Zeitung Heute : Stalin aufs Dach steigen

Lars Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Die pompösen Bauten in der Karl-Marx-Allee gehören bei mir zum festen Bestandteil jeder Stadtführung für Gäste von außerhalb. Seit neuestem kann ich meinen Besuchern eine zusätzliche Attraktion bieten: Den Aufstieg aufs Dach mit spektakulärem Rundumblick über die einstige Stalinallee. Den bietet seit einigen Wochen Karl-Marx-Allee-Lobbyist Artur Schneider an. Der betreibt das Café Sibylle und zeigt dort eine liebevoll gemachte Ausstellung zur Geschichte der einstigen sozialistischen Vorzeigestraße. Damit die Gäste die Bauten noch besser als Ensemble bewundern können, hat er jetzt auf dem Dach eine Plattform eingerichtet, auf die er nach Vereinbarung Besuchergruppen führt.

Der Blick von dort ist phantastisch. Von den Hochhäusern am Strausberger Platz wandert er zu den Türmen des Frankfurter Tors, die von hier aus den historischen Vorbildern am Gendarmenmarkt noch ähnlicher sehen als sonst. Man sieht die Müggelberge und den „Mont Klamott“ im Volkspark Friedrichshain, das Riesenrad im Plänterwald und die Hochhausriegel Marzahns. Während man sich umschaut, erzählt Artur Schneider vom Architekturstil der Nationalen Tradition, von ähnlichen und doch ganz anderen Bauten in Warschau, Bukarest und Kiew und von den Hausgemeinschaftsfesten, die die Bewohner in den 50er Jahren hier oben feierten. Das ist alles interessant, aber das Schönste ist der Blick auf das zwei Kilometer lange Baudenkmal und die umliegenden Straßen. Erst aus der Vogelperspektive kann man das Bauwerk als ästhetische Einheit wahrnehmen. Außerdem sieht man von hier oben Details, die beim Flanieren auf dem Gehweg unsichtbar bleiben, zum Beispiel die Dachgärten, die sich einige Bewohner eingerichtet haben.

Hinterher kann man die Impressionen unten im Café Sibylle vertiefen. Dort gibt es Informationstafeln, Bücher, Fotos und Souvenirs aus den 50ern. Die größte Attraktion sind aber eine Nachbildug von Stalins Ohr und ein Stück von seinem Bart: Die stammen vom Denkmal für den Diktator, das neben dem Café bis 1963 stand. So anschaulich kriegt man Berliner Geschichte selten präsentiert.

Anmeldung für die Aussichtsplattform: Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72, Tel. 29352203. Gruppen bis fünf Personen 12,50 Euro. Größere Gruppen: 2,50 Euro pro Person. Vortrag 15 Euro.

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