Zeitung Heute : Stadt, Land, krank

Die Grippe grassiert – eine Impfung aber empfiehlt sich nur noch in Einzelfällen

Ingo Bach

Die Influenza hat fast das ganze Land im Griff. Wie lässt sich der Gefahr einer Erkrankung begegnen – und was tut die Politik, um eine weltweite Epidemie zu verhindern?

Wer jetzt noch auf einen Schutz gegen die grassierende Grippe hofft, der muss sich auf die Kraft seines eigenen Immunsystems verlassen. Für eine Impfung ist es fast schon zu spät, rollt die diesjährige Grippewelle doch bereits über Deutschland hinweg. Es dauert etwa zwei Wochen, bis sich nach dem Impf-Pieks eine Immunisierung aufgebaut hat. „Eine flächendeckende Immunisierung kann man jetzt nicht mehr empfehlen“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), das für die Überwachung von Infektionskrankheiten zuständig ist. In Einzelfällen könne eine Impfung aber noch sinnvoll sein. „Das muss der Arzt entscheiden.“

In fast allen Bundesländern registrieren die Ärzte derzeit immer mehr Neuinfizierte. Auch in Berlin und Brandenburg stellen Experten derzeit eine wachsende Ausbreitung des Influenzavirus fest. Einzige Ausnahme bleibt bislang noch Mecklenburg-Vorpommern. Besonders gefährdet sind Über-60-Jährige, chronisch Kranke und das Personal in medizinischen oder Pflegeeinrichtungen.

Viele von ihnen haben sich bereits impfen lassen. Die andauernden Warnungen vor immer neuen Grippeepidemien haben ihre Wirkung getan. Die Impfbereitschaft der Bevölkerung nimmt sei Jahren zu. Wurden vor zehn Jahren in Deutschland noch zwei Millionen Impfdosen verkauft, so waren es im vergangenen Herbst 20 Millionen. Diejenigen, die sich wie empfohlen im Oktober und November immmunisieren ließen, sind jetzt auf der sicheren Seite. „Der Impfstoff schützt exakt gegen die jetzt aufgetauchten Virentypen A und B“, sagt Glasmacher.

Das gilt jedoch nur für die Influenza, nicht für eine normale Erkältung, unter der jetzt ebenfalls viele Menschen leiden. Die Grippe, die jährlich tausende Todesfälle vor allem bei immungeschwächten oder alten Menschen verursacht, wird per Tröpfcheninfektion übertragen. Schon nach ein bis drei Tagen treten die ersten Symptome auf: plötzliches Fieber über 39 Grad, Schüttelfrost, Schweißausbrüche, Hals- und Kopfschmerzen sowie ein allgemeines Schwächegefühl.

Die Grippewelle kommt jedes Jahr wieder, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Die Saison 2004 verlief nach Angaben des RKI extrem sanft. „Schätzungsweise erkrankten in Deutschland nur 1,1 bis 1,4 Millionen Menschen“, sagt RKI-Sprecherin Glasmacher. Ein Jahr zuvor erwischte es über vier Millionen Bundesbürger. Wie viele es in diesem Jahr sein werden, könne man noch nicht abschätzen. „Aber auf jeden Fall werden sich mehr infizieren als vor einem Jahr.“ Die Überwachungsbehörden im Land Berlin registrierten bisher jedoch nur einen Erkrankungsverlauf auf dem niedrigen Niveau von 2004.

Seltener als die Grippewellen treten so genannte Grippepandemien auf, also weltweite Epidemien durch ein Influenzavirus, das entweder völlig neu ist oder zuvor jahrzehntelang keinen Menschen befiel. Das Immunsystem der Betroffenen wäre also völlig unvorbereitet. Im 20. Jahrhundert fegten drei Grippepandemien über den Globus – 1918, 1957 und 1968 – und sie kosteten Millionen Menschen das Leben. Möglicher Kandidat für eine neue Attacke ist nach Erwartungen der Weltgesundheitsorganisation die Vogelgrippe, also ein Geflügelvirus, das auf den Menschen übergeht.

Seit Mitte Januar ist in Deutschland nun ein Pandemieplan gültig, um sich auf einen solchen Fall vorzubereiten. Nach diesem Plan soll die Pharmaindustrie sofort nach Bekanntwerden eines solchen gefährlichen Virus einen entsprechenden Impfstoff entwickeln, was nach Schätzungen des RKI etwa drei bis sechs Monate dauern und 100 Millionen Euro kosten wird. Dann müssen weitere fünf Euro je Impfdosis für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen aufgewendet werden, insgesamt sind das nochmals 400 Millionen Euro.

Das Bundesgesundheitsministerium und die Länder streiten derzeit, wer das bezahlen soll. Die Länder seien für die Vorratshaltung und Finanzierung dieser Impfstoffe zuständig und sollten unverzüglich Gespräche mit den produzierenden Pharmafirmen aufnehmen, forderte das Bundesgesundheitsministerium.

Dem widersprechen die Länder, so auch Berlin: „Wir würden es begrüßen, wenn der Bund mit der Pharmaindustrie verhandelt und nicht jedes Bundesland für sich allein“, sagt Roswitha Steinbrenner, Sprecherin der Berliner Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner. Dadurch könnte man zum Beispiel höhere Rabatte aushandeln. „Aber natürlich werden wir uns an den Kosten beteiligen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben