Zeitung Heute : Stärken der Pferde

Der Kanzlerbesuch und das Interesse der Saudis

Andrea Nüsse[Riad]

Es regnet in Strömen, Regen ist eine Wohltat für ein Wüstenland, aber das wissen sie nicht. Die Leute vom Bundespresseamt hoffen, dass er aufgehört hat oder wenigstens nachlässt, wenn Gerhard Schröder aus dem Flugzeug steigen wird. Der deutsche Botschafter dagegen sitzt in der Flughafenhalle und zieht sich in aller Ruhe Galoschen über die Schuhe. Der Botschafter ist sich sicher, dass jeder Gesprächspartner dem deutschen Bundeskanzler für den mitgebrachten Regen danken würde. Zumindest dafür.

Gerhard Schröder hatte bei seiner Reise nach Saudi-Arabien noch mehr dabei: eine große Wirtschaftsdelegation. 190 Firmen hatten sich für die Delegation beworben, nach Riad sind dann 30Unternehmensvertreter mitgekommen. Ein hoher Beamter aus dem saudischen Außenministerium fragte erstaunt, ob der Kanzler immer mit einem so großen Tross reise. Vielleicht, weil er einen solchen Hofstaat nur dem eigenen Königshaus zutraut.

Zum späten Mittagessen am Sonntag füllt sich der in grün gehaltene Saal im Palast des Kronprinzen jedenfalls mühelos. „Willkommen in meiner bescheidenen Hütte“, sagt Abdullah bei der Begrüßung im Weihrauchnebel. Schröder sagt, dieser Palast sei doch wesentlich größer als seine eigene Residenz. Aber er tritt selbstbewusst auf, er will die heimische Wirtschaft gut darstellen.

Am interessantesten für die Gastgeber ist vielleicht die deutsche Pferdebranche. Der Pferdezüchter Paul Schockemöhle und der Springreiter Ludger Beerbaum gehören zur Delegation, und während Schockemöhle beim Essen im Kronprinzenpalast sofort Zugang zu seinem saudischen Tischnachbarn findet und angeregt die Preise für arabische Zuchthengste diskutiert, darf Beerbaum auf Einladung des Vorsitzenden des saudischen Pferdeverbandes ein Gestüt besichtigen.

Weniger Glück hatten die anderen Unternehmer. Statt der angekündigten drei Minister trifft sich nur der stellvertretende Erdölminister Prinz Abdulasis bin Salam bin Abdulasis mit ihnen. Der Mann kann dann auch dem Vorstandsvorsitzenden der Herrenknecht AG, Martin Herrenknecht, wenig Auskunft darüber geben, ob Saudi-Arabien in Kooperation mit Siemens am Bau von U-Bahnen interessiert sei. Dafür hätte es des Transportministers bedurft, der jedoch nicht gekommen war.

Zumindest mit ihrem Kanzler können die deutschen Wirtschaftsvertreter zufrieden sein. Schröder preist das duale Ausbildungssystem in Deutschland. In Saudi- Arabien gibt es einen Ausbildungsnotstand, die Arbeitslosigkeit soll bis zu 30 Prozent betragen. „Wir wollen nicht nur Markt, sondern stellen auch Ausbildungshilfe in Aussicht.“ Ausdrücklich lädt Schröder auch saudische Studenten nach Deutschland ein, wo an einigen Universitäten bereits Studiengänge in Englisch angeboten würden. Das wird in Riad wohlwollend zur Kenntnis genommen, da wegen der verschärften Einreisebestimmungen immer weniger Saudis zum Studium in die USA gehen. Und damit leitet Schröder zum nächsten Punkt über: Er möchte saudische Investitionen nach Deutschland ziehen. „Die erhebliche wirtschaftliche Kraft Saudi-Arabiens“ solle auch in Deutschland „sichtbar“ werden, sagt er.

Was kann Deutschland noch bieten? Wirtschafts- und Planungsminister Chalid bin Mohammed al Gosaibi verweist auf Goethes völkerverständigendes Werk „West-östlicher Diwan“. Und passenderweise erinnert man sich daran, dass Deutschland als einer der ersten Staaten diplomatische Beziehungen mit Saudi-Arabien aufgenommen hat. Im April 1929 war das, Deutschland war noch das Deutsche Reich. Im Nationalmuseum von Riad eröffnete Schröder eine Fotoausstellung zum 75-jährigen Jubiläum dieses Ereignisses, das zwar nicht genau 75 Jahre her ist und ohne Kanzlerbesuch und wirtschaftliche Not vielleicht auch in Vergessenheit geraten wäre. Aber so untermauert es elegant Schröders Behauptung, man sei nicht nur am saudischen Markt interessiert.

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