Stammzellforschung : Die Chimären kommen

Hartmut Wewetzer

Von Deutschland aus klingt fast unglaublich, was britischen Forschern nun erlaubt wurde. Die Wissenschaftler dürfen mit staatlicher Genehmigung Mischwesen aus Mensch und Tier schaffen. Aber es werden keine Zentauren oder Minotauren entstehen. Sondern lediglich menschliche Stammzellen, die in entkernten tierischen Stammzellen ausgebrütet werden. Trotzdem enthalten diese Zellen sowohl menschliche als auch tierische Erbinformation, sind also streng genommen Chimären. Eine solche Forschung wäre bei uns weit jenseits des Erlaubten. Auch die Briten haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und zunächst eine Umfrage unter ihrer Bevölkerung in Auftrag gegeben: 61 Prozent waren dafür, 25 Prozent dagegen.

Gründe gibt es für beide Positionen. Man kann der Meinung sein, dass hier eine ethische Grenze überschritten wird, die nicht überschritten werden sollte. Nämlich die zwischen Mensch und Tier. Und: Es wird ein Mischembryo erzeugt, dessen einziger Zweck darin besteht, der Forschung zu dienen. Menschliches Leben nicht als Selbstzweck, sondern zum Nutzen anderer: man kann dagegen sein.

Doch auch die andere Seite hat ihre Argumente. Immerhin geht es um die Erforschung und irgendwann auch die Behandlung schwerer Krankheiten wie Diabetes und Parkinson. Die Ethik des Heilens rechtfertigt es, aus Embryonen Stammzellen zu gewinnen, mit denen Krankheiten untersucht und vielleicht eines Tages geheilt werden können. Potenzielles Leben wird geopfert, um reales Leiden zu lindern: Man kann dafür sein.

Die deutsche Gesetzgebung steht fast völlig auf Seiten der Forschungsskeptiker. In ihr weht der Geist des Verbots. Das Stammzellgesetz und das Embryonenschutzgesetz sind vom Misstrauen gegen Wissenschaft und Medizin geprägt. Diese Regelungen stellen einen abstrakten Lebensschutz über alle anderen Interessen. Die Briten dagegen vertrauen ihren Forschern, sie erwarten von ihnen Hilfe für die Zukunft. Vielleicht erwarten sie zu viel, aber sie geben ihnen eine Chance. Ähnlich wie sie denken die Menschen in vielen Ländern. Die deutsche Position dagegen wird fast nirgends geteilt.

Die Konsequenz: Was französische, englische, spanische oder amerikanische Stammzellforscher dürfen, würde einen deutschen Wissenschaftler ins Gefängnis bringen. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Nicht nur wegen der Diskriminierung der Forscher, sondern auch, weil in den USA, Asien und in vielen europäischen Ländern große Anstrengungen unternommen und Milliarden investiert werden, um die Stammzellforschung nach vorn zu bringen. Patienten in Deutschland werden eines Tages von einer Forschung profitieren, die bei uns eigentlich verboten ist. Ist das ethisch? Ebenso zweifelhaft ist der Versuch, die Forschung an umstrittenen embryonalen Stammzellen gegen die mit ethisch unproblematischen „adulten“ Stammzellen auszuspielen. Das eine geht nicht ohne das andere.

Immerhin mehren sich die Zeichen, dass auch die deutsche Politik in der Stammzellfrage Abschied vom Grundsätzlichen nehmen will. Es gibt Stimmen, die für eine Entkriminalisierung der Forschung und eine Lockerung des Stichtags plädieren – beides wesentliche Gründe dafür, dass deutsche Wissenschaftler international abgehängt werden. Auch ein liberalisiertes Gesetz wäre noch viel strenger als vergleichbare Regelungen in anderen Ländern. Aber es würde stärker zum Ausdruck bringen, dass es in komplizierten bioethischen Fragen nicht nur eine Antwort und eine Wahrheit gibt.

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