Zeitung Heute : Stadtführer sauer - Kirchenleitung möchte mehr Andacht gewährleisten

Andreas Osterhaus

Cathérine Lai ist pikiert. Seit 18 Jahren müht sie sich, den Touristen das kulturelle Erbe in Paris nahe zu bringen - und jetzt hat sie in der Kathedrale Notre Dame Redeverbot. "Dabei haben wir ein Diplom", sagt die Stadtführerin mit einem nicht zu überhörenden Seitenhieb auf die einzige Gruppe, die jetzt noch Führungen durch die berühmte Pariser Kathedrale machen darf: christliche Freiwillige. Um den Lärmpegel in Notre Dame zu drosseln, hat das Erzbistum im Heiligen Jahr beschlossen, dass es nur noch Führungen zu bestimmten Uhrzeiten gibt und nur noch solche, die "zum christlichen Glauben hinführen". Der Konflikt mit den staatlich geprüften Reiseleitern war programmiert.

Auch Caroline Haury findet den Schritt des Erzbistums "sehr schlecht". Früher war sie mit ihren Gruppen eine Stunde lang durch die Kirche geschlendert, hat geduldig die steinerne Chorschranke aus dem 14. Jahrhundert und die prächtigen Fensterrosen erklärt. Jetzt muss eine Viertelstunde reichen. Die Profis sind sich einig: Es hat keinen Sinn, den Touristen die Einzelheiten aus dem Kirchenraum schon auf dem Vorplatz zu erklären.

Die Gewerkschaft CFE-CGC, in der die professionellen Führer organisiert sind, läuft Sturm gegen das Redeverbot. Qualifizierten Fachleuten werde mit den christlichen Freiwilligen eine "unlautere Konkurrenz" vor die Nase gesetzt, ereifert sich die Gewerkschafterin Virginie Brouillard. Das will Thierry Grandjean, Sprecher des Erzbistums Paris, nicht gelten lassen. Notre Dame sei schließlich trotz zwölf Millionen Besuchern pro Jahr in erster Linie eine Kirche, kein Touristen-Rummelplatz. Bis vor kurzem hätten im Kirchenraum "zehn Führer gleichzeitig geredet, einer lauter als der andere".

Nicht jeder sieht das Verbot so dramatisch. Der deutsche Reiseleiter Sven, der seit acht Jahren freiberuflich in Paris im Einsatz ist, hat sich schon längst abgewöhnt, seinen Gruppen im Inneren der Kirche Erläuterungen abzugeben. Gerade an Feiertagen wie Ostern und Himmelfahrt gehe es dort "wirklich chaotisch" zu, sagt Sven. Er gibt seine Erläuterungen draußen ab, schickt die Gruppen dann zu einem Rundgang in die Kirche und geht inzwischen einen Kaffee trinken.

Die Gesellschaft Casa organisiert Führungen, die mit dem Segen des Erzbischofs noch in der Kirche abgehalten werden dürfen. An Wochentagen immer um zwölf Uhr mittags gibt es eine Führung auf Französisch, am Dienstag auch auf Deutsch. "Wenn ich nicht an Gott glaubte, könnte ich das nicht tun", sagt Genevive Gohon, eine frühere Deutschlehrerin, die seit kurzem zur Gruppe der handverlesenen Casa-Führer zählt. Sie habe "den Auftrag, die Kathedrale als Ort des Glaubens darzustellen".

16 Zuhörer schenken Gohon anderthalb Stunden Gehör. Sie erläutert, dass in der Rose an der Nordseite der Kirche Figuren aus dem Alten Testament zu sehen sind. An der dunklen Seite der Kirche sei die Zeit des Alten Testaments abgehandelt, als "noch auf den Messias gewartet wurde". Dann lenkt sie die Blicke auf die Rose an der Südseite, mit den Darstellungen zum Neuen Testament. Als die Strahlen der Mittagssonne durch die Rose brechen, zitiert Gohon den Evangelisten: "Christus ist das Licht der Welt".

Die Touristengruppe ist mit Gohons Art der Erläuterungen ganz zufrieden. "Man merkt, dass sie viel Hintergrundwissen hat", meint Michael Steineke aus Limburg. Er wundert sich, dass Casa gar kein Geld für die Führungen verlangt. "Denn sonst gibt es in Paris nichts umsonst."

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