Zeitung Heute : Start-up ins Leben

Regina-C. Henkel

Es zeichnet sich "eine neue Qualität der Arbeit ab" schreibt Horst W. Opaschowski in seiner Studie "Start-up ins Leben". Auf dem Buch-Cover steht als Untertitel die Frage "Wie selbstständig sind die Deutschen?". Dabei ist sich der Chef des BAT Freizeitforschungsinstituts in Hamburg ganz sicher: "Die Zukunft der Arbeit bewegt sich zwischen Teamwork und Selbstständigkeit". Doch ob für eine Zukunft als kreativer Mitarbeiter, der die Unternehmensziele auch zu seinen eigenen macht (Intrapreneur) und dabei stets an die Synergien in der Gruppe denkt, oder als gesamtverantwortlicher Unternehmer (Entrapreneur): Die "neue Qualität der Arbeit" verlangt als Rüstzeug auch ein neues Leistungsprofil. Nach Opaschowskis Befragungsergebnissen stehen "sehr gute fachliche Ausbildung" und "ausreichende Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge" ganz oben auf der Liste notwendiger Skills.

Das freilich korrespondiert nun überhaupt nicht mit dem, was die Schule vermittelt. Die OECD-Studie "Programme for International Student Assessment" (Pisa) verschlug Deutschland auf Rang 21 von insgesamt 32 Ländern, weil sich die untersuchten Schüler im Alter von rund 15 Jahren kaum in der Lage zeigten, die (wenigen) im Unterricht erworbenen Kenntnisse im Alltag anzuwenden.

Eine katastrophale Botschaft für die Wirtschaft. Die neue Wissensgesellschaft verlangt selbstständig denkende und handelnde Erwerbstätige mit neue Tugenden (siehe Beitrag unten). Gefordert sind vor allem die Lehrer. Die Pisa-Ergebnisse stellen sie an den Pranger. Unternehmerische Verantwortung darf für Schulleiter kein Fremdwort bleiben, fordert Beratungsprofi Jochen Kienbaum (siehe Beitrag links) und das Institut der deutschen Wirtschaft (iw) rügt: "An den Veranstaltungen der Fortbildungsinstitute nimmt nur etwa jeder zehnte Lehrer teil."

Immerhin: Die Ausrichter der "Bildungsmesse 2002" vom 19. bis 23. Februar in Köln weisen darauf hin, dass die ins Kreuzfeuer geratene Berufsgruppe traditionell ihre treueste Besucherklientel stellt. Und dieses Jahr haben Lehrer besonders viel Gelegenheit, sich in punkto Wissensgesellschaft auf den Stand zu bringen. Ganz so wie Horst W. Opaschowski es mit seiner "Start-up ins Leben"-Studie getan hat, stellen auch die Veranstalter der "Bildungsmesse 2002" die zentrale Zukunftsfrage: Was bedeutet Beschäftigungsfähigkeit? Der Kongress "Weiterbildung 21 - The Key: Employability" (22. / 23. Februar) widmet sich sowieso dem Thema.

Szenenwechsel in die Praxis: Wrangelstraße 98 in Kreuzberg. An der roten Backsteinfassade des Kasernenbaus aus dem 19. Jahrhundert sind weiße DIN-A-4-Blätter mit der Aufschrift "Pitch" angebracht. Sie weisen den Weg in die mit rund 6200 Schülern größte Berufliche Schule Europas. Unter den Auszubildenden sind 255 angehende Werbekaufleute aus dem gesamten Stadtgebiet. Die Anfang Zwanzigjährigen bereiten sich am Oberstufenzentrum (OSZ) Handel I auf die IHK-Prüfung vor - vor allem aber auf das Überleben in einer Branche, die seit jeher wie ein Seismograf auf die Wirtschaftslage im Land reagiert: Werbung und Marketing. Zurzeit haben die Hersteller und Dienstleister ihre Werbebudgets zwar auf ein Minimum zurückgefahren, keine andere Berufsgruppe hat dieser Tage stärkere Zuwachsraten bei der Arbeitslosenquote als Werber. Doch die Prüfungskandidaten vom OSZ Handel I brauchen sich keine großen Sorgen zu machen. Die meisten wissen bereits, wo sie nach der Werbekaufmanns-Prüfung einen Job finden. Und wenn nicht, sind sie fit für die Existenz als selbstständiger Unternehmer.

