Zeitung Heute : Start ups: Anwendungsfehler

Ulrich Hottelet

"In den USA habe ich gelernt: Der Job ist dein Leben!" An dieses Motto seines Chefs denkt ein Ex-Mitarbeiter eines Berliner Internet-Start-ups noch heute mit Schaudern zurück. "Der rief die Kollegen um Mitternacht an und erwartete, dass man um diese Zeit für ein dringendes Projekt nochmal ins Büro kommt."

Eine solche Einstellung in punkto Job und Lifestyle ist in der New Economy kein Einzelfall. Feste Arbeitszeiten und eine geregelte 37,5-Stunden-Woche sucht man hier vergebens. Im Gegenteil: 60- bis 70-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit, von den Mitarbeitern wird hundertprozentiger Einsatz verlangt. Allerdings wird ein solches Engagement für die Firma nicht mit einem dicken Gehalt entlohnt: "Software-Entwickler werden natürlich gesucht und gut bezahlt", sagt Felix Goedhart, Vorstandsvorsitzender der Venture Capital-Gesellschaft pre-IPO AG in Hamburg, "aber Mitarbeiter in Marketing, Vertrieb und den kaufmännischen Bereichen müssen damit rechnen, dass sie bei einem Start-up rund 20 Prozent weniger als in der Old Economy verdienen". Dafür gibt es Aktienoptionen. Bis zum Börsencrash waren die heiß begehrt.

Doch dem Hype folgte der Anti-Hype, und die Optionen sind heute oft kaum mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. "Funny money" heißen sie in der Branche. Auch bei dem Berliner IT- und Telekommunikations-Dienstleister Teles AG, heute eine Holding, machten nach Aussage von Bernd Baumann (Name von der Redaktion geändert) Aktienoptionen einen wesentlichen Teil seiner Vergütung aus.

Auf der Website des Unternehmens ( www.teles.de/holding/ger/jobs/index.html ) wird noch heute ihre Attraktivität angepriesen: "In amerikanischen Unternehmen gleichen Umfelds kennt man den Zusammenhang zwischen Unternehmens-Performance, den Human Resources assets und attraktivem Esop (Employee Stock Option Program). Die Teles übernahm in ihrem Esop dieses Erfolgsrezept des Human Resources Management: Die Mitarbeiter wurden den Investoren gleichgestellt, eher noch etwas weiter begünstigt. Durch die Programmteilnahme kommt es bei den Mitarbeitern zu einer beträchtlichen Vermögensbildung - wenn die Performance der Unternehmensaktie stimmt.

Wenn der Kurs abstürzt

Zehn Prozent des Gesamtkapitals der Teles waren für das Esop vorgesehen. Insofern unterscheidet sich das Teles-Esop erheblich von den früher üblichen Mitarbeiterprogrammen: Es bietet allen Mitarbeitern Chancen auf einen Wohlstand, der selbst "durch intensives Sparen nicht erreicht werden kann." Leider dümpelt der Aktienkurs bei 1,6 Euro - meilenweit entfernt von seinem Hoch: Einstmals waren es 39 Euro.

Baumann zufolge verzichtete mancher Kollege in der Vergangenheit auf ihren Urlaub, im Gegenzug bekamen sie Aktienoptionen. Dumm gelaufen für diejenigen, die sogar Kredite aufnahmen, um weitere Optionen kaufen zu können. Wenig Glück hatte auch ein Mitarbeiter, der bei einer Betriebsversammlung die Firmenleitung darum bat, dass die Beschäftigten den ihnen zustehenden Urlaub in Anspruch nehmen. Einen Tag später packte der Mann seine Sachen zusammen und ging - für immer. Nicht ganz freiwillig, wie zu hören ist.

Einen Betriebsrat gab es vor der Umstrukturierung zur Holding in dem mehrere Hundert Arbeitnehmer zählenden Unternehmen nicht. "Manche wurden fünfmal gefeuert und fünfmal wieder eingestellt", sagt ein früherer Programmierer.

