Zeitung Heute : Starker Mann, was nun?

Eigentlich war keiner für ihn: Die Hollywood-Kollegen nannten ihn unfähig, die Medien ahnungslos, selbst in seiner eigenen Partei war er unbeliebt. Deshalb ist Arnold Schwarzeneggers Erfolg in Kalifornien ein Wunder. Er verdankt ihn seinem extremen Ehrgeiz – und seiner Frau Maria Shriver.

Malte Lehming[Los Angeles]

Da steht er und strahlt ohne Unterlass. Sein Blick jedoch schweift seltsam oft nach oben. Erschöpft? Glücklich? Ratlos? Um ihn herum jubeln die Fans „Ah-nold, Ah-nold“. 100 Kameras sind auf ihn gerichtet. Tina Turners Rocksong „Right Now“ wummert aus riesigen Lautsprechern.

Drei Luftballon-Wolken öffnen sich. Konfetti-Salven donnern in den Ballsaal. Minutenlang glitzert die Luft im „Los-Angeles-Room“, im Keller des „Century Plaza Hotels“, in den amerikanischen Nationalfarben blau, weiß, rot. Das Scheinwerferlicht der Kameras verstärkt das Flimmern der Luftballons und Konfetti. Er ist am Ziel. Er hat’s geschafft. Arnold Schwarzenegger ist der künftige Gouverneur von Kalifornien, dem bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat, der sechstgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.

Wieder hat er’s allen gezeigt, hat durchgehalten, war eisern, zäh, ehrgeizig. Diese Eigenschaften finden sich schon früh bei ihm. Hier muss man’s haben, nicht da: Diese Volksweisheit hat viele Generationen geprägt. Bei dem Wort „hier“ zeigt der Finger bedeutungsschwer auf die Schläfe, bei dem Wort „da“ verächtlich auf den Oberarmmuskel. Das heißt: Es ist wichtiger, den Geist zu trainieren als den Körper. Vielleicht hat auch Schwarzenegger als Kind diese Lehre eingetrichtert bekommen, von seinem strengen Vater Gustav, dem Polizisten. Doch Arnold hatte stets seinen eigenen Kopf. Im Keller des elterlichen Hauses fing er als Jugendlicher mit Bodybuilding an. Er schwitzte, stemmte und stöhnte. Mit 18 Jahren gewann er seinen ersten Wettbewerb, wird Mr. Junior Europa. „Ich habe mein ganzes Leben nach Proportion und Perfektion gestrebt“, sagt er später.

Es gibt viele solcher Bekenntnisse, die jetzt ausgegraben werden, um zu begreifen, was sich am Dienstag in Kalifornien ereignete. „Ich war immer beeindruckt von Größe und Macht“, schrieb Schwarzenegger einst. Ein anderes Mal schwärmte er von dem Gefühl, das charismatische Politiker wie Kennedy oder Hitler gehabt haben müssen, wenn sie vor einer tosenden Menge standen und redeten: „Wenn all diese Menschen schreien und sich in totaler Übereinstimmung mit deiner Botschaft befinden.“ Das hat ihn fasziniert. Das Streben nach Anerkennung, Bewunderung, Ruhm ist ihm zweifellos ebenso zu eigen wie eine gehörige Portion Eitelkeit, manche nennen es Narzissmus.

In dieser Wahlnacht freilich, just an jenem Ort, an dem Ronald Reagan 1980 den Gewinn der Präsidentschaftswahl feierte, kehrt Schwarzenegger seine andere Seite heraus, die mitfühlende, moderate, bedächtige. Als Erstes bedankt er sich bei seiner Frau, Maria Shriver, für „die Liebe und Stärke, die sie mir gibt“. Schwarzenegger weiß, was er ihr verdankt. Die Fernsehjournalistin ist eine Kennedy-Nichte. Die Kenndys sind traditionell stramme Demokraten. Kalifornien ist eine Hochburg der Demokraten. Den Republikaner Schwarzenegger hat diese Verbindung bis in liberale Kreise hinein wählbar gemacht.

Skurriler Außenseiter

Doch noch wichtiger war der Rückhalt seiner Frau, als wenige Tage vor der Wahl diverse Geschichten über sexuelle Belästigungen durch den Muskelprotz veröffentlicht wurden. Insgesamt 16 Frauen behaupteten, in den vergangenen 25 Jahren von Schwarzenegger begrapscht und erniedigt worden zu sein.

Die Vorwürfe sind massiv. Noch am Wahltag selbst läuft im Fernsehen ein Anti-Schwarzenegger-Spot des Linksbündnisses „MoveOn“. Darin wird der Filmstar mit einer Interview-Bemerkung zitiert, der zufolge er es genossen hat, in seinem letzten Streifen, „Terminator 3“, seine weibliche Widersacherin mit dem Kopf voran in eine Toilette gesteckt zu haben. Gegen all diese Anwürfe verteidigt sich Schwarzenegger recht unbeholfen. Mal dementiert, mal relativiert er – „war nur spielerisch gemeint“, mal entschuldigt er sich, mal schimpft er über die „Schmutzkampagne“, die „speziell interessierte Kreise“ gegen ihn lanciert hätten. Einzig Maria Shriver stärkt ihm in diesen Tagen den Rücken. „Sie können sich entscheiden“, predigt sie auf Wahlveranstaltungen, „entweder glauben Sie den Menschen, die Arnold noch nie begegnet sind, aber schlecht über ihn reden, oder sie vertrauen einer Person, die Arnold seit Jahren kennt – mir.“

Doch trotz der Hilfe seiner Frau: Schwarzeneggers Triumphzug durch Kalifornien, der dem Polit-Neuling nach nur acht Wochen den höchsten Posten im Bundesstaat beschert hat, ist ein Phänomen, ja ein Wunder. Als skurriler Außenseiter, zwar mit Star-Bonus, aber starkem Akzent, startet er. Die Medien mokieren sich über seine Ahnungslosigkeit. Und mit seiner Partei, den Republikanern, wird er kaum warm. Denn Schwarzenegger passt nicht in ihre Ideologie. In sozialen Fragen – Abtreibung, Homo-Ehe, Waffenbesitz – vertritt er liberale Ansichten. Die Amtsenthebungskontroverse um Bill Clinton fand er abstoßend. Privat umgibt ihn der Kennedy-Clan. Als Wirtschaftsberater engagiert er den zweitreichsten Mann der Welt, Warren Buffett, ebenfalls ein Demokrat.

Politisch unberechenbar, ein Zigarre rauchender Lebemann, sittlich nicht ganz gefestigt – unbestritten sind Gruppensex und Marihuana-Konsum: Das entspricht weiß Gott nicht dem Idealbild eines republikanischen Kandidaten. Außerdem werben die republikanischen Strategen im Weißen Haus insbesondere um die Stimmen von Frauen und Juden. Deshalb hielt sich George W. Bush im Wahlkampf auffallend zurück, obwohl der Sonnenstaat für ihn selbst von größter Bedeutung ist. Kalifornien stellt 54 Wahlmänner. Das ist fast ein Fünftel der notwendigen Stimmen, um die nächste Präsidentenwahl zu gewinnen. Dennoch vermied Bush alles, was als Einmischung verstanden werden könnte. Distanz halten, ohne allzu distanziert zu wirken: Das ist bis heute seine Devise.

Im Grunde genommen war keiner wirklich für Schwarzenegger. Die Mehrzahl seiner Hollywood-Kollegen hielt ihn für unfähig. Ob George Clooney, Harrison Ford, Tom Hanks oder Sylvester Stallone: Alle sprachen sie sich gegen ihn aus. Nur Woody Allen äußerte sich überraschend positiv. Schwarzenegger sei eine „extrem nette, liebenswürdige Person“, sagte er, „die ihr Herz am rechten Fleck hat“. Die Printpresse wiederum, allen voran die „Los Angeles Times“, zog sämtliche Register, um die vorzeitige Abwahl des demokratischen Amtsinhabers Gray Davis zu verhindern. Eine Enthüllung über Schwarzenegger jagte die nächste. Frauenfeind und Hitler-Fan, dessen Vater freiwillig Mitglied bei den Nazis geworden war: Dieses Image sollte an ihm kleben bleiben. Schließlich schaltete sich sogar die Justiz ein. Wegen der Benutzung veralteter Lochkarten, Florida lässt grüßen!, wurde die Wahl erst verschoben, acht Tage später dann doch wieder zum ursprünglich festgesetzten Termin zugelassen. Theater, Zirkus, Seifenoper, Melodrama: In den Medien des ganzen Landes wurde nach Kräften gespottet.

Fast die gesamte Prominenz der Demokraten stimmte ein. Während Schwarzenegger eine Solo-Kampagne führen musste, trat Davis abwechselnd mit Bill Clinton, Jesse Jackson, Wesley Clark, John Kerry, Howard Dean und Joe Lieberman auf. Für sie ging es nicht nur um einen Gouverneursposten, sondern um die Verteidigung einer demokratischen Bastion. Die Initiative zur vorzeitigen Abwahl von Davis, obgleich als basisdemokratische Möglichkeit in der kalifornischen Verfassung verankert, kritisierten sie als unfair und populistisch. Genützt hat ihnen das nichts.

Aus dem Amt gejagt

Im Gegenteil: Je trickreicher Davis verteidigt wurde, desto entschlossener wurden die Wähler, ihn zu stürzen. Auf ihn projizierten sie die gesamte Misere ihres Staates, die tiefe Wirtschaftskrise, die Kungelei, die hohen Steuern, die Arbeitslosigkeit. Ob unmittelbar verantwortlich oder nicht: Davis, ein grauhaariger, spröder Technokrat, eignete sich hervorragend als Magnet für alle Frustrationen. Die Wut auf ihn war am Ende größer als die Bewunderung für Schwarzenegger. Dieser wurde am Dienstag nicht so sehr ins Amt gehoben, wie jener aus dem Amt vertrieben.

Keiner sollte sich daher zu früh freuen oder zu arg grämen. Die Demokraten in Kalifornien beherrschen nach wie vor beide Kammern im Parlament von Sacramento. Das wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Wenn Schwarzenegger überhaupt etwas bewegen will, muss er mit den Demokraten zusammenarbeiten. „Meine Tür wird für jeden offen sein“, versprach er am Dienstag, „ich strecke meine Hände aus zu den Linken, den Rechten und zu jenen in der Mitte.“ Solche Sätze sollten erste Brücken schlagen. Wie eine Bitte gar klang es, als er seine Gegner zur „politischen Versöhnung“ aufrief.

Solch konziliante Töne dürften auf Dauer vor allem den rechtsideologischen Einpeitschern nicht gefallen. Es ist Wahltag, Rush Limbaugh spricht im Sender KFI auf Kurzwelle 640. Limbaugh ist passionierter Radiotalker und verkörpert das rechtspopulistische Stammtischgerede des zornigen weißen Mannes. Es sei „judgement day“, frohlockt er, was sich in diesem Fall als „Tag der Abrechnung“ übersetzen lässt. „Heute geht es darum, das liberale Establishment für seine Verbrechen am kalifornischen Volk zu bestrafen“, donnert er weiter. Ein Hörer wird zugeschaltet, dem die gesellschaftspolitischen Ansichten Schwarzeneggers nicht passen. Limbaugh schwankt zwischen Zustimmung und Verteidigung des aussichtsreichsten republikanischen Kandidaten. Schließlich findet er eine Formel, die für seine Verhältnisse wie ein fauler Kompromiss klingt. „Schwarzenegger mag etwas seltsame Ansichten zu Homosexuellen haben“, sagt er, „aber die Steuern will er nicht erhöhen. Das ist im Moment das Wichtigste.“

Die Demokraten sind am Dienstag nicht schwächer, die Republikaner nicht stärker geworden. Die Kalifornier haben lediglich einen Gouverneur vorzeitig abgewählt und durch einen Hollywoodstar ersetzt. Nur durch dessen Kandidatur wurde das Interesse der Weltöffentlichkeit geweckt. Wäre Davis abgesetzt und stattdessen ein Cruz Bustamante, Tom McClintock oder Peter Ueberroth gewählt worden, hätte das kaum Wellen geschlagen. So aber kämpfen selbst Kamerateams aus Afrika um Bilder auf Schwarzeneggers Wahlparty. Arnold, wie ihn hier jeder nennt, ist im hintersten Winkel bekannt.

Nicht nur Terminator

Für Schwarzenegger ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Als Einwanderer, der nichts als seine Muskeln hatte und für 60 Dollar in der Woche malochte, kam er vor 30 Jahren in Kalifornien an. Innerhalb kürzester Zeit wurde er reich, durch Immobilien, Bodybuilding, Filme. Mit 22 Jahren hatte er seine erste Million. Ganz so unbedarft, wie ihn seine Kritiker porträtieren, ist er gewiss nicht. Seine Ehe mit Maria Shriver hat ihn politisiert. Seit 13 Jahren kümmert er sich um Straßenkinder. Präsident George Bush Senior ernannte ihn zum Vorsitzenden eines Sport- und Fitness-Rates. Seit vielen Jahren kämpft er für eine bessere Betreuung von Kindern nach der Schule. Schwarzenegger führt längst ein Leben außerhalb von Terminator, Predator, Conan und True Lies.

„Früher war ich selbstsüchtig“, sagt er. „Inzwischen bin ich älter, vielleicht weiser geworden. Jetzt glaube ich, dass mein Leben nicht danach bewertet wird, wie viel ich bekommen, sondern wie viel ich zurückgegeben habe.“ Das meint er ernst. Er fühlt sich dem Leben und Kalifornien gegenüber in der Schuld. „Morgen beginnt die harte Arbeit“, ruft er, halb mahnend, halb prophetisch, seinen siegestrunkenen Anhängern in der Wahlnacht zu. Was das heißt, weiß er wahrscheinlich selbst noch nicht. Einige Steuern will er senken, keine neuen erheben, Dienstleistungen einzuschränken wäre höchst unpopulär.

Wie aber soll das Geld in die Kassen kommen? An dieser Stelle seiner Rede guckt er wieder für den Bruchteil einer Sekunde an die Decke. Wahrscheinlich ist er alles zugleich: tatendurstig zwar, aber erschöpft, glücklich und etwas ratlos.

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