Zeitung Heute : Starke Triebe

Sie stehen in Ecken, sie werden vernachlässigt und sogar ausgesetzt. Zimmerpflanze und Mensch – eine schwierige Beziehung in fünf Episoden.

Harald Martenstein

Mindestens ein Jahrzehnt hindurch hatte ich eine Palme, die nicht wuchs. Sie blieb einfach immer auf ihrem gewohnten Level. Sie zog gemeinsam mit mir von Wohnung zu Wohnung und immer, wenn ein altes Blatt abfiel, wuchs an der gleichen Stelle ein neues. Nicht mehr, nicht weniger. Ich habe sie niemals umgetopft und selten gegossen. Dann wurde sie alt oder krank und verlor ein Blatt nach dem anderen. Als sie noch genau zwei Blätter besaß, habe ich sie umgetopft. Aber das half nichts mehr. Es klingt verrückt, aber: Noch heute denke ich manchmal mit einem leichten Schuldgefühl an diese Palme.

Sie war so ein guter Kerl. Nicht nachtragend. Nicht geschwätzig. Uneitel. Robust. Verlässlich. Wahrlich, wenige Menschen haben meinen Weg gekreuzt, die so waren wie diese Palme!

Ficus-Bäume sind auf eine unangenehme Art robust. Sie gedeihen fast ohne Wasser und auf schimmeliger Erde in dunklen Büroecken, sie vergammeln aufs Widerlichste und verlieren dauernd Blätter, scheinen indessen mit einem Unsterblichkeitsgen gesegnet zu sein. Man denkt: Na ja, trotz allem ist eine Pflanze etwas, das lebt und so etwas wird nicht fortgeworfen.

Zu Hause hatte ich einen solchen Ficus. Er war hässlich, hatte kaum Blätter und wurde behandelt wie der letzte Dreck. Aber er hielt sich, und ich konnte ihn nicht wegwerfen. Da habe ich ihn im letzten Herbst auf den Balkon gestellt. Frischluft. Der Ficus bekam ein paar neue Blätter, sah kurzfristig beinahe gut aus, dann wurde es kalt und er erfror. Jetzt steht er mit hängenden Blättern da, mausetot, aber die Blätter fallen nicht etwa ab, nein, eine unsichtbare Kraft hat sie an die Äste gelötet. Sie sind zwar vertrocknet, aber immer noch grün. So ein Ficus erfüllt bis über den Tod hinaus seine Pflicht, eine Grünpflanze zu sein. Er ist ein verdammt harter Bursche, er hat sich den Menschen und ihrer Unsentimentalität angepasst wie Ratten oder Stadttauben. Wenn ich den toten Ficus sehe, kriege ich ein schlechtes Gewissen, wie damals bei der Palme.

Wahrlich, wahrlich: Der Mensch ist dem Ficus ein Wolf.

Das Schöne ist langweilig. Kein Mensch verliebt sich ernsthaft in einen nagelneuen Wagen. Man staunt, bewundert ihn vielleicht, mehr nicht. Geliebt wird der verbeulte Diesel, dessen Sitze durchhängen, der stottert und bei starkem Regen während der Fahrt stehen bleibt. So ein Auto hat Seele.

Für Pflanzen gilt das auch. Ich finde Pflanzen in Räumen generell blöde. Nur diese eine, diese… Keine Ahnung, wie sie heißt. Sie war irgendwann einfach da. Sie hat einen bambusartigen Stängel, von dort gehen ananasartig grüne Blätter ab. Es ist ein hässliches Ding. Es ist für die Pflanzenwelt, was der Nacktmull für die Tierwelt ist (wen’s interessiert: www.kultvieh.de.vu). Andererseits ist dieses Ding ungeheuer faszinierend.

