Zeitung Heute : Stärke durch Unsichtbarkeit

Wo ist bloß Angela Merkel? Sie führt nicht, sagen die einen. Sie wird immer souveräner, die anderen

Peter Siebenmorgen

Am Sonnabend, als in der SPD das Schicksalsdrama um Franz Müntefering die letzte Biegung seines unabwendbaren Lauf zu nehmen begann, verfolgte Angela Merkel, die CDU-Vorsitzende und Demnächst-Bundeskanzlerin, gleichfalls einen hochdramatischen Stoff. Sie saß nämlich mit ihrem Mann Professor Sauer in der Berliner Philharmonie und erfreute sich dort am konzertant gegebenen ersten Aufzug der Walküre. Als wäre das wahre Leben selbst nicht aufwühlend und tückisch genug.

Aber irgendwie passt das zur ganzen Situation. Denn die Verträge sind schon gebrochen, bevor sie richtig in Kraft waren – Stoiber bereitet gerade seinen Rückzug aus Berlin vor, dem Treueschwur der vorangegangenen Wochen zum Trotz. „Ein Schwert verhieß mir der Vater“, heißt es zu Beginn der dritten Szene – und tatsächlich suchen sie ja auch im politischen Berlin nach einer alles ordnenden Wunderwaffe. Zudem: Im ersten Walküre-Akt fehlen einige der wichtigsten Figuren des „Ring“: Wotan und Brünnhilde kommen erst später, Siegfried ist noch nicht geboren – das Personaltableau der Oper ist zu diesem Zeitpunkt ähnlich unvollständig wie das der künftigen Bundesregierung und der sie tragenden Säulen. Und überhaupt, der „Ring des Nibelungen“: Die Starken erweisen sich am Ende als schwach, List und Tücke hinter jeder Ecke, Vatermord und Treuebrüche, es nimmt kein gutes Ende. Ob es politisch so kommen wird, steht dahin, aber in diesen Tagen sind Ahnung und Stimmung bei den künftigen Koalitionären von Union und SPD durchaus von wagnerischem Format.

Fast ist es schon so, dass man in die Philharmonie gehen muss, um der zukünftigen Kanzlerin überhaupt ansichtig werden zu können. Die dicken Brocken in den Koalitionsverhandlungen, die sollen mal schön die anderen rollen. Roland Koch zum Beispiel, der sich um die Staatsfinanzen zu kümmern hat, was ihm nicht nur besonders viel öffentliche Aufmerksamkeit einbringt, sondern auch von bösen Gedanken beim Spiel um die Macht recht effektiv ablenkt. Oder Edmund Stoiber, der mit seinem Hü und Hott genauso unüberhörbar ist. Von dem öffentlichen Spektakel der Sozialdemokratie ganz zu schweigen. Nur Angela Merkel ist kaum zu sehen.

„Sie führt nicht“, sagen die einen in ihren Reihen, doch das ist die Minderheit. Die meisten finden vielmehr, dass sie in diesen Tagen durch Unsichtbarkeit an Stärke gewinn. So sind sie denn auch hochzufrieden, als Angela Merkel am Dienstag vor der Bundestagsfraktion einen ziemlich allgemein gehaltenen Bericht zur Lage abgibt, der in seiner Unaufgeregtheit und Banalität durchaus zu Münteferings eigener Charakterisierung seines Rückzugs – „tagespolitisches Ereignis“ – passt. Sie moderiere nur, führe nicht, sei überhaupt sehr zurückhaltend, berichten Sitzungsteilnehmer. Sie haben aber auch beobachtet, wie sie ständig durch die Reihen zieht und unzählige kurze Einzelgespräche führt. Und dass die Unsichtbare unendlich müde aussieht. Ständig habe sie während der Sitzung gegähnt, so oft, dass der Arm, die Hand zum Munde führte, gewiss schon bald erlahmt gewesen sein musste.

Mögen andere, mögen die Medien Führung, Substanz und Inhalt bei ihr vermissen – die eigenen Leute tun dies nicht. Die Berichte aus den Koalitionsverhandlungen, so nichts sagend sie sind, so wenig Einigung mit der SPD sie in den wirklich heiklen Fragen der Steuer-, Finanz- und Sozialpolitik künden können – in der Union scheint das nur wenige zu stören. Die Meisten sind dankbar, dass jetzt endlich bald regiert werden soll.

Und richtig Freude kommt auch noch auf. Wenn nämlich das Gespräch auf Edmund Stoiber kommt: „Wir brauchen Leute, die bereit sind mitzumachen“, hat der designierte Wirtschaftsminister Michael Glos in der Fraktionssitzung gesagt und dafür einen Riesenbeifall eingefahren. Der aber, der damit gemeint war und weiterhin bayerischer Ministerpräsident bleiben will, ist um diese Uhrzeit im schönen Rom. Da könne er auch ruhig bleiben, finden mittlerweile nicht nur viele in der CDU, sondern auch in Stoibers eigenem Verband, der CSU.

„Persönlich ist sie ganz gut damit gefahren, nicht zu führen“, findet einer der verbliebenen Merkel-Skeptiker aus der CDU-Führung. Zwar wisse immer noch niemand, wohin die Reise für Partei und Land gehen soll, auch zeichneten sich noch keine Konsenslinien zwischen den künftigen Koalitionären in den wirklich heiklen Fragen ab. Doch ihre Machtbasis sei jetzt gefestigter denn je. Die SPD? Mit sich selbst beschäftigt! Die CSU? Stoiber taugt nicht mehr zum Gegenspieler. Und in der CDU? Da droht auch keine Gefahr mehr. Roland Koch ist bestens eingebunden. Sein Vortrag vor der Fraktion über den Stand der Finanz- und Steuerverhandlungen sei nicht nur brillant gewesen, sondern auch Ausdruck „echter Loyalität“ zu Vorsitzenden, meint ein eigentlich stets misstrauischer Sitzungsteilnehmer. Christian Wulf, der Niedersachse, ist zurzeit mindestens so tief abgetaucht wie Angela Merkel.

So ist die Kanzlerin in spe also stärker geworden, weil alle anderen schwächer wurden. So besehen ist die Bühne ihr schön bereitet. Aber noch sind wir ja beim Vorspiel.

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