Präsentation eines Werbekonzepts

Höhepunkt der Ausbildung nach dem "Lernfeldkonzept handlungsorientierter Unterricht" ist die Präsentation einer Projektarbeit - im Wettbewerb mit anderen. In der Werbesprache heißt das "Pitch". Am OSZ Handel I interessieren sich nicht nur die für die Zeugnisnoten zuständigen Lehrer für diese Leistungsschau. Die wegweisenden DIN-A-4-Blätter waren eine gute Idee, die Aula ist dicht besetzt. Über 200 neugierige Mitschüler und Lehrer, aber auch Freunde und Eltern sind gekommen - und fünf Werbeprofis aus der Berliner Agenturszene. Als Arbeitgebervertreter im Prüfungsausschuss der IHK kennen sie sich mit dem Lern- und Lehrstoff angehender Werbekaufleute aus. Heute wollen sie gemeinsam mit einer fünfköpfigen Schüler-Kommission entscheiden, welche der insgesamt drei Präsentationen die beste ist. Am Ende fällt dem Gremium die Wahl noch schwerer als erwartet. Alle drei Gruppen haben die Aufgabe, für ein "neues Produkt in einem gesättigten Markt ein Marketingkonzept einschließlich Kommunikationsstrategie und Mediaplanung" (Budget: zehn Millionen Euro) zu entwickeln, meisterhaft gelöst - fast wie bei einem Profi-Pitch.

Zum Beispiel die Kampagne für "Say Cheese", einen Frischkäse aus der Pumpflasche: Musik aus dem Gettoblaster, Nummerngirls, die lächelnd die nächste Ereignisrunde ankündigen, und ein Beamer, der den Slogan ("Der Alleskönner"), den "Claim" (Käse zum Pumpen) und den Grundnutzen (Pumpen statt Besteck) in allen Einzelheiten als Power-Point-Präsentation an die Wand wirft. Die Berufsschüler haben an alles gedacht, es werden sogar Käsehäppchen als Kostprobe verteilt. Fachbereichsleiters Michael Holz greift besonders beherzt zu, denn er kann den Aufwand für die Präsentation genau einschätzen: "In den acht Projekttagen, die den Berufsschülern für die Vorbereitung zur Verfügung standen, sind solche Ergebnisse nicht zu erreichen. Das schafft man nur mit zusätzlichem Engagement." So weit die Berufsschüler.

Aber was ist an den viel gescholtenen Unis los? Welches Rüstzeug wird hier vermittelt? Dieses Mal heißt die Adresse "Hinter den Ministergärten 5" in Mitte. Die hessische Landesvertretung hat dem Institute of Electronic Business (IEB) ihre Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Zur "Annual Conference" des An-Instituts an der Universität der Künste (UdK) spricht Professor Joseph Weizenbaum. Der Erfinder der künstlichen Intelligenz und Doyen der IT-Forschung wendet sich augenzwickernd an diejenigen unter den Gästen, die vom dunklen Einheits-Outfit (noch) abweichen, die Studenten: "Wenn man der Überzeugung ist, dass die eigene Idee besser ist, muss man den Mut haben, auch gegen vermeintliche Autoritäten aufzustehen." Und wer hartnäckig seine Ziele verfolge und vor allem "sich nur da kratzt, wo es auch juckt", der werde langfristig Erfolg haben.

Fit für die Neuen Medien

Die IEB-Studenten Hakim Khan (30) und Juan Pao (22) haben genau das vor. Nach einem erfolgreichen Grundstudium in einer klassischen Disziplin sind sie ans IEB gewechselt, um sich dort topfit für die noch jungen Tätigkeitsfelder in den "Neuen Medien" zu machen. Mit Hilfe der praxisorientierten Projektausbildung werden sie schon bald wichtige Schlüsselpositionen im E-Business besetzen. Ex-MIT-Professor Weizenbaum sieht dafür allerdings eine wichtige Voraussetzung: Von den IEB-Dozenten, Wissenschaftlern wie Praktikern aus der Wirtschaft, fordert er "Tolerance für Nonsense".

So würde es Klaus Landfried wahrscheinlich nie formulieren. Doch unterm Strich ist der Präsident der Hochschulrektoren-Konferenz (HRK) der selben Meinung wie Joseph Weizenbaum und Michael Holz vom OSZ Handel I. Für Landwehr sind "Konzentration, Anstrengung und Selbstdisziplin unerlässlich", um Leistung zu bringen. Außerdem sagt er: "Es ist vor allem eine Frage der Einstellung, mit der dem Lernen begegnet wird." Seine Hauptforderung heißt "Verzahnung theoretischer Ausbildungsinhalte mit Erfahrungs- und Praxisanteilen." Genau das also, was Horst W. Opaschowski in seiner Studie beschreibt - was am OSZ Handel I und am IEB bereits längst praktiziert wird: Vorbereitung auf die Employability, die Arbeitsmarktfähigkeit in einer Berufswelt zwischen Teamwork und Selbstständigkeit.

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