Standort : Auf Chemie gebaut

Die Nähe zur Wissenschaft zieht High-Tech-Firmen nach Adlershof. Auch die Hochschulen profitieren von dem Erfahrungsaustausch.

Maximilian Demandowsky

Der wissenschaftliche Ruhm des Berliner Stadtteils Adlershof begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit den ersten Motorflugzeugen: 1912 nahm dort die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt den Betrieb auf. Sie baute Labore, Motorenprüfstände, Windkanäle und Hangars. Der gute Ruf überdauerte: Heute bewegt die Nähe zur Wissenschaft viele Firmen dazu, sich im Industriepark Adlershof anzusiedeln. Chemieprofessor Michael Linscheid schätzt besonders den regen Ideenaustausch zwischen Unternehmern und Wissenschaftlern. Er ist zuständig für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Campus Adlershof der Humboldt-Universität mit insgesamt sechs wissenschaftlichen Disziplinen, darunter dem Institut für Chemie.

Intensive Kontakte zu den Universitäten

Synergien gebe es zum Beispiel auf dem Gebiet der regenerativen Energien, insbesondere bei der Forschung und Entwicklung von Photovoltaik-Technik. „Das Besondere an Adlershof ist die Dichte der Firmen“, sagt Linscheid. Die Kontakte zwischen der Universität, High-Tech-Firmen und außeruniversitären Forschungsinstituten seien intensiv. Manche Studenten arbeiten zum Beispiel als Praktikanten und Doktoranden bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), andere sind am Leibniz-Institut für Katalyse beschäftigt – die Wege in Adlershof sind kurz. Neben der wissenschaftlichen Arbeit gebe es auch gemeinsame Fortbildungskurse in Zusammenarbeit mit den Unternehmen, erklärt Linscheid.

Auch zu DDR-Zeiten war der Stadtteil Adlershof von Bedeutung: Die Akademie der Wissenschaften mit ihren neun Instituten für Physik und Chemie hatte dort ihren Sitz. Nach dem Fall der Mauer beschloss der Berliner Senat, das Areal zu einem Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts auszubauen: Firmen und Forschungseinrichtungen sollten sich gleichermaßen auf dem Gelände ansiedeln. Nach knapp 20 Jahren haben sich heute auf einer Fläche von über vier Quadratkilometern insgesamt 739 Firmen mit 12 700 Mitarbeitern niedergelassen. Vertreten sind Unternehmen aus den Bereichen Optik, Materialtechnologie, Informations- und Medientechnik sowie aus der Umwelt, Bio- und Energiebranche. Insgesamt zwölf außeruniversitäre Institute sind in Adlershof ansässig.

Alle profitieren vom gemeinsamen Standort

„Die Entwicklung des Standortes bekommen wir seit vielen Jahren mit“, sagt Reinhard Uppenkamp, Vorstandsvorsitzender der Firma Berlin-Chemie, die ebenfalls in Adlershof ansässig ist. Vom Campus in der Nachbarschaft profitiert das Unternehmen direkt: „Wir nutzen die Nähe zum Wissens- und Erfahrungsaustausch“, sagt Uppenkamp. Vorteile ergeben sich jedoch nicht nur für die Firmen: Auch die Universität profitiert vom gemeinsamen Standort. Durch Kooperationen mit privaten Forschungseinrichtungen sind gemeinsame Projekte möglich, die von den Hochschulen alleine kaum zu stemmen wären. Außerdem halten Wissenschaftler aus den Unternehmen Vorlesungen an der Humboldt Universität – und gewähren den Studierenden Einblick in die praktische Forschungsarbeit.

Tag der Chemie am 23. April

Kurze Distanzen zwischen Laboren und dem Audimax sowie eine gute Vernetzung untereinander schätzt auch die Chemikerin Christine Wedler an Adlershof. Sie ist Geschäftsführerin der im Jahr 2000 gegründeten Firma ASCA. Das private Forschungsinstitut testet neue Wirkstoffe von Arzneimitteln für die pharmazeutische Industrie. Weitere Vorteile des Standorts seien für Wedler die modernen Laborgebäude. Viele ihrer technischen Mitarbeiter wohnen außerdem ganz in der Nähe und haben kurze Wege zum Arbeitsplatz. Um Netzwerke mit den Kollegen im Industriepark zu bilden, beteiligt sich Wedler an den Veranstaltungen des Vereins „Technologiekreis Adlershof“. Mitglieder sind kleinere Technologie-Unternehmen, aber auch Verbände wie die Ingenieursvereinigung VDI. Auf den Weiterbildungs- und Informationstagen werden Geschäfte gemacht und berufliche Kontakte gepflegt.

Einen Eindruck vom Wissenschafts- und Industriepark Adlershof können High-Tech-Unternehmer und Forscher auch während des Tags der Chemie am 23. April. Forschungseinrichtungen und Unternehmen laden zum Rundgang ein. Auch Vorträge für Studenten und Abiturienten werden angeboten, zum Beispiel über Berufschancen von Chemikern in der Industrie. 

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