Zeitung Heute : Standort Tegel: Die Hallen am Borsigturm sind ein Erfolg

Harald Olkus

Betritt man dieser Tage die Hallen am Borsigturm in Tegel, so wird einem einiges geboten: Sobald sich die hohen Türen hinter dem Besucher schließen und den Straßenlärm nach draußen verbannen, perlt VivaldiMusik ans Ohr. Einige Schritte weiter, unter dem hohen Glasdach der ehemaligen Lokomotivfabrik, steht man vor einer Ansammlung rassiger Rundungen. Denn in den Borsig Hallen ist derzeit die größte Ferrari-Ausstellung Berlins zu bewundern.

Die Veranstalter haben keine Kosten und Mühen gescheut, die verschiedensten Flitzer der italienischen Sport- und Rennwagenmarke aufzutreiben. Und sie sind beileibe nicht alle rot: Der Ferrari-Rennwagen 500 TR aus dem Jahr 1956 blitzt und glänzt frech in gelb. Einige Schritte weiter unter einem Zeltdach steht ein Formel 1-Ferrari, davor eine Leinwand und dahinter ein leistungsstarker Rechner. Jeder, der mag, darf sich ins enge Cockpit des Renners quetschen und computersimuliert, aber immerhin in einem echten Rennwagen sitzend, beim Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring mitfahren. Zwei Stockwerke darüber im "Healthland Fitness Center" wird ebenfalls simuliert: Die Freizeitsportler strampeln auf ihren Geräten und verfolgen dabei auf Fernsehbildschirmen die SpanienRundfahrt. In der dritten Reihe rennt jemand auf dem Laufband hinterher.

Kein Wunder, dass dem Besucher zwischen den halogenbeleuchteten Läden, der typischen Einkaufszentrums-Innenarchitektur aus Stahl und Glas, den großflächigen Wandverschalungen und den Restaurantinseln auch der Denkmalschutz ziemlich virtuell vorkommt. Die sandgestrahlten Backsteingiebel der alten Lokfabrik wirken wie angeklebt, während die historische Dachkonstruktion in dem Gewirr aus Stahlträgern untergeht. Vom "Flair historischer Industriehallen" ist wenig zu spüren.

Aber die Hallen sind erfolgreich: zehn Prozent mehr Umsatz als erwartet im ersten Jahr, abgewanderte Kaufkraft ist zurückgekehrt, rund 800 Arbeitsplätze wurden geschaffen; der Einzugsbereich erstreckt sich von Spandau über Zehlendorf und Tempelhof bis ins Brandenburger Umland. So lautete die Bilanz, die Center Manager René Bentzen zum einjährigen Jubiläum der Hallen zog. Hilfreich dabei waren sicher regelmäßige Aktionen wie die Ferrari-Ausstellung.

Das können sich die kleinen und mittelständischen Einzelhändler der nahen Tegeler City natürlich kaum leisten. Doch sie versuchen, den Anschluss nicht zu verpassen. Immerhin heißt der Dönerstand in der Markthalle an der Gorkistraße schon Keb-up. Die Befürchtungen der Tegeler Einzelhändler, dass ihre Kunden durch die Konkurrenz auf dem Borsiggelände ausbleiben, haben sich nicht bestätigt, sagt Rolf Kretschmar von der Arbeitsgemeinschaft TegelCity: "Ein Verdrängungswettberb hat nicht stattgefunden." Er sieht den Standort Tegel durch die Hallen am Borsigturm gestärkt. Die Frequenz der Fußgänger sei auch in der Berliner Straße höher als vorher. Allerdings sei eine Teilung des Publikums zu beobachten: während die Kunden in den Hallen kaum über 40 seien, pflegten die gesetzteren Altersgruppen das Althergebrachte. Ein Blick in die Alt-Tegeler Fußgängerzone scheint dies zu bestätigen. Vor dem "Dorfkrug" und auf den Bänken entlang der Straße sitzen hauptsächlich Senioren.

Einige Geschäfte in der Tegeler City mussten zwar schließen, doch dies sei nicht unbedingt auf den Einfluss der Hallen zurückzuführen, sagt Rechtsanwalt Kretschmar. "Es ist schwierig festzustellen, was dabei Fremd- und was Eigenverschulden ist." Die Ladeninhaber müssten sich besser zusammenschließen und ihre Vorteile gegenüber Ketten wie dem Media Markt mehr herausstellen. "Was dem großen Billiganbieter an Service und Beratung fehlt, müssen die Kleinen eben bringen", sagt er.

Das Bezirksamt Reinickendorf versucht, die Geschäftsleute in der Tegeler City zu unterstützen. Um die Aufenthaltsqualität in der Einkaufsstraße zu verbessern, hat der Bezirk die Fußgängerzone in der Gorkistraße neu gestaltet und auf dem Mittelstreifen der Berliner Straße Bäume gepflanzt. Und wenn die Schleuse Spandau wieder geöffnet wird, verspricht man sich auch mehr Touristen und Gäste aus anderen Teilen Berlins. Denn die Schifffahrten vom Tegeler Hafen in den Wannsee und zurück hatte der Tegeler Innenstadt stets regen Zulauf verschafft.

Für immer mehr Menschen sorgt auch der weitere Ausbau des Borsiggeländes durch die RSE Projektmanagement AG. Neben den Hallen am Borsigturm bestehen auf dem Gelände bereits das Phönix Gründerzentrum, ein Gewerbepark mit rund 8800 Quadratmetern Bürofläche und ein Hotel mit Konferenzzentrum. Erst kürzlich wurde ein Büro- und Gesundheitszentrum in einem ehemaligen Borsig-Verwaltungsgebäude eröffnet. Ein weiterer Teil des Geländes wird derzeit für die Erweiterung des Gewerbegebietes vorbereitet. Und schließlich will die Telekommunikationsfirma Motorola dort ein Werk für 500 Mitarbeiter bauen.

Doch schon jetzt gibt es Probleme mit den Parkplätzen. Da die Betreiber für die insgesamt 1600 Mitarbeiter auf dem Gelände keine kostenlosen Parkplätze zur Verfügung stellen - das Parkhaus neben den Hallen am Borsigturm ist gebührenpflichtig - sind alle umliegenden Straßen ab 9 Uhr morgens blockiert. Wer hier einkaufen will, hat keine Chance, einen Parkplatz zu finden. Dennoch sei das Borsiggelände durchaus ein gelungenes Beispiel für den Umbau einer ehemaligen Industriebrache in einen Büro-, Einzelhandel- und Dienstleistungsstandort, sagt Rolf Kretschmar. "Und je mehr Menschen in Tegel leben und arbeiten, desto besser." Wenn nur der Verkehr nicht kollabiert.

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