Zeitung Heute : Städtische Strände füllen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Walther P. Sommer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Wenn einer nicht aus einer großen Stadt stammt, wie Berlin es ist, dann wundert er sich doch sehr über den Versammlungswillen der Großstädter. Nun wohnen sie schon dicht an dicht, klopfen an Decken und Wände, wenn ihnen die Nachbarn zu laut sind, sie schmiegen sich in ihren Nahverkehrsmitteln aneinander und sehnen sich nach einem Auto, in dem sie wenigstens drei Quadratmeter ganz für sich hätten (andererseits wissen sie, dass schon zu viele von ihnen diese drei Quadratmeter für sich beanspruchen und daher auf den Straßen viel langsamer vorankommen als jene in den vollgestopften Bussen und Bahnen). Nun können sich die Großstädter also wirklich nicht beklagen, sich allzu selten unter, neben oder übereinander zu befinden – und doch gilt, so scheint es, all ihr Trachten der Vollfüllung größtmöglicher Versammlungen.

Man könnte hier die Love Parade anführen, den Christopher Street Day oder ähnliche Großveranstaltungen, die aber finden viel zu selten statt, als dass sie wirklich als Symptome des andauernden Versammlungswillens gelten könnten, außerdem dürfte man einwenden, dass sich vor allem Kleinstädter von außerhalb daran beteiligen.

Hier soll das Phänomen der innerstädtischen Strandkultur als Beleg metropolitanen Gemeinschaftsdranges dienen. Mindestens drei künstlich angelegte Strände gibt es in der Berliner Innenstadt, zuletzt öffnete der „Bundespressestrand“ inmitten der reichstäglichen Betonwüste. Außerdem stapfen die Eventbesessenen am „Oststrand“ durch den weichen Sand, gleich hinter der East Side Gallery in Friedrichshain, mit Blick aufs Kreuzberger Ufer.

Schließlich, und diesen Irrsinn muss man sich mal angesehen haben, ist da die „Strandbar Mitte“. Gegen die wirken Riminis Stapelstrände unendlich weit und menschenleer. Hier, inmitten Berlins Mitte ist es am Abend kaum mehr möglich, den mühsam aufgeschütteten Sand zu sehen, auf jedem Quadratzentimeter liegt mindestens ein Großstädter. Und das ist natürlich ein Dilemma: Wer einen Platz am Spreegeländer haben will, der muss ihn Stunden vor Sonnenaufgang besetzen und braucht noch jemanden, der ihm die notwendigen Getränke regelmäßig von der Bar beschafft (selbst aufzustehen wäre selbstverständlich töricht). Der Getränkebote müsste allerdings ein rücksichtsloser Knochen sein, denn er müsste viele im Wege kauernde Großstädter mit Füßen treten. Dass man das Wasser der Spree hier nicht plätschern hört, liegt zum einen daran, dass die Strandbarmenschen pausenlos anstoßen oder sich anstößige Dinge zurufen. Zum anderen fließt, also plätschert die Spree derzeit mangels Wassernachschub ja gar nicht, was wiederum den Lärm der Großstädter verzeihbar macht.

Warum nun tun die das, die Großstädter? Warum versammeln sie sich so gern? Vielleicht sind das ja alles Neu-Berliner, die gerne auf Alt-Berliner stoßen würden, um sich das mit der Versammlungslust erklären zu lassen. Das allerdings wäre misslich, denn wer sollte ihnen diese Antwort geben?

Die „Strandbar Mitte“ befindet sich im Monbijoupark gegenüber dem Bodemuseum. Sehr voll ist es abends auch am „Oststrand“ am Mühlendamm.

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