stadt zur Verfügung gestellt, unentgeltlich, dafür, dass sie es begrünen, verschönern. Und einfach, weil sie irgendwann mal gefragt haben. Eine Ärztin aus Charlottenburg und ein Mitarbeiter vom Johannisstift durften erst einen Wohnwagen und später einen kleinen Ferienbungalow mit Campingklo auf das Gelände stellen. Dafür haben sie Sträucher und einen Mammutbaum gepflanzt, der inzwischen ein paar Meter hoch ist, dafür mähen sie den Rasen. Jürgen und Eva Plewa-Schlomka residieren jetzt schon seit vier Jahrzehnten „im Wolterschen Erholungsdeputat“, freuen sich jedes Wochenende über den schönen Blick, die gute Luft, und sagen: „Wir kennen den Hartmut doch schon als kleinen Bub.“ Und der junge Bauer setzt sich zu ihnen auf die Sonnenliege, lächelnd und achselzuckend, und meint bloß: „Wo ich es doch allein eh nicht alles bewirtschaften kann“.

Nicht, dass nun der Eindruck entsteht, dass die Gatower Bauern Engel sind, auch die Wolters nicht. Vor Jahren zum Beispiel, da tobte der „Gatower Erdbeerkrieg“ zwischen Bauer Wolter und Gemüsebauer Bathe, da versuchten sich die zwei mit allerlei unfeinen Mitteln die Kundschaft für die Selbstpflückfelder abzujagen.

Der alte Wolter war so gestrickt, munkelt man, der kassierte bei jedem Pflügen ein paar Meter Land vom Nachbarn ein, grundsätzlich. Und wenn der ihn darauf ansprach, lachte er bloß scheppernd und sagte: So sind wir Landwirte nun einmal. Bis zum Bundesverwaltungsgericht ist er vor Jahren gezogen, um in dem grundsätzlichen Rechtsstreit „Fluss oder See“ gegen das Land Berlin zu gewinnen. Denn wäre die Havel ein See, gehörte das Schwemmland dem Staat, bei einem Fluss den Anliegern. Wolter gewann und führte weiter seine staubigen Ackergäule nach der Arbeit vom Feld an die Havel zum Baden. Land verleihen ist die eine Sache, sagt Wolter junior. Aber weggeben? Niemals. Und weil in Gatow noch ein paar andere so dachten, gibt es dort bis heute keine Uferpromenade, sondern nur zwei öffentliche Badestellen, von den Eigentümern mühsam abgerungen.

In der alten Wohnstube mit der Wand voller Geweihe sagt Wolter noch etwas zum Glück: „Zweimal hatten wir es“. Einmal, als die Bomben im Krieg in die Havel fielen und nicht auf die alte Feldsteinkirche. Und dann, nach dem Krieg, als die Briten auch einen Flughafen haben wollten und auf Gatow bestanden, den Flughafen, den Hitler hatte bauen lassen. Denn eigentlich waren hier schon die Russen stationiert. So bekam Gatow schnell wieder Strom und eine Straße nach Berlin. Und lange residierte hier der britische Stadtkommandant in der prächtigen Villa Lemm stadteinwärts, die gerade erst von Gatows reichstem Bürger, dem Unternehmer Hartwig Piepenbrock, aufwendig restauriert wurde.

Gatow bekam ein wenig britisches Flair, sogar einen Golfplatz und einen Poloclub. Also doch eher eine Insel der Snobs als der Seligen? Eine Frage, die Rita und Ulrich Reinicke wahrscheinlich am besten beantworten können. Denn niemand in Gatow hält bis heute die Fahne des Vereinigten Königreichs so hoch wie die Pächter des ehemaligen Gut Gatows und die Betreiber des Poloclubs „Altpotsdam e.V.“.

Es riecht nach frisch gebackenem Brot, das Ulrich Reinicke aus dem Lehmofen holt. Rita Reinicke in Jeans und Sweatshirt, umringt von kleinen Mädchen in Gummistiefeln, teilt gerade die Ponys für die nächste Reiterfreizeit zu. „Seit die Engländer weg sind, ist es mit dem Polo nicht mehr dasselbe“, sagt die ehemalige Sozialpädagogin aus Kreuzberg, die vor 20 Jahren ins Dorf eingeheiratet hat und sich immer noch „eine Zugezogene“ nennt. Früher spielte man in Gatow das alte britische Militärpolo, erklärt sie, „da ging es um Fairness und Spaß an britischen Eigenarten. Da trank man rote „Pimm‘s Cocktails“ mit Gurkenscheiben und bewarf sich beim Poloball, wo alle in schwarzem Anzug und langem Kleid zu erscheinen hatten, zu späterer Stunde mit Essensresten. „Damals gab es noch nicht die professionellen Spielmacher, die heutzutage gleich mit den teuren Polopferden aus Argentinien eingeflogen werden. Da spielten einfach die Besten ganz hinten.“ Heute sei doch Polo in Deutschland nur noch ein Prestigesport, sagt Rita Reinicke, und man hört ihr die Verärgerung an. Mit VIP-Zelt und so. „Da wartet dann vorn der reiche Geldgeber auf das Zuspiel des argentinischen Profis und macht dann bloß den Abstauber. Das passt nicht zu uns und nicht zu Gatow“. Und deswegen haben sich die Reinickes zurückgezogen vom Polosport, trainieren nur noch ein paar Jugendmannschaften auf den Wiesen hinter der Wolterscheune.