Ab und an verliert diese Pflanze unten herum Blätter. Das macht den Anblick noch trostloser. Ich habe sie mit einem Beil abgehackt und einfach in die Erde gesteckt. Und? Das Ding wächst weiter, als wär’ nichts. Ich habe versucht, sie mit Wasser zu ertränken. Das Ding wurde wochenlang ausgetrocknet und mit keinem Blick gewürdigt. Alles wirkungslos. Diese Pflanze ist ein Wunder, zäh, unbeugsam, anhänglich und zu nichts nütze. Sie darf bleiben.

Norbert Thomma

Früher standen sie in Entrées von großen Firmen, in etwa dort, wo sich heutzutage eine einzelne Calla in der Vase langweilt. Die Rede ist von Hydrokulturen. Auch in Privathaushalten fand man sie damals. Damals, das war auch die Zeit von Makramee-Blumenampeln und Seidenmalerei-Bildern. Jedenfalls gab es in unserem Wohnzimmer sogar zwei Hydrokulturen, in großen Bottichen aus Holz. Darin gediehen Palmen und großblättrige Monstera, in deren Schatten ein winziges, fieberthermometerähnliches Ding aus Glas wuchs, das den aktuellen Wasserstand anzeigte.

Es macht schon keinen Spaß, das Wort „Hydrokultur“ in die Tastatur zu tippen. Es klingt nach Pilzbefall, Schimmelkultur und braunen Bröckchen. Aber – so rechtfertigt sich die Verwandtschaft– eine Hydrokultur macht eben keine Arbeit. Nur die braunen Bröckchen wegfegen, wenn die Katze wieder reingesprungen ist.

Die Erklärung, was genau eine Hydrokultur sonst noch ausmacht, will ich lieber Experten überlassen. Auf der Homepage des Fachverbandes „Raumbegrünung und Hydrokultur“ steht: „Der Begriff Hydrokultur setzt sich zusammen aus den Wortbestandteilen Hydro (dieser stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wasser). Kultur ist der lateinischen Sprache entnommen und kann mit Pflege oder Züchtung übersetzt werden. (…) Hydrokultur bedeutet aber nicht, die Pflanzen in eine Blumenvase zu stellen. Vielmehr werden in der Hydrokultur die Pflanzen bei einem Wasserstand von maximal zwei Zentimetern gehalten. Um den Pflanzen den nötigen Halt zu geben, ist das Pflanzgefäß mit aufgeblähten Tonkugeln, dem Blähton aufgefüllt, in dem sie wurzeln. Dieses Pflanzsubstrat macht die Hydrokultur auf den ersten Blick erkennbar.“ Blähton!!Der war wirklich mal schwer in Mode.

Irgendwann hatte die Verwandtschaft genug. Sie nahm die Makramee-Blumenampeln, die Seidenmalerei und den Blähton und warf alles weg. Jetzt wachsen die Monstera in richtiger Erde. Schöner macht sie das leider auch nicht. Esther Kogelboom

Ich glaube, mein Kaktus hat ein Kind gekriegt.

Eigentlich ist mein Kaktus gar nicht meiner, er ist Kerstins Kaktus. Kerstin war früher unsere Kollegin, und als sie ging, hat sie ihren Abschied bei mir gefeiert. Dazu hat sie nicht nur das Essen mitgebracht, sondern auch die Dekoration: viele kleine Blümchen und einen Kaktus. Beim Tischdecken habe ich ihn gleich wieder abgedeckt, ein Kaktus gehört nicht auf eine schöne Tafel. Ich hasse Kakteen, finde sie so dröge wie die Wüste, in der sie normalerweise stehen. Meine bevorzugte Landschaft besteht aus sanften grünen Hügeln mit saftigen Büschen und Bäumen und dazwischen ein paar leuchtend bunte Wiesenblumen. Indoor-Kakteen erinnern mich an Zahnarzt und Behörden, sie sind hässlich, staubig, nicht mal anfassen kann man sie. Wie soll man eine Pflanze lieben, die man nicht streicheln kann?

