• Stand den Ex-DDR-Bürgern zunächst der Sinn nach Auskosten der Reisefreiheit, suchen sie inzwischen Ruhe und Erholung

Zeitung Heute : Stand den Ex-DDR-Bürgern zunächst der Sinn nach Auskosten der Reisefreiheit, suchen sie inzwischen Ruhe und Erholung

Sylke Michaelis

Für den Saalfelder Axel Brümmer sollte der Fall der Mauer mehr bedeuten als das Eintauchen in glitzernde Warenwelt des Westens. Der Thüringer wollte endlich etwas sehen von der Welt. Deshalb startete er gemeinsam mit dem Sachsen Peter Glöckner im Juni 1990 zu einer Weltreise. Während ihrer fünfjährigen Radreise legten sie rund 80 500 Kilometer zurück und besuchten 58 Länder. Zuerst fuhren sie nach Österreich, Italien, Spanien und Frankreich; später entdeckten sie auch fernere Ziele, wie das ostafrikanische Kenia. Wie Brümmer und Glöckner zog es gleich nach der Wende viele Ostdeutsche in fremde Länder, die sie bisher nur aus dem Fernsehen kannten. Aber zehn Jahre nach dem Fall der Mauer suchen die ehemaligen DDR-Bürger inzwischen vor allem Ruhe und Entspannung. Zumindest in dieser Frage haben sich Ost und West angenähert.

Die lang ersehnte Reisefreiheit weckte in den Ostdeutschen zunächst das Interesse an anderen Lebensgewohnheiten. "Sie wollten nicht vorrangig Ruhe, sondern andere Länder und Sitten entdecken", erklärt Hans-Michael Krämer von der Hamburger Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). Sie hätten auf ihren Reisen "immer größere Kreise" gezogen. Auch die beiden Globetrotter Brümmer und Glöckner zog das Fernweh immer wieder auf die Piste. So durchquerten die Radler im Sommer 1997 Australien von West nach Ost auf 6500 Kilometern langen Sand- und Schotterpisten. Inzwischen können sie auf die stolze Bilanz von rund 80 besuchten Ländern und 125 000 Radelkilometern verweisen.

Auch zehn Jahre nach dem Fall der Mauer hat Axel Brümmer die Lust am Reisen noch nicht verloren. Allerdings habe das Interesse an Sehenwürdigkeiten nachgelassen, berichtet der 32-Jährige. "Noch einen Tempel mehr angucken lohnt sich nicht." Stattdessen locken den Saalfelder und seinen Freund die Lebensart der Menschen in die weite Welt. Bei ihren monatelangen Paddeltouren auf dem Amazonas trafen sie unter anderem "unermüdliche Goldsucher und mückengeplagte Fischer, einfache Indianer und organisierte Cocaschmuggler". Doch das Reisen allein genügt den Globetrottern nicht mehr. In Bolivien unterstützen sie mit Geld und Sachspenden vier Kinderheime, in denen 400 ehemalige Straßenkinder leben.

Dagegen hat bei ihren Landsleuten im Osten das Interesse an unbekannten Ländern inzwischen eher nachgelassen. Wie bei den Westdeutschen stehen bei der Auswahl ihrer Urlaubsziele nun Ruhe und Erholung ganz weit oben. Einer Umfrage der Forschungsmeinschaft zufolge suchten in diesem Jahr 63 Prozent der Ostdeutschen und 61 Prozent der Westdeutschen während der schönsten Wochen im Jahr vor allem Entspannung. "Auf dem Gebiet Tourismus sind Ost und West gut zusammen gewachsen", meint Reiseexperte Krämer. Auch bei den Lieblingsreisezielen sind sich Ost und West einig: So zog es die Deutschen zum Beispiel 1997 vor allem an die Urlaubsorte rund ums Mittelmeer. Nach Angaben von Krämer entdecken viele Ostdeutsche seit Jahren auch wieder ihre "traditionellen Urlaubsgebiete" aus DDR-Zeiten. Dazu gehören die Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern und der Thüringer Wald. Schließlich hätten die Menschen inzwischen viele ihrer langersehnen Reiseziele gesehen, meint Krämer. Und oft setzt die finanzielle Situation, etwa Arbeitslosigkeit, der Urlaubsplanung der Familien Grenzen.

Aber auch die Reiseziele in den alten Bundesländern werden für die Ostdeutschen immer attraktiver. Noch vor sieben Jahren habe Nordrhein-Westfalen wenige Menschen aus den neuen Bundesländern angelockt, berichtet Peter Roth, Leiter der Abteilung Marktforschung bei der Deutschen Zentrale für Tourismus. 1998 sei das westdeutsche Bundesland hinter dem ewigen Spitzenreiter Bayern auf Platz zwei mit 2,7 Millionen Besuchern gelandet. Generell würden Ostdeutsche im Westen weitaus stärker "schnuppern" als umgekehrt.

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