60-Stunden-Woche

Nach Angaben des Unternehmens existiert in der sich aus 28 Gesellschaften zusammensetzenden Holding in einigen Firmen ein Betriebsrat. Als Arbeitszeit war die 60-Stunden-Woche laut Baumann an der Tagesordnung. Oft habe man auch an Wochenenden gearbeitet. Ein Firmensprecher dazu: "Keiner hat bei uns einen Vertrag über 60 Stunden. Die Arbeitszeiten sind unterschiedlich wie in jedem Unternehmen." Vergleichbare Zustände herrschen in vielen Firmen der New Economy. Feste Einkommen, geregelte Arbeitszeiten, Betriebsräte und Kündigungsschutz galten lange als Merkmale der Old Economy.

Die Mitarbeiter in den Start-ups glaubten, ohne solche Standards auszukommen. Denn dafür lockten Arbeitsbedingungen, wie sie von anderen Firmen nicht geboten werden: flache Hierarchien, verantwortungsvolle Aufgaben, lockerer Umgangston, ein Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot-Gefühl. In einigen frisch gegründeten Internet-Buden fuhr das ganze Team sogar zusammen in den Urlaub - Workaholics on the road.

Doch seit dem Börsencrash ist damit Schluss, und heute sehnt sich mancher nach den ehedem verpönten sozialen Standards wie 13. Monatsgehalt und Urlaubsgeld. Die Gewerkschaften dürfen sich über die Trendwende freuen. Zwar sind weniger als zehn Prozent der Arbeitnehmer im IT-Bereich gewerkschaftlich organisiert, aber inzwischen wünschen sich 73 Prozent der Beschäftigten der Branche einen Betriebsrat, wie eine Umfrage der Fachzeitschrift "Computerwoche" ergab. Auf die Arbeitnehmervertreter könnte schon bald viel Arbeit zukommen, denn bei den Dotcoms regiert jetzt der Rotstift.

Nach Erhebungen der Outplacement-Agentur Challenger, Gray & Christmas verloren allein im ersten Monat dieses Jahres in den USA 12 828 Beschäftigte von Internet-Firmen ihren Job - so viele wie noch nie seit Beginn der Challenger-Untersuchungen im Januar 2000. Düster ist auch die Bilanz für das gesamte Jahr 2000: In zwölf Monaten wurden in Amerika rund 42 000 Stellen gekappt - vielfach bei Unternehmen, die Waren übers Internet vertreiben, meldet der Fachdienst Heise Online. Und in diesem Jahr hat sich der Trend noch drastisch verstärkt.

Ein Absturz der Branche, verbunden mit Massenentlassungen, ist aber auch nicht im Sinne der Gewerkschaften. Seit einiger Zeit führt der DGB Gespräche mit Vertretern der New Economy. Hans-Joachim Schabedoth, Leiter der Grundsatzabteilung im DGB, sagt: "Wir begleiten die Start-ups mit Sympathie. Denn sie spielen eine wichtige Rolle im Arbeitsmarkt, zum Beispiel bei der Integration arbeitsloser Lehrer." Allerdings unterscheide man klar zwischen größeren Firmen der New Economy mit bis zu 90 Mitarbeitern und kleinen Neugründungen. Schabedoth: "Die Gründer machen eine kreative Selbstausbeutung. Das muss man akzeptieren. Solange das Baby nicht laufen kann, ist der Kopf nicht frei, sich um die Gründung eines Betriebsrats zu kümmern." Für die größeren Unternehmen gelte jedoch: "Für den Gesetzgeber sind alle gleich, ob New oder Old Economy."

Gewerkschafter Schabedoth setzt auf Verständigung: "In der Praxis sind die Betriebsräte doch keine Besatzungsmacht, sondern flexibel für Anpassungen an den jeweiligen Betrieb." Die New Economy habe ihre eigenen Spielregeln, die den Ausgangspunkt für Verhandlungen über Regelungen mit einzelnen Unternehmen bilden müssten. Mit Debis habe man sich bereits geeinigt. Den Zeitpunkt, wann ein Start-up eine Belegschaftsvertretung gründen muss, will er nicht formalisieren: "Wenn die Firma zuverlässig davon ausgehen kann, dass es sie in einem halben Jahr noch gibt, dann sollte sie einen Betriebsrat gründen."

Endlich Urlaub

Die neue Hinwendung zu den Gewerkschaften erklärt Schabedoth mit dem Burn-out-Syndrom: "Viele waren von ihrem Job so begeistert, dass sie ein bis zwei Jahre lang auf den Urlaub verzichtet haben. Das geht aