Zeitung Heute : Start in den Job: Die erste Weichenstellung

Cornelia Dörries

Da saß er nun, der hoffnungsvolle Hochschulabsolvent mit Prädikatsabschluss, Praktika und prima Aussichten. Ratlos. Die unzähligen Stellenanzeigen in den dicken Wochenendausgaben schienen alle an ihn persönlich gerichtet: er war kreativ, teamfähig, kommunikationsstark und flexibel, zweifellos auch karrierefreudig, mobil und innovativ. Aufstieg, Glanzgehalt, Verantwortung und Mitbestimmungsmöglichkeiten winkten von allen Seiten - ganz gleich, ob es sich um die Jobofferte eines mittelständischen Wassertechnikbetriebs aus Südhessen oder um das ganzseitige Angebot eines weltweit operierenden Pharmakonzerns handelte. Alle Annoncen lasen sich wie ein Versprechen, das Unterpfand der harten Ausbildungsjahre zukunftsträchtig und mit Gewinn einzulösen.

Doch mit welcher Entscheidung lassen sich die hohen Erwartungen der sogenannten High Potentials erfüllen? Der hochqualifizierte Berufsanfänger steht immer vor der Wahl, nach dem Studium entweder in ein internationales Großunternehmen einzusteigen oder fortan die Geschicke eines vergleichsweise kleinen Mittelstandsbetriebes mitzubestimmen. Der Karriereanwärter muss sich bei seiner Wahl darüber bewusst sein, dass sich die Anforderungen bei einem Global Player von denen mittelständischer Firmen erheblich unterscheiden. "Der Bewerber muss bei seiner Entscheidung auch die jeweilige Unternehmenskultur einbeziehen", sagt Susanne Culo von der Unternehmensberatung Kienbaum.

Bekannte Namen

Bei einem großen internationalen Unternehmen lockt natürlich erst mal das Renommee, der bekannte Name und nicht zuletzt der kosmopolitische Nimbus. Doch die Strukturen in diesen riesigen Firmen, die mitunter an mehreren, über den Globus verteilten Standorten vertreten sind, bringen zwangsläufig eine starke interne Hierarchisierung mit sich. Der Managementnovize mit Ambitionen wird mit einer vergleichsweise anonymen Atmosphäre konfrontiert, in der er nur einer unter vielen anderen gut gekleideten Angestellten ist. Diese gehen tagein tagaus auf vielen Etagen ihrer Arbeit in einem klar eingegrenzten Aufgabengebiet nach. Der Konkurrenzkampf auf der schmalen Leiter nach oben wird in diesen Unternehmen mit harten Bandagen ausgefochten, sagt Susanne Culo. "Man muss schon in der Lage sein, massiv Aufmerksamkeit zu erzielen, um wahrgenommen zu werden."

Entsprechend sollte auch die individuelle Karriereorientierung beschaffen sein. Also Mut zur großen Klappe. Wer sich über längere Zeit schüchtern hinter Aktenbergen verschanzt und angesichts der realen Möglichkeit, auch mal einen Fehler zu machen, Schweißausbrüche und Schlafstörungen bekommt, ist für eine internationale Laufbahn sicher weniger geeignet - ungeachtet seiner fachlichen Kompetenzen. Denn die lassen sich in einem international präsenten Unternehmen mit Heerscharen von aufstiegswilligen Führungskräften nur über ausgeprägtes Ellbogenverhalten und Talent zur offensiven Darstellung der eigenen Fähigkeiten vermitteln.

Doch neben diesen unbestritten problematischen Erscheinungen bietet ein wirtschaftliches Schwergewicht mit internationaler Ausrichtung eine Vielzahl von Bewährungsmöglichkeiten. Eine Karriere im Ausland dürfte dabei an erster Stelle stehen. Doch damit der Traum vom gut dotierten Führungsposten auf einem anderen Kontinent in Erfüllung geht, sollte der Bewerber seine Ambitionen schon beim Vorstellungsgespräch klar machen. Susanne Culo von Kienbaum hat schon oft erlebt, dass dem neuen Mitarbeiter die unbegrenzten Karrieremöglichkeiten in Übersee zwar versprochen, jedoch nie eingehalten wurden. Sie rät den Bewerbern, schon bei der Einstellung die eigenen Wünsche und Vorstellungen gerade hinsichtlich einer gleichwie befristeten Beschäftigung im Ausland konkret zu artikulieren. Unerlässlich ist dabei, dass sich der Bewerber vorab schon Informationen über die internationalen Arbeitsmöglichkeiten und Projekte des Unternehmens beschafft, auf die er sich im Gespräch vernünftigerweise beziehen sollte. Dann wird den Human Resource Managern aus der Personalabteilung nämlich auch deutlich, dass der Kandidat wirklich motiviert ist.

