STADTANSICHTEN : Bunkerbilder

Julie Mehretu in der Deutschen Guggenheim

Christina Tilmann

Stadttopographien sind ihre Spezialität. Im Winter 2007 war sie Gast der American Academy in Berlin und fuhr täglich von der eleganten, komfortablen Villa am Wannsee nach Wedding, in ihr nüchternes Atelier – eine Zeitreise, kaum fassbar, dass das alles eine Stadt war. Und ging mit S- und U-Bahn auf Motivsuche, am Alexanderplatz, am Olympiastadion, überall dort, wo Mobilität und viele Menschen in der Stadt zusammenkommen.

Solche Orte sind Markenzeichen der 1970 geborenen Äthiopierin, die in Michigan aufwuchs und heute in New York lebt. Orte allerdings, die bis zur Unkenntlichkeit verwandelt wurden: Schichten über Schichten legt Mehretu über ihre Bilder, grafische Strukturen, abstrahierend, sich verknäulend, verwirrend und verirrend. Es sind Großformate, die den Effekt von Trugbildern haben: Man schaut hin, immer länger, und alles beginnt sich zu bewegen.

Für die Deutsche Guggenheim, die jeweils im Herbst eine Auftragsarbeit präsentiert – zuletzt hatte Anish Kapoor sein Roststahl-Ufo im Haus Unter den Linden landen lassen –, hat Mehretu mit Grey Area einen siebenteiligen Gemäldezyklus geschaffen – und erinnert damit, bewusst oder unbewusst, an Gerhard Richter, der hier vor Jahren mit seinen monochrom grauen Tafeln zu Gast war. Die Motive der seit 2007 entstandenen Großformate stammen aus den Erfahrungen der Berliner Monate, aber auch aus dem Irak Saddam Husseins oder den Weltkriegsbunkern des Atlantic Walls an der Nordsee.

Krieg und Zerstörung, eine Konstante menschlicher Existenz – Berlin kann ein Lied davon singen, noch heute. Christina Tilmann

Deutsche Guggenheim , Mi 28.10. bis Mi 6.1., tägl. 10-20 Uhr, Do bis 22 Uhr, 4/3 €, Mo: Eintritt frei

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