Zeitung Heute : Stadt mit Europadiplom

Zur Wahl veranstalten sie einen grenzüberschreitenden Marathon, aber die EU interessiert sie kaum – zu Besuch in Görlitz-Zgorzelec

Kerstin Decker

Man weiß wirklich nicht, wo man zuerst hinschauen soll: auf den OB oder auf seinen Hintergrund. Pressekonferenz im Rathaus. Der Oberbürgermeister von Görlitz heißt Rolf Karbaum, ist schon etwas älter, parteilos und sieht gerade ein bisschen lädiert aus. Der OB steht vor der „Renaissance-Tür im Rathaus“, sie ist noch viel älter, nämlich von 1566, ebenfalls streng überparteiisch und sieht mit ihren korinthischen Säulen und Standbildern kein bisschen lädiert aus. Eher ein wenig anmaßend. Das ist ganz symptomatisch für Görlitz. Außen ist alles wunderbar heil. Gegen die Vollkommenheit ihrer Häuser haben die Menschen keine Chance.

Der Bürgermeister hat das schönste aller Rathäuser weit und breit in der schönsten Stadt weit und breit. Eingeweihte sagen, es ist die schönste Stadt Deutschlands, nur weiß das außer ihnen keiner, weil man schönste Städte Deutschlands nun mal nicht in der letzten südöstlichen Ecke an der polnischen Grenze vermutet. Wo andere Städte höchstens einen historischen Markt haben, kann man hier von einem zum anderen gehen. Die Haustüren von Görlitz sind in einen stillen Schönheitswettbewerb eingetreten. Überhaupt haben die Türen das größte Selbstbewusstsein in der ganzen Stadt. Das liegt daran, dass es meist Renaissancetüren sind, gemacht für Renaissancemenschen. Aber gibt es denn noch die richtigen Einwohner für solche Türen in Görlitz? Weltoffene Europabürger – wie einst?

Vor dem Rathaus wehen zuversichtlich blau-weiße Fahnen. „Görlitz-Zgorzelec. Wir bauen Europas Kulturhauptstadt 2010“ steht darauf. „Europastadt“ ist Görlitz-Zgorzelec sowieso schon. „Kulturhauptstadt Europas“ ist da nur der nächste Schritt. Im letzten Jahr hat die Doppelstadt ein Europadiplom bekommen, was wiederum die Vorstufe ist für die Ehrenfahne des Europarates. Wohin sonst soll man gehen so kurz vor den Europawahlen? Wo sonst, wenn nicht hier, würde man etwas von diesen Wahlen merken? Und die polnische Seite von Görlitz wählt schließlich zum allerersten Mal ein Europäisches Parlament.

Ins Rathaus strömen Menschen mit Kameras. Aber dann, nachdem man eine halbe Stunde lang den Bürgermeister vor seiner Renaissancetür gesehen hat, weiß man, dass diese Stadt gerade ganz andere Sorgen hat als die Europawahlen. Was kümmert einen das Parlament in Straßburg, wenn man schon im eigenen Rathaus nicht zurechtkommt? Und sich gefallen lassen muss, was keinem Renaissance-Bürger passieren konnte: dass da plötzlich die Polizei vor der Tür steht, von oben bis unten das schönste aller Rathäuser durchsucht und kistenweise Akten mitnimmt. Auch aus der Privatwohnung des Bürgermeisters. Aber nun hat das Landgericht die Rathausrazzia doch für rechtswidrig erklärt. Der Anfangsverdacht der Veruntreuung sei nicht stark genug gewesen.

Den Verdacht hat die Gemeinde Görlitz dadurch erregt, dass sie ihre Stadtwerke verkauft hatte und mit dem Erlös ein bisschen zockte. „Neißefonds“ heißt der Stein des Anstoßes. Und wie alle anderen Aktionäre machte auch die Stadt anfangs Miese, genau gesagt mehr als 600000 Euro. Inzwischen ist der Verlust wieder ausgeglichen. So eine Europastadt braucht schließlich Geld. Eine neue Straßenbahnlinie hinüber nach Zgorzelec will man von einem Gewinn bauen. Und die gemeinsame „Kulturhauptstadt“-Bewerbung kostet auch Geld.

Extremsparer haben schon überlegt, ob sie nicht das Theater schließen könnten. Aber sollte man wirklich Kulturhauptstadt werden wollen mit geschlossenem Theater? Außerdem, sagen maßgebliche Görlitzer, würden sie eher das Rathaus abwickeln als das Theater. Das sagen sogar jene, denen die jüngste „Hamlet“-Premiere mit viel Nacktheit am dänischen Hofe gar nicht gefiel. Etwas ist faul nicht nur im Staate Dänemark. Vielleicht ist in Zgorzelec ja alles viel einfacher. Schon weil es kleiner ist. Und ärmer. Und weil es das erste Mal europäisch wählen kann.

Ein Schwan steht mitten im Fluss, genau auf der deutsch-polnischen Grenze. Er ist ein Gesamt-EU-Schwan, mit dem rechten Flügel Pole, mit dem linken Deutscher. Das Wasser lässt noch viel Schwanenbein frei. Man begreift, warum der Schmuggel von Luxuskarossen auf Schlauchboot-Pontons regelmäßig scheitert. Für die Neiße hat ja sogar ein schwimmender Schwan zu viel Tiefgang.

In Frankfurt ist die Oder breit genug für die Suggestion, dass auf ihrem östlichen Ufer etwas anderes anfängt. Und dass eine ganze Staatsgrenze dazwischen passt. Aber hier könnte man sich von einem Ufer zum anderen „Guten Morgen“ zurufen. Oder Ball spielen. Macht aber keiner. Von der polnischen Seite aus können sie den Gästen der „Vierradenmühle“, Deutschlands östlichster Gaststätte, beinahe auf die Teller gucken. Das Bild stimmt auf eine ungute Weise. Es ist wie ein Auf-die-Teller-gucken. Von Deutschland aus wirkt Polen wie früher die DDR. Vielleicht deshalb liegt so ein Wiedererkennen in manchen Blicken. Grau die alten Häuser, und dahinter wachsen schon die Platten-Neubaublocks. Gegen die deutsche Seite hat die polnische keine Chance. Schon rein historisch nicht. Denn das heutige Zgorzelec war immer nur die Vorstadt. Die schlesischen Jäger waren dort stationiert und ein paar Villen. Heute ist es eine wuchernde Vorstadt.

Pass vergessen! Bei der Erkenntnis ruft eine erfahrungstiefe innere Instanz sofort: Umkehr! Aber warum nicht die Probe machen? Wenn Polen jetzt wirklich zur EU gehört, müsste man dann nicht einfach mit dem Ausweis über die Grenze kommen? Und das Wunder geschieht. Über die Brücke gehen, als sei nichts normaler als das. Nicht einmal den Ausweis will jemand sehen.

Zgorzelec ist eine andere Welt. Man hat es gewusst und ist doch überrascht. Grenzstadtatmosphäre. Deutsche Wegweiser zu billigen Zigaretten. Dass am Sonntag Europawahl ist, scheint keinen hier zu interessieren. In Görlitz halten die Parteien fast jeden Laternenpfahl besetzt, auch weil zugleich Kommunalwahl ist. Hier sind alle Laternenpfähle frei. Alte Frauen sitzen in Schürzen auf den Bänken. Junge Männer schauen gruppenweise aus Haustüren, die nichts vom Selbstbewusstsein der Görlitzer Haustüren haben. Und man muss sehr weit gehen, um auf die erste Spur der ersten polnischen Europawahl zu stoßen. An einer Litfasssäule klebt schwarz auf weiß eine Kandidatenaufstellung in 19 Listen. Der Plakatkleber hat das riesige Plakat an einer Seite nicht festgeklebt und sogar ein wenig eingerissen, damit die Todesanzeige darunter nicht verdeckt wird. Das ist polnischer Takt. Kein Europakandidat verdecke einen Zgorzelecer Toten! An solchen Gesten begreift man den Unterschied der Nationen. Es gibt auch ein paar Plakate mit himmelblauem Untergrund. Auf einem ist ein Jungdynamiker, der gehört zur Platforma Obywatelska (Bürgerplattform). Der Kandidat der Sozialdemokraten sieht eher aus wie Rudi Carrell. Von der populistischen Anti-Europapartei, der Samoobrona (Selbstverteidigung), ist nichts zu sehen.

Natürlich ist das polnische Rathaus nicht so schön wie das Görlitzer. Und der polnische Bürgermeister ist nicht da. Der ist drüben in Görlitz. Sonderveranstaltungen zur Europawahl gibt es in Zgorzelec auch nicht. Man müsse das verstehen, sagt ein Rathaus-Sprecher. Die Polen haben gerade Angst um ihre Krankenhäuser. Eigentlich sind die meisten polnischen Krankenhäuser pleite. Sie können ihre Stromrechnungen nicht bezahlen. Inzwischen legen Patienteninitiativen Eisenketten um die Stromzähler, damit keiner da rankommt. Was hat Straßburg zu tun mit polnischen Krankenhäusern? Gar nichts. Was hat Görlitz zu tun mit Zgorzelecer Krankenhäusern? Gar nichts. Trotzdem gibt es ein Görlitzer Parallelproblem, ebenfalls denkbar uneuropäisch, gleichwohl existenziell. Das ist das Helenenbad-Problem. Die „Görlitzer Allgemeine“ titelte bereits: „Helenenbad. Die unendliche Geschichte. Auch 2004 kein Freibad für Görlitz“. Fazit: Das Bad, erbaut 1922 vom Arbeiterschwimmverein, überstand alles, die DDR, die Wende, nur die derzeitige Stadtregierung nicht.

Im vierten Stock des Görlitzer Rathauses sitzt ein Mann, dem all das eigentümliche Befriedigung zu bereiten scheint. Dass im einzigen Görlitzer Freibad seit Jahren nur noch die Enten schwimmen, hält er für ein Indiz. Horst Sagner ist Geschäftsführer der „Bürger für Görlitz e.V.“. Die „Bürger für Görlitz“ haben die meisten, die größten und besten Plakate in der Stadt. Darauf steht: „Die Bürger sind wir.“ Es klingt wie ein wiedererwachter Herbst ’89. „Wir sind das Volk“, nur diesmal spezieller: das Kommunalvolk. Sagners Feind sind die herkömmlichen Parteien und ihre „vernunftfeindlichen“ Sonderinteressen. Die „Bürger von Görlitz“ könnten am Sonntag zur stärksten Kraft werden. Bloß der Name einer Europapartei ist das nicht. Eher der einer Partei, wie sie in Städten ohne Freibad vorkommt. – „Europa? Ich interessiere mich für Görlitz“, sagt Sagner und fragt mit Stechblick: „Wen wählt man denn da?“ Die Listen seien doch alle schon festgelegt. Es klingt wie: Straßburg und Brüssel können auch nicht anders sein als das Görlitzer Rathaus, nur viel größer.

Wenn es die „Bürger für Europa“ gäbe! Aber jetzt hat Sagner keine Zeit mehr. Er muss zur Europamarathon-Sitzung. Der Marathon ist die einzige Veranstaltung zur Europawahl auf beiden Seiten. Eine Idee der „Bürger für Görlitz“. Der polnische OB, der vorhin nicht in Zgorzelec war, ist auch da. Er sieht ein wenig aus wie der einstige polnische Staatschef Jaruzelski, militärisch korrekt, dunkler Anzug, trotz der Wärme. Er spricht mit dem Görlitzer Marathonläufer und Besitzer des Weinhauses Krüger sowie des Restaurants „Lucie Schulte“, Axel Krüger.

Der eröffnet die Sitzung. Der erste Tagessordnungspunkt lautet „Koordinierung offener Probleme“ (!). Nach jedem Satz entsteht eine Pause, denn es wird simultan übersetzt, auch Sätze wie: „Die Getränkefrage ist politisch ganz wichtig. Die Wettersituation rechtfertigt eine Aufstockung des Kontigents.“ Es ist eine Stunde angewandter Europa-Kommunalpolitik. Vielleicht war es ja ganz falsch, zu glauben, Städte wie Görlitz und Zgorzelec würden vor allem nach Straßburg und Brüssel schauen. Sie sind doch selbst das neue Europa. Einen grenzüberschreitenden Marathon gab es noch nie, nirgends. Der polnische Bürgermeister wahrt militärische Haltung. Auch als die Polen zu „adäquater Leergutrückgabe“ ermahnt werden. Die polnische Seite schlägt nach kurzer Beratung statt „adäquater Leergutrückgabe“ Einwegflaschen vor. Sie erfährt, dass es im EU-Kernland Bundesrepublik nichts gibt, was nicht „bepfandet“ ist. Auch die Kästen. Ein Anflug von Bestürzung zeigt sich auf den polnischen Gesichtern. Und das alles kriegen sie jetzt auch?

Vielleicht sind die „Bürger für Görlitz“ die neuen grenzüberscheitenden Renaissance-Menschen, passend zu ihren Türen. Straßburgfernste und straßburgnächste Punkte zugleich. Kann Europa denn etwas Besseres passieren? Viele Görlitzer Neubürger gehören dazu. Da ist der Bremer Architekt, der hier eigentlich nur etwas bauen wollte und dann ganz hergekommen ist und das polnisch-amerikanische Ehepaar, das immer auf Hawaii lebte – bis es zum ersten Mal Görlitz sah. Dasselbe passiert gerade ein paar Bonnern. Und da ist eben der Marathonläufer und Gastronom Axel Krüger, in dessen „Lucie Schulte“ sich alle treffen. Im Hintergrund streitet der örtliche Theaterverein mit dem Regisseur über dessen jüngste „Hamlet“-Inszenierung. Das Görlitzer Renaissance-Bürgertum konnte Bevormundung noch nie leiden. Also hatte man vorsichtshalber keinen Adel. Und wählte sich den König lieber selber. Das wird nun wieder so. Ist es nicht eine Zumutung, eine Partei wählen zu müssen, die man nicht selbst gegründet hat? Und eine Zeitung zu lesen, die man nicht selbst geschrieben hat? Görlitz hat seit 33 Tagen eine ganz neue Zeitung, eben die „Görlitzer Allgemeine“. Sie bringt Kommunalpolitik im Weltpolitikformat. Redaktionsschluss ist eigentlich um 20 Uhr 30, aber meist müssen die Drucker in Wroclaw bis 22 Uhr warten.

Die Polen haben gleich hinter der Grenze nicht nur billige Druckereien, sondern auch drei Freibäder. Also könnten die Görlitzer doch zu den Zgorzelecern freibaden gehen. Aber bisher fuhren sie lieber die 30 Kilometer bis nach Muskau. Als die Polen im Juni 2003 über den EU-Beitritt abstimmen sollten, waren auch alle baden. Aber kurz vor Schließung der Wahllokale kamen sie dann doch. Kann sein, dass es bei den ersten Europawahlen für Polen ähnlich wird. In Görlitz gehen sie sowieso wählen, schon wegen der „Bürger für Görlitz“.

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