Doch Motivation allein reicht für eine internationale Karriere nicht. Jean-Christophe Lanziray, Pressesprecher der Zentralen Arbeitsvermittlung ZAV in Bonn, verweist auf eine Checkliste seiner Behörde, die im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeit Fach- und Führungskräfte ins Ausland vermittelt. Die potenziellen Anwärter auf einen Arbeitsplatz in der Fremde werden anhand spezieller Kriterien auf ihre Tauglichkeit geprüft. Sprachliche Fähigkeiten stehen dabei an erster Stelle. Aber auch Kenntnisse landesüblicher Gepflogenheiten sowohl im Geschäftsleben als auch auf dem gesellschaftlichen Parkett, gern als interkulturelle Kompetenz annonciert, sollten Berufsanfänger mit Auslandsorientierung mitbringen. Als selbstverständlich werden Toleranz und Offenheit für Unbekanntes vorausgesetzt. Fragen, die den Verbleib der Familie betreffen, müssen ebenfalls vor der Entscheidung für einen Arbeitsplatz im Ausland geklärt werden: Gibt es berufliche Möglichkeiten für den Ehepartner? Ist der Schulbesuch für die Kinder gewährleistet? Was kommt danach?

Überschaubarer Mittelstand

Wer eine anstrengende und entbehrungsreiche Karriere bei einem Weltkonzern zugunsten eines beruflichen Werdegangs im mittelständischen Bereich ausschlägt, trifft diese Entscheidung meist im Wissen um die jeweiligen Vor- und Nachteile, so Kienbaum-Mitarbeiterin Susanne Culo. Ein überschaubarer Mittelstandsbetrieb bietet im Gegensatz zum Großunternehmen schnellere Aufstiegschancen sowie mehr Eigenverantwortung und größere Entscheidungsfreiheit. Das Aufgabenfeld ist bei weitem nicht so eingegrenzt, die Kontakte zwischen den einzelnen Firmenbereichen sind viel enger.

Der vergleichsweise geringe Anonymisierungsgrad in diesen Unternehmen hängt auch mit einer geringeren Hierarchisierung und schwächeren Abgrenzung der Entscheidungsebenen zusammen - nicht zuletzt deshalb, weil man sich kennt und neben der Mittagspause durchaus abendliche Geselligkeiten gemeinsam verbringt. Auch die neuen Ideen der Mitarbeiter werden in einem Mittelstandsbetrieb viel schneller erhört als in einem riesigen Konzern.

Es ist deshalb keine Seltenheit, dass sich Führungskräfte nach einem Berufsstart in einer großen Firma bewusst nach einer Position im Mittelstand umsehen; nämlich dann, wenn sie feststellen, dass die Unternehmenskultur in Betrieben, die eine Nummer kleiner sind, ihren persönlichen Präferenzen viel besser entspricht. Diese Umorientierung findet den Erkenntnissen der Unternehmensberatung Kienbaum zufolge meist nach den ersten zwei Jahren im Beruf statt. Die individuellen Karrierewünsche und Perspektiven sind zu diesem Zeitpunkt meist klarer als zu Beginn der beruflichen Laufbahn; es stellen sich Fragen wie "Wo stehe ich?" und "Wo will ich hin?".

Der Wechsel vom Großunternehmen in den Mittelstand ist dabei weit weniger problematisch als der umgekehrte Weg. "Wer immer nur mit kleinen Bilanzen operiert hat, erschreckt vor den großen Zahlen", sagt Susanne Culo. Der Wechsel von einem kleinen Betrieb in einen Riesenkonzern, ohnehin eher unüblich, erfordere ziemlich viel Biss. Und natürlich Teamfähigkeit, Kreativität und Flexibilität. Wie überall.

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