Kerstin ging, die Pflanzen blieben. Die Blümchen waren nach ein paar Tagen verblüht, der Kaktus lebt immer noch. Was ein Wunder ist, ich kriege nämlich noch die stärkste Pflanze klein: Ich habe sozusagen eine braune Hand. Der Efeu hat’s eine Weile ausgehalten bei mir, Efeu ist zäh, eine echte Friedhofspflanze, aber irgendwann war mir das Gießen doch zu lästig, und dann war auch der Efeu tot. An meiner Wohnungstür klebt ein Zettel: „Blumen gießen“, den hat mein Schwager da hingehängt, nachdem er mir den Balkon bepflanzt hat. Mein Schwager kennt mich, lange schon.

Weil ich aber nichts wegschmeißen kann, was nicht verschimmelt ist, steht der kleine grüne Kaktus immer noch bei mir auf der Küchenfensterbank, in der hintersten Ecke hinterm Obstkorb, auf einem kleinen Blechtellerchen, im selben Plastiktöpfchen, in dem er gekommen ist. Und manchmal, wenn ich das Fenster öffne oder mir einen Apfel greife, fällt mein Blick auf das hässliche Wesen in der Ecke. Und gestern dachte ich: Da ist doch was Neues, dieser Finger da, der da hochgewachsen ist, der war doch vorher nicht da. Oder doch?

Nicht, dass jetzt meine Mutterinstinkte aufgewacht wären, bis heute hat der Kaktus von mir weder was zu essen noch zu trinken gekriegt. Aber irgendwie gerührt hat mich der Nachwuchs doch. Richtig moralisch wurde mir ums Herz: störrisch und stachelig hält länger als schön. Susanne Kippenberger

Es geschah beim Umzug. Ein Unfall – behauptete jedenfalls mein Bruder, der uns beim Räumen ein wenig zur Hand gegangen war. Egal, ich will hier keine alten Geschichten aufrühren. Jedenfalls fiel der Baum vom Tisch, meine Yucca, da lag sie, leblos, drei schöne Triebe, einfach abgebrochen. Das heißt, einer hing noch so gerade an einem Zipfel. Wir haben sogar einen Verband angelegt, zwecklos, auch er ging dahin.

Es gibt Experten, die schwören, man brauche die abgebrochenen Triebe einer Yucca einfach nur in die Erde zu stecken, dann kommen sie wieder. Kann sein, dass es solche Fälle gibt, bei uns kam nichts. Zurück blieb der nackte Stamm.

Traurig, aber was soll man damit? Wir haben ihn rausgestellt auf die Terrasse, neben die alte Nähmaschine, das hässliche CD-Regal und einen kaputten Schreibtischstuhl.

Im Herbst war der Kram längst auf der Kippe, nur der kahle Strunk, der stand aus irgendeinem Grund immer noch da. Nun sieht so ein nackter Yuccastamm aus wie ein Kaminscheit, mausetot eben. Aber am Rand schälte sich was Grünes raus. Weil so ein großer graubrauner Stamm mit einer kleinen Knospe drauf aber ziemlich blöd aussieht, blieb er trotzdem draußen.

Dann wurde die erste Frostnacht angesagt. Am Morgen habe ich nach ihm geguckt, ob er noch lebt, der kleine Trieb. Jedenfalls war er grün. Erfrorene Blätter werden immer so schleimig braun. So ging das zwei, drei Tage, dann haben wir ihn reingeholt, den armen Kerl.

Das ist jetzt zehn Jahre her. Jedes Frühjahr bringen wir ihn raus und im Herbst holen wir ihn wieder rein. Wobei, letzten Herbst haben wir schon sehr lange gewartet. Ich glaube, er hat ganz schön gefroren da draußen. Der Baum ist uns nämlich längst über den Kopf gewachsen. Er passte auch gar nicht mehr durch die Terassentür. Aber wenn er da draußen so steht, und man sieht ihn durch die Scheibe… Ich habe dann einen Ast abgesägt. Ging nicht anders, alte Yucca, wir wollen doch zusammenbleiben. Andreas Austilat

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