Stars und Epigonen : Mutti Madonna

Das neue Album von Madonna ist erschienen. Die Entwicklung des Stars kommentiert ein Fan: die Berliner Dragqueen Ades Zabel.

DAS UNSCHULDSLAMM

1982-85, Hits: „Holiday“, „Get into the Groove“

Aufmerksam geworden auf Madonna bin ich erst durch ihren Hit „Get into the Groove“, der 1985 erschien. Er war in dem Film „Susan, verzweifelt gesucht“, die bis heute einzig annehmbare Schauspielleistung von ihr. Ich weiß gar nicht mehr, worum es ging, aber ich erinnere mich, wie Madonna als dickärschige Straßengöre auftrat. Wie sie dunkle Locken mit blonden Strähnchen trug und an den Armen Strickstulpen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass aus der mal ein Superstar wie Tina Turner oder dass sie erfolgreicher als Cher wird.

Zu der Zeit wohnte ich im traurigen Teil Charlottenburgs, nahe des Jakob-Kaiser-Platzes. Ich war Anfang 20 und ging mit meiner Clique in Läden wie dem Dschungel am Wittenbergplatz aus. Der Club war dafür bekannt, dass er nicht so kommerzielle elektronische Musik spielte, Human League und David Bowie. Aber manchmal lief auch „Get into the Groove“. Das fand ich ein fantastisches Discolied.

Ich habe mich natürlich schräg angezogen, um in den Dschungel oder andere Clubs hineinzukommen. Manchmal trug ich einen alten Anzug aus den 50er Jahren, in die Reverstasche steckte ich abgekochte Hühnerknochen oder ich kombinierte ihn mit quietschgelben Jeans. Ich weiß noch, wie wir eines Nachts vor einem Punkladen nahe der Schaubühne standen, der junge Ben Becker kam auf uns zu, der war damals Punk und trug einen Irokesenschnitt und beschimpfte uns als „Künstlervotzen“.

DIE SKANDALNUDEL

1985-90, Hits: „Material Girl“, „Papa don’t preach“, „Like a Prayer“

Was die Menschen zuerst provozierte: Als sie im Video zu „Material Girl“ mit unrasierten Achseln auftrat. Das war damals ein großes Thema. Zu der Zeit hatte ich Madonna schon ins Herz geschlossen. Einfach weil es so ungewöhnlich war, dass eine Sängerin allein ihr Ding durchzog – und das scheinbar ohne eine starke Männerfigur im Hintergrund.

Sie hat sich nie ihrer Sexualität geschämt, sie ausgelebt – auch in wahnsinnig provokanter Weise. Ich kann mir vorstellen, dass sich Frauen davon befreit fühlten. Plötzlich war es im Rahmen von Popmusik möglich, für Themen wie Teenagerschwangerschaften Aufmerksamkeit zu erreichen, wie sie es mit dem Hit „Papa don’t preach“ getan hat.

Langsam kamen die ersten Kritiker. Der wiederkehrende Vorwurf lautete, dass sie nicht singen kann und die Show größer als ihr musikalisches Talent sei. Na und? Mir war das egal. Ich merkte schon, dass sie eine piepsige Stimme besaß und die Musik um den Gesang herum sehr gut produziert war. Um Echtheit ging es bei Madonna nie, sondern um das ganze Produkt: ihre wechselnden Stile, die Choreografie. Das gefiel mir besonders im Videoclip für „Express Yourself“ von 1989. Da trug sie blonde Haare wie ein Hollywoodstar aus den 30er Jahren, rannte durch eine Filmkulisse, und um sie herum tanzten lauter halbnackte Männer.

Das war eines der ersten Stücke, das ich regelmäßig auf der Bühne nachspielte. Zum Beispiel im Schwuz, das damals noch in einem Hinterhof an der Hasenheide lag. Ich zog einen weißen Body an, der in Wahrheit ein Mieder war, das man in jeder Kaufhausunterwäscheabteilung bekam, darüber einen schwarzen Blazer und dazu eine blonde Perücke. Bestimmte Bewegungen aus dem Video reichten aus, um das als Madonna erkennbar zu machen. Zum Beispiel, wenn sie sich ans Bustier griff und so tat, als drehe sie die Brüste. Dann wussten alle, aha, Madonna. Kam immer sehr gut an.

DAS SEXSYMBOL

1990-97, Hits: „Vogue“, „Erotica“, „Bedtime Stories“

Der Durchbruch in der Schwulenszene kam 1990 mit „Vogue“. Zum ersten Mal tauchten in einem Video offensichtlich schwule Männer auf, richtige Tunten waren das. Wenn der DJ das Lied im Schwuz spielte, haben alle auf der Tanzfläche die Choreografie nachgemacht. Die haben sich auf die Tanzfläche gestellt, so getan, als würden sie für ein Foto posieren, die Arme wie beim Ballett bewegt und auf der Stelle im Kreis gedreht.

Aus dieser Zeit stammt der Look, den ich für das Foto nachgestellt habe. Er ist an „Justify my Love“ angelehnt – ein schwarzweißes Video, in dem Madonna im Trenchcoat durch einen Hotelflur läuft und in jedem Zimmer Sex mit Männern oder Frauen hat. Ein ziemlich erotisches Lied, weil der Beat so gleichmäßig durchläuft, sie gar nicht singt, sondern nur flüstert oder stöhnt. Manchmal lege ich als DJ am Wochenende auf, für das GMF am Sonntag wäre das ein guter Song zum Abschied um halb sechs Uhr morgens.

Kurz danach erschien das „Sex“-Buch mit lauter erotischen Fotos. Damit überspannte sie den Bogen etwas. Viele Menschen haben sich von ihr abgewandt, weil sie einfach das Gefühl hatten, zu viel von Madonna zu erfahren. Allerdings ist mein Lieblingsbild in diesem Band zu finden: Wie sie busenfrei an der Straße steht. Das war so frech, das hat mir imponiert.

Interessanter wurde es für mich 1994, als sie das Album „Bedtime Stories“ veröffentlichte. Den Titelsong habe ich oft auf der Bühne nachgespielt. Damals hatte ich einen Freund, der auf einer Außenbühne der Funkausstellung moderierte. Er lud uns ein, aufzutreten und kündigte uns tagsüber laufend an: „Nachher kommt noch Madonna Hahnemann!“ Manche Menschen hörten wohl nicht genau hin. Jedenfalls rotteten sich vor der Bühne Teenager zusammen, ich kam mit einer Hochsteckperücke aus den 60er Jahren und einem langen weißen Paillettenkleid heraus. Zum Höhepunkt riss ich den Rock ab, so dass ich nur im Body da stand. Einige meckerten tatsächlich: „Det is ja jar nicht Madonna!“ Ein paar Mädchen ließen sich nicht beirren. Und so musste ich nach dem Auftritt Autogramme geben.

DIE ÜBERMUTTER

1997-2002, Hits: „Frozen“, „Ray of Light“, „Music“

Madonna bekam 1997 ihre Tochter Lourdes. Ich fand das zuerst komisch, eine starke Frau, die plötzlich ihre Mutterrolle findet. Was will die mit einem Kind, habe ich mich gefragt. Zu einer wahnsinnigen Geschäftsfrau wie ihr passte das gar nicht. Die Botschaft für mich lautete: Die wilden Jahre sind vorbei.

Trotzdem, das erste Video nach ihrer Mutterschaft fand ich großartig. Das war „Frozen“, ein relativ ruhiges Lied. In dem Clip stand sie schwarzgekleidet in einer Wüste, sie löst sich in Vögel auf, um sie herum rennen Dobermänner, das war künstlerischer als alle Videos davor. Das habe ich als Steilvorlage für meine Bühnenfigur Edith Schröder genutzt – ein Neuköllner Original, eine Frau, die bei ihrer Freundin Jutta in der Kneipe gerne umsonst säuft. Eines Tages findet Jutta in dem Darkroom der Kneipe Ecstasy-Pillen, Edith schnorrt sie wegen Kopfschmerztabletten an, und Jutta gibt ihr genervt die Pillen. Natürlich dreht Edith ab und tanzt „Frozen“ in einem schwarzen Glockenrock mit Stola nach.

Neukölln war damals Programm, weil ich in der Flughafenstraße gewohnt habe. Keine gute Idee, mal im Fummel in den Club zu fahren. Wenn ich aufgetranst durch das Treppenhaus ging, an den jungen türkischen Nachbarn vorbei, haben die mir vernichtende Blicke zugeworfen. Deshalb habe ich mich in den Lokalen zurechtgemacht. 1999 bin ich in die Karl-Marx-Allee in Friedrichshain gezogen. Da hatte ich das Problem nicht mehr.

Ein Jahr später erschien der Hit „Music“. Das war sehr tanzbar, in dem Lied hieß es an einer Stelle: „Music makes the people come together.“ Das ist auf den Punkt gebracht die Essenz von Pop: mit anderen Menschen Spaß zu haben. Wenn ich Madonna eines Tages kennenlernen dürfte, würde ich mich dafür bei ihr bedanken: Für all die schöne Zeit, die ich mit ihr auf der Tanzfläche hatte.

DIE MASCHINENBRAUT

2002-heute, Hits: „Hung up“, „4 Minutes“, „Give me all your luvin’“

Ihr Album „Confessions on a Dance Floor“ von 2005 ist für mich das beste, was sie je gemacht hat. Das läuft in einem Guss wie ein DJ-Set durch. Und dann das Video zu „Hung up“. Beinahe 50 rockt sie im pinkfarbenen Body über den Fußboden, als wäre sie 20, Becken hoch und runter, die Beine hinter das Ohr. Hat mich zu einer Persiflage animiert, die mein größter Erfolg wurde: mit rosafarbener Bluse, rosafarbenem Schlüpfer, einem schwarzen Gürtel und einem selbst gebastelten Ghettoblaster, den Madonna im Video auch hatte.

Ich beneide sie um nichts, ich würde so ein Leben nicht führen wollen. Ich frag’ mich, warum die noch weitermacht. Sie ist eine fanatische Arbeiterin mit eiserner Disziplin. Und sie hat sich vom Erfolg nicht überrennen lassen. Nur was ich vom neuen Album gehört habe, hat mich noch nicht überzeugt. Auf Facebook läuft eine Riesendiskussion darüber, wie die wieder rumläuft, dass sie viel zu alt für knappe Klamotten ist. Finde ich nicht. In Hollywood finden Frauen über 50 keine Rollen, bis sie ins Großmutteralter kommen. Die Frau um 50, die sexuell attraktiv ist, gibt es nicht. Madonna zeigt, dass es möglich ist. Frauen sollen sich nicht nehmen lassen, sich sexy anzuziehen. Warum sollen die keinen Minirock und enge Klamotten tragen? Mach’ ich doch auch.

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