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Brüche im Leben: Deutsche Berufskarrieren verlaufen inzwischen wie in den USA. Alles begann vor fünf Jahren, als der Neue Markt auf dem Höchststand war – und abstürzte. Vier persönliche Bilanzen.

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KATHARINA GORMANNS, 29

Es war 1997, als ich mich an einem Institut für MedienDesign eingeschrieben habe, um Computeranimation zu lernen. Danach war es leicht, eine Anstellung zu finden. Zuerst wurde ich Trainee bei ID Media, im März 2000 bekam ich eine Festanstellung bei der Agentur Imstall. Die Stimmung im Büro war familiär, die Auftragslage mehr als rosig. Wir waren 30 Leute, saßen in einem umgebauten Pferdestall – daher der Name. Ich wusste, was ich kann: Animation mit dem Programm Flash. Doch das konnte ich leider fast gar nicht anwenden. Das war mir alles zu wenig. Ich kündigte. Bei 702 Media habe ich im Oktober 2000 angefangen, ein kurzes Intermezzo. Ich habe mich für die Firma aufgerieben, aber Flash kaum einsetzen können. Zwei Angestellte plus Praktikant sollten die Arbeit eines 30-Mann-Teams leisten. Wieder ging ich, und um mich herum begann es langsam zu kriseln. ID Media entließ plötzlich Leute, Imstall hatte finanzielle Probleme, und Freunde wurden arbeitslos. Das war zu Beginn 2001. Ich fand noch einmal eine Firma: Defcom, die gerade den Relaunch von Mtv.de betreute. Ein halbes Jahr später lagen auch bei Defcom Praktika-Bewerbungen von hoch qualifizierten Leuten, doch die Aufträge blieben aus. Dann kam das Attentat auf das World Trade Center. Ich erinnere mich, wie wir in der Kneipe saßen, auf den Bildschirm starrten, die Sprecher redeten von katastrophalen Auswirkungen auf die Wirtschaft, und ich verstand nicht, wie sie das meinten. Dann sendete MTV für zwei Wochen nicht, der Sender strich sein Online-Budget – darunter litt Defcom. Nach anderthalb Jahren musste ich gehen, die Firma zog in kleinere Räume. Ich war ein Jahr arbeitslos. Ich bekam nichts mehr auf die Reihe. Bewerbungen schreiben, einkaufen, kochen, abwaschen, mit dem Hund ausgehen, dann war der Tag vorbei, es war, als würde ich in ein Zeitvakuum geraten. Das Arbeitslosengeld reichte nicht. Ich habe mir einen Mitbewohner gesucht und hatte nur mit Arbeitslosen zu tun. Wir schmiedeten Pläne, um festzustellen, dass wir kein Geld für die Umsetzung haben. Über eine Zeitarbeitsfirma landete ich in der Klassikabteilung einer Plattenfirma und übernahm zwei Wochen eine Assistentenstelle. Danach machte ich alles: Für die Plattenfirma habe ich eine Hörspiel-Reihe organisiert, für Bekannte Visitenkarten entworfen, Internetseiten für kleine Firmen erstellt und Freunden beim Layout eines Auto-Magazins geholfen. Viel Geld verdiene ich nicht. Ich kann froh sein, wenn ich keinen Ärger mit der Bank habe.

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