An das ehemalige Gutsgelände grenzt zur linken Seite ein Stück Ackerland, auf dem steht jetzt die Verkaufserdbeere aus rotem Kunststoff von Bauer Walter Bathe, dem einzigen Landwirt aus Gatow, der noch im Vollberuf tätig ist. Ein echtes Marketingtalent, sagt Bauer Wolter, „der Bathe mit seiner ,Gatower Kugel’, weiß, wie man eine ordinäre Mairübe gut verkauft. Die ist ein Hit in der ganzen Region.“ Bathe hat keinen Hof geerbt, kam als Flüchtling von der Elbe, musste Land pachten, Kredite aufnehmen und vom alten Wolter die Beregnungsanlage ausborgen. Er ist der Kapitalist unter den Gatower Bauern, betreibt „Marktforschung“ in seinem Hofladen, spricht von „Landwirtschaft als Serviceunternehmen“, erfindet immer neue bunt getupfte Salatvariationen für die Berliner Szenegastronomie. Jeden Tag rücken LKW’s von seinem Hof in Richtung Süden aus, beliefern die Supermärkte in Brandenburg und Sachsen.

Bathe beschäftigt 100 polnische Saisonarbeiter auf seinen Gemüsefeldern, und manchmal ist er den anderen im Dorf ein wenig unheimlich in seiner Umtriebigkeit. Selbst seine Felder wollte er ganz modern vermarkten: Herzen reinmähen und für zehn Euro die Nacht an Liebespaare vermieten. „Ich bin eben ein Romantiker“, sagt er, „doch die Kundschaft ist noch nicht so weit“. So einer ist der Bathe und die Alten im Dorf schütteln befremdet den Kopf. Doch als zur Diskussion stand, ob das Stück Land neben dem Gutshof bebaut werden soll, weil im Dorf doch ein Laden fehlt, überhaupt eine Art Zentrum, und weil so ein Stück verkauftes Land auch dem armen Berlin ganz nebenbei ein hübsches Sümmchen einbringen könnte, da riefen alle in Gatow: „Nein, der Bathe soll es bewirtschaften, der soll da ruhig seine rosa Kürbisse anbauen.“ Und Rita Reinicke, die Landfrau aus Kreuzberg, trat schnell in den Ortsverein der CDU ein, gründete eine Bürgerinitiative, sammelte 2000 Unterschriften. Bei der Versammlung jagten die aufgebrachten Bürger den Baustadtrat aus Spandau dann regelrecht aus dem Ort. „Wofür brauchen wir ein Geschäft im Ort?“, sagt Rita Reinicke, „macht uns ein Discounter glücklich? In Kladow, da gibt es doch alles: Banken, Cafés und Geschäfte. Wir wollen nicht so werden wie die. 16 000 Einwohner und Busse voll Touristen, wir machen lieber weiter kleinklein.“

Es ist ruhig, das Glück in Gatow, ein wenig widerborstig, und es mag keine Veränderungen. Vielleicht ein bisschen langweilig. An einem wie Hartmut Wolter, in seinen staubigen Arbeitshosen, haben sich schon manche Investoren die Zähne ausgebissen. Für das Geld, das ihm die Immobilienmakler in regelmäßigen Abständen für seinen Hof bieten, könnte er sich eine kleine Südseeinsel kaufen. Ein paar Millionen brächte das Ufergrundstück ohne Frage. Na und?, sagt Wolter, „ich hab genug Geld, und in der Karibik war ich schon.“ Anders als Tante Ella, die Gatow noch nie verlassen hat, ist er viel gereist. „Aber das war nicht das Wahre. Nach drei Tagen mussten sie mich krank nach Hause fliegen“. Eine Frau zum Heiraten, die würde er sich wünschen, doch sonst? „Der Wolter ist ein ganz harter Brocken“, sagt Bathe, „der verzichtet eher auf ein dickes Auto, eh der ein Feld verkauft. 15 Hektar Eigenland hat er, so viel wie keiner sonst hier. Doch der bewegt sich keinen Zentimeter“, sagt Bathe, der Selfmademan, anerkennend.

„Gatow“, stöhnt der Bürgermeister in Spandau am Telefon kurz angebunden und ein wenig entnervt, „das ist ein ganz schwieriges Pflaster. Die sind so stur. Die wollen doch einfach nur, dass alles so bleibt, wie es ist.“

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