Stammzellenforschung : Zelle des Lebens

Heute debattiert der Bundestag über eine Lockerung des Stammzellgesetzes. Was ist den Abgeordneten wichtiger – Lebensschutz oder Forschungsfreiheit?

Fabian Leber Hartmut Wewetzer

Was sind Stammzellen?



Stammzellen sind die Urzellen des Körpers. Aus ihnen entwickelt sich unser Organismus mit seinen Billionen von Zellen. Während des Heranwachsens spezialisieren sich die Stammzellen. Am Anfang ist ein menschlicher Embryo noch totipotent (von lateinisch totus = ganz): Aus jeder einzelnen Zelle könnte sich ein vollständiger Mensch entwickeln. Danach beginnt das Stadium der Pluripotenz. Pluripotente Stammzellen können sich in alle Zellarten verwandeln, zum Beispiel in Muskelgewebe, Drüsen, Nerven. Aber sie können keinen vollständigen Organismus mehr bilden. Pluripotente Stammzellen haben ein großes medizinisches Potenzial. Menschliche embryonale Stammzellen, über deren Einfuhr der Bundestag heute debattiert, sind pluripotent. Die letzte Stufe der Stammzellentwicklung sind spezialisierte adulte Stammzellen. Sie sind die eiserne Reserve unserer Organe. Aus ihnen rekrutiert sich der Nachwuchs an neuem Gewebe. Adulte Stammzellen sind aber nur für ein Organ oder Gewebe zuständig.

Welche Rolle spielen Stammzellen schon heute in der Medizin?

Adulte Stammzellen aus dem blutbildenden Knochenmark werden bereits erfolgreich bei der Behandlung von Blutkrankheiten wie Leukämien eingesetzt. Außerdem wird versucht, diese Blutstammzellen zur Behandlung des Herzinfarkts einzusetzen. Dabei werden die patienteneigenen Stammzellen im Labor konzentriert und dann direkt in die Schlagadern des Herzens gespritzt. Im Herzmuskel sollen sie dann zerstörtes Gewebe ersetzen. Diese Versuche sind umstritten, da es widersprüchliche Ergebnisse gibt. Von Gegnern der Forschung an embryonalen Stammzellen werden die Experimente aber als Beweis gesehen, dass es auch „ohne“ geht.

Was erhofft man sich von embryonalen Stammzellen?

Wegen ihres großen Verwandlungspotenzials eignen sich embryonale Stammzellen als Quelle für Gewebeersatz. Mit Hilfe biologischer Wachstumsfaktoren und anderer Tricks kann man Stammzellen so manipulieren, dass sie sich in Muskel-, Nerven- oder Drüsengewebe verwandeln. Erst wenn die Stammzellen diese Metamorphose durchlaufen haben, kommen sie für die Medizin infrage. Immer dann, wenn körpereigenes Gewebe durch eine Krankheit zerstört wurde, ist eine Therapie mit Hilfe von Stammzellen denkbar. Also zum Beispiel nach Nervenverletzungen, etwa einer Querschnittlähmung, bei der insulinpflichtigen Zuckerkrankheit (Typ-1-Diabetes), bei der Parkinson- Krankheit oder bei Seh- und Hörstörungen. Die Palette möglicher Zelltherapien ist breit, die Behandlungen sind aber bisher auf Tierversuche begrenzt. In diesen zeigen sich erste Erfolge. So gelang es kürzlich Forschern der kalifornischen Firma Novocell, zuckerkranke Mäuse mit insulinbildenden Zellen aus menschlichen embryonalen Stammzellen zu behandeln. Auch für die Forschung sind embryonale Stammzellen wichtig. Mit ihrer Hilfe kann die Entwicklung des Organismus besser verstanden werden. Zudem könnte die Erprobung neuer Medikamente verbessert werden. Das bislang größte Hindernis für eine Zelltherapie ist die Gefahr von Krebs. Denn die Zellen, die der Patient bekommt, haben ein erhebliches Wachstumspotenzial, das in krebsartiges Wuchern ausufern kann. Dieses Problem ist noch nicht gelöst.

Wie werden embryonale Stammzellen hergestellt?

