Stammzellenforschung : In Teufels Küche

Sie suchen nach der Formel des Lebens. Ihre Kritiker nennen sie „Frankensteine“, denn Stammzellforscher arbeiten mit Embryonen. Nun diskutiert der Bundestag, was die Wissenschaftler künftig dürfen - und vor allem: was nicht.

James Adjaye
Zukunftsforscher: James Adjaye arbeitet an einer Methode, die den Gebrauch von Embryonen überflüssig machen könnte.Foto: Mike Wolff

Der dunkle, runde Behälter neben ihm enthält alles, das gesamte Rätsel, dem er, Daniel Besser, auf der Spur ist. Vielleicht sein Leben lang. Ein einfacher Behälter, wie ein Bierfass, Aufschrift: „Cryomed“. Der Inhalt nährt die Fantasien von Millionen Menschen in aller Welt. Ewige Jugend – oder Unheil der Menschheit. Vorsichtig hebt Besser den Deckel vom Behälter, weißer Nebel kriecht heraus. Es ist Stickstoff, der verdampft. Unter dem Dampf ist der Stickstoff flüssig und minus 144 Grad kalt. Es ist genau die richtige Temperatur für das, was hier, in Raum 2073, aufbewahrt wird: menschliche embryonale Stammzellen.

Besser ist Anfang 40, groß, mit braunen Augen und braunem Haar und einem kleinen Bärtchen auf dem Kinn. Ein jugendlicher Typ. Er arbeitet im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, kurz MDC, im Norden Berlins. Sein Beruf: Stammzellforscher. Für jemanden wie Besser gibt es kaum Aufregenderes, als dem Geheimnis dieser Zellen näherzukommen. Wunderzellen, Alleskönner. Sie sind nicht wie die üblichen Zellen des menschlichen Körpers. Sie sind die Urzellen des Menschen, der Körper mitsamt all seinen Organen entsteht daraus. Sie haben das Potenzial, sich in beinahe jeden Gewebetyp zu verwandeln, in Herz-, Leber- oder Nervenzellen. Mediziner träumen davon, mit ihrer Hilfe eines Tages altes, krankes oder abgestorbenes Gewebe durch frisches zu ersetzen. Rückenmarksverletzungen, Parkinson, Diabetes – das sind nur einige der Leiden, die durch Stammzelltherapie geheilt werden könnten. Die Stammzellforschung, das ist die Vision, könnte den ewigen Jungbrunnen finden. Eine Art Bio-Ersatzteillager.

Diese Hoffnung hat in den letzten Wochen und Monaten neue Nahrung bekommen: Forschern gelang zuletzt ein Durchbruch nach dem nächsten.

Kritiker dagegen, darunter viele Politiker und Kirchenvertreter, halten so manches von dem, was die Stammzellforscher verkünden, für Augenwischerei. Nicht wenige sehen in den Stammzellforschern moderne Frankensteine, die, fernab der Öffentlichkeit, Embryonen klonen und töten. Die den Menschen umbasteln und gentechnisch verbessern wollen. Die in verschlossenen Labors mit Reagenzgläsern und Pipetten hantieren, an einem ethisch sterilen Ort, wo der Mensch zur reinen Biomasse degradiert ist.

Besser ist auf dem Weg in sein Büro. Junge Menschen in Kitteln huschen durch die Institutsflure. Besser betritt das schmale Zimmer, das er mit seinen drei Doktoranden teilt. Überall liegen Fachpublikationen herum. Besser und seine Kollegen wirken weder wie Wundermediziner, noch wie Forscher, die an der Optimierung der Spezies Mensch arbeiten. Der Alltag im Labor ist eher ernüchternd. „Ich beschäftige mich unter anderem damit, herauszufinden, wie sich eine Stammzelle jung hält“, sagt Besser. Es geht ihm um ganz grundlegende Prozesse: Welche Gene müssen aktiv sein, damit eine Zelle zu einer Stammzelle wird? Und was steuert wiederum diese Gene?

Eine langwierige Arbeit, die viel Geduld erfordert. Und in Deutschland auch eine gewisse Frustrationstoleranz: Die großen Erfolge, die „Durchbrüche“ der vergangenen Monate gab es nicht in deutschen Laboren, sondern in amerikanischen und japanischen. Die Forscher sagen: Ein Grund dafür ist, dass in Deutschland die Züchtung von menschlichen Embryonen zu Forschungszwecken verboten ist. Hierzulande dürfen sie nur embryonale Stammzelllinien – Zellen, die sich unbegrenzt fortpflanzen lassen – aus dem Ausland importieren, die vor dem Jahr 2002 gewonnen wurden. Die „Stichtagsregelung“ ist ein Kompromiss: Sie soll deutschen Forschern Zugang zu Stammzellen ermöglichen. Zugleich soll sie verhindern, dass für Stammzellen neue Embryonen geopfert werden.

Deutschland gehört mit seiner Regelung zu den restriktivsten Ländern weltweit. Seit Jahren klagen Wissenschaftler darüber. Nun haben sie einen neuen Vorstoß gewagt. Auf Betreiben der Deutschen Forschungsgemeinschaft will der Bundestag am Donnerstag eine neue Debatte darüber beginnen, ob die Stichtagsregelung gelockert werden soll. Der Streit ist so elementar, dass der übliche Fraktionszwang nicht gilt. Das macht den Ausgang der politischen Diskussion ungewiss. Sogar die großen Kirchen sind uneins. Als sich der evangelische Bischof Wolfgang Huber zu Jahresbeginn dafür aussprach, den Stichtag auf ein späteres Datum zu verlegen, konterte der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, die Forderung komme einer „Aufhebung unseres Wertefundaments gleich“.

Für Forscher wie Daniel Besser ist die Debatte auf andere Weise existenziell. Überall auf der Welt sind neue Stammzelllinien entstanden, mit denen er nicht forschen darf. Die Kollegen im Ausland tun es längst. Die alten Zellen, die ihm zur Verfügung stehen, haben den Nachteil, dass sie teilweise mit tierischen Zellprodukten und Viren verunreinigt sind – wodurch die Ergebnisse weniger aussagekräftig sein könnten. Im Ausland, befürchtet Besser, werde man ihm immer einen Schritt voraus sein. „Es sei denn“, sagt er, „Deutschland ändert die Stichtagsregelung.“

Den Kritikern geht es vor allem darum, menschliche Embryonen zu schützen. Schließlich, so das Argument, sei schon eine befruchtete Eizelle ein Mensch. Besser sagt, er verstehe die Vorsicht. „Wir gehen ja tatsächlich an Grenzen.“ Er sitzt vor seinem Apple-Computer. Das Mikroskopiebild einer Stammzelle erscheint. Ein kleines, rundes, unscheinbares Gebilde. „Ich bin dafür, dass diese Forschung genau kontrolliert wird.“ So manche Kritik hält er allerdings für überzogen: Ein Embryo, der wenige Tage alt ist, sei etwa so groß wie der Punkt am Ende eines Satzes. „Da ist kein Herz, kein Hirn, nichts“, sagt Besser. „Ein Embryo ist kein Mensch. So, wie eine Eichel eben eine Eichel ist – und keine Eiche.“

Deutschlands Regelung könnte dazu führen, dass Forscher in die USA oder Spanien auswandern, wo liberalere Gesetze herrschen. Besser tut es nicht. Aus privaten Gründen. Acht Jahre lang war er an der Rockefeller Universität in New York. Bis seine Frau, eine Neurobiologin, einen Job am MDC in Berlin bekam und er beschloss, mit ihr zu gehen.

Naturwissenschaftler wirken oft reserviert, Stammzellforscher ganz besonders. Sie reden gerne über ihre Forschung, aber ungern über sich. Womöglich hat es damit zu tun, dass sie sich oft als Frankensteine hingestellt fühlen.

Sogar James Adjaye. Dabei arbeitet der mit einer Methode, die selbst von Skeptikern als ethisch einwandfrei gelobt wird. Vielleicht ist sie die Zukunft. Adjaye forscht im Max-Planck-Institut für molekulare Genetik im beschaulichen Berliner Stadtteil Dahlem, rund 30 Kilometer südöstlich vom MDC. Er stammt aus Ghana, er ist Brite, er hat lange in London gelebt und gearbeitet. Jetzt forscht er in Deutschland. Was ihn, wie Besser, einschränkt, obwohl er auch an einem Verfahren arbeitet, das ohne Embryonen auskommt.

Adjaye spricht leise, sanft, er lächelt viel. Sein Ansatz besteht darin, dass er ausgewachsene Zellen des Körpers, etwa Hautzellen, in einen quasiembryonalen Zustand zurückversetzt. Im Sommer 2007 ist das dem Pionier auf dem Gebiet, Shinya Yamanaka aus Tokio, mit Mäusezellen gelungen.

Ziel von Forschern wie Yamanaka und Adjaye ist es, die Lebensprozesse von ausgewachsenen Zellen, wie Hautzellen, zu verwandeln. Dazu müssen sie deren Genaktivität ändern. Gene steuern die Vorgänge in der Zelle. In Hautzellen sind andere Gene aktiv als in embryonalen Zellen. Der Trick: Die Forscher schleusen Gene, die in embryonalen Zellen besonders aktiv sind, in die Hautzelle. Daraufhin „verjüngt“ sich die Zelle. Sie wird praktisch zu einer Stammzelle.

Eine der größten Schwierigkeiten besteht darin, die Gene in die Hautzelle hineinzubekommen. Dazu nutzen die Forscher Viren, die ohnehin darauf spezialisiert sind, in andere Zellen einzudringen. Die Viren, zuvor bestückt mit den embryonalen Genen, krallen sich an die Hülle der Hautzellen und dringen mitsamt ihrer Fracht in sie ein. Dann beginnt die Zelle, sich zu verwandeln.

Vor wenigen Wochen präsentierte Yamanaka eine Studie, aus der hervorging, dass all dies auch bei menschlichen Hautzellen funktioniert: Der Jungbrunnen ist in jedem Menschen angelegt. Man muss nur wissen, wie man an ihn herankommt. Das ist die Frage, die den Stammzellforscher Adjaye umtreibt.

In Deutschland wurde Yamanakas Bericht begrüßt, eben weil er ohne Embryonen auskommt. Politiker und Kirchenvertreter forderten die deutschen Forscher auf, sie sollten sich auf den ethisch unproblematischen Weg konzentrieren. Adjaye mag in den Jubel nicht einstimmen. Er sagt: „Diese Erfolge wären ohne embryonale Stammzellen nicht möglich.“ Hätte man diese Stammzellen nicht untersucht, wüsste man nicht einmal, wann aus einer Hautzelle eine embryonale Stammzelle geworden ist. Und so hofft auch er, dass sich die Stichtagsregelung ändert.

Der neue Ansatz sei noch lange nicht ausgereift. Die Viren zum Beispiel. Sie nisten sich im Erbgut der Zellen ein – was zu gefährlichen Mutationen führen kann. Adjaye sucht deshalb nach Wegen, Gene ohne Viren in die Zelle zu schleusen. „Das ist uns auch schon gelungen, aber noch nicht besonders gut.“ Die Erfolgsquote liegt erst bei 15 Prozent.

Adjaye steht in seinem engen Labor, zusammen mit seinem spanischen Doktoranden, beide im Kittel. Der Doktorand holt ein paar gelb schimmernde Schalen aus einem Brutschrank, wo die Zellen in 37 Grad und einer Fünf-Prozent-Kohlendioxid-Atmosphäre wachsen: Bedingungen, wie sie im Körper herrschen. Er legt eine Schale unters Mikroskop: Die Hautzellen sehen gestreckt aus, flach, länglich. Gibt man ihnen den Gen-Cocktail, verändert sich ihre Gestalt. Sie werden zu kleinen runden Zellen: Stammzellen – aus denen man theoretisch jede Art von menschlichem Gewebe herstellen kann.

„Alle sprechen von dieser Gewebeersatz-Vision“, sagt Adjaye. „Doch das ist ein Fernziel, interessant vielleicht in zehn Jahren.“ In der näheren Zukunft, sagt er, stehe etwas anderes im Vordergrund: das Testen neuer Medikamente. Beispielsweise ließen sich von einem Alzheimerpatienten Hautzellen entnehmen und mithilfe des Gen-Cocktails in Stammzellen verwandeln. Würde man die Stammzellen anschließend zu Nervenzellen heranzüchten, könnte man an diesem Nervengewebe neue Wirkstoffe erproben. „Ich glaube, hier winkt eine Riesenchance für neue Medikamente“, sagt er. Einen Moment lang ist er still. Er lächelt. „Das alles“, sagt er, „fängt jetzt erst richtig an.“

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