Für die Herstellung von embryonalen Stammzellen (in Deutschland verboten) benutzt man wenige Tage alte Embryonen, die für die künstliche Befruchtung vorgesehen waren, aber nicht mehr benötigt werden. Die Embryonen bestehen aus wenigen hundert Zellen. Ein Gewebeklumpen im Inneren des Embryos, innere Zellmasse genannt, wird entnommen und dient als Quelle. Die aus einem Embryo hergestellten Stammzellen werden als „Linie“ bezeichnet. Weltweit gibt es mehr als 400 Stammzelllinien. Theoretisch ist es auch möglich, einen Embryo zu klonen und aus diesem Stammzellen zu gewinnen. Man könnte, wie im Fall des Klonschafs „Dolly“, das Erbmaterial eines Erwachsenen benutzen, um genetisch identische Stammzellen zu gewinnen. Bei einer Zelltherapie würde es dann nicht zu einer Abstoßungsreaktion kommen. Dieses Verfahren ist aber aufwändig, da viele Eizellen von Spenderinnen benötigt werden. Es ist zwar bereits gelungen, einen menschlichen Embryo zu klonen, aber noch nicht, Stammzellen aus diesem herzustellen. Die dritte und vielversprechendste Möglichkeit besteht darin, bereits „ausgewachsene“ Zellen etwa aus der Haut genetisch umzuprogrammieren. Dabei entstehen Zellen, die embryonalen Stammzellen stark ähneln und die als „induzierte pluripotente Stammzellen“ (iPS) bezeichnet werden. Das ist als erstem dem Japaner Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto gelungen. Die Methode hat mehrere Vorteile: Zum einen könnte es gelingen, für einen Patienten genetisch maßgeschneidertes Gewebe zu züchten, zum anderen müssen keine Embryonen erzeugt oder zerstört werden.

Welche Stammzellforschung ist bisher in Deutschland erlaubt?

In Deutschland verbietet das seit 2002 geltende Stammzellgesetz grundsätzlich den Import und die Gewinnung embryonaler Stammzellen. Auf Antrag dürfen aber Zelllinien aus dem Ausland eingeführt werden, wenn sie vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Mit der Stichtagsregelung sollen Anreize zur Tötung weiterer Embryonen vermieden werden. Es dürfen auch nur Linien aus Embryonen genutzt werden, die für eine Schwangerschaft gezeugt, aber nicht eingesetzt wurden. Bisher wurden 21 Zelllinien nach Deutschland importiert. Doch in der Wissenschaft wird nun beklagt, dieses ältere Zellmaterial sei oft „verschmutzt“ und unbrauchbar. Deutsche Forscher warnen vor einem Ende der Stammzellforschung in Deutschland und verweisen auf neuere und qualitativ bessere Linien im Ausland. Das ist der Anlass für die Debatte um eine Reform des Stammzellgesetzes.

Wie positioniert sich die Politik?

Beim Stammzellgesetz wird es im Bundestag – wie auch bei anderen ethischen Fragen – keinen Fraktionszwang geben. Es liegen vier fraktionsübergreifende Anträge vor. Im Vorfeld bildeten sich ungewöhnliche Allianzen: Den Antrag für eine vollständige Freigabe des Stammzellimports unterstützen zum Beispiel Gregor Gysi (Die Linke) und Guido Westerwelle (FDP). Für den Erhalt der bisherigen Regelung setzen sich Friedrich Merz (CDU) und Hans-Christian Ströbele (Grüne) ein. Hubert Hüppe (CDU) möchte zusammen mit Konrad Schily (FDP) und dem Grünen Volker Beck am liebsten die embryonale Stammzellforschung ganz verbieten.

Was sehen die vier Anträge vor?

Der Antrag, den Stichtag einmalig auf den 1. Mai 2007 zu verschieben, wird vor allem von Abgeordneten der Koalition unterstützt. Mit der Verlegung soll Forschern ermöglicht werden, an neueren Linien zu arbeiten. Zugleich müsse vermieden werden, dass Embryonen zum Zwecke der Forschung zerstört werden – daher soll auch der neue Stichtag in der Vergangenheit liegen. Der Antrag, die Forschung freizugeben, wird vor allem von FDP-Abgeordneten getragen. Sie halten nichts von einer einmaligen Stichtagsverschiebung. Diese führe nur dazu, dass die gleiche Debatte bald wieder geführt werde. Ein Antrag, es beim bisherigen Stichtag zu belassen, wurde vor allem von Abgeordneten der Union und der Grünen eingebracht. Der vierter Antrag sieht vor, ein absolutes Importverbot für embryonale Stammzellen zu verhängen. Die Unterzeichner argumentieren, die embryonale Stammzellforschung habe bisher keine Erfolge bei der Therapie unheilbarer Krankheiten vorzuweisen. Auch dieser Antrag wird von Teilen der Union und der Grünen unterstützt.

Wie geht es weiter?

Nach der ersten Lesung heute muss es bis zur Verabschiedung eines neuen Gesetzes noch eine zweite und dritte Lesung mit anschließender Abstimmung geben. Anfang März ist zusätzlich eine Expertenanhörung angesetzt. Spekuliert wird über den 14. März als Termin für eine Entscheidung. Es ist zu erwarten, dass die Mehrheit der Abgeordneten letztendlich einem Kompromiss zustimmen wird, mit dem der Stichtag für die Gewinnung von Stammzellen einmalig auf den 1. Mai 2007 verschoben wird. Die übrigen strengen Auflagen für die Forschung im Inland werden wohl beibehalten. Gelockert werden dürfte aber die bisherige Regelung, nach der sich deutsche Forscher auch strafbar machen, wenn sie im Ausland an neueren Stammzellen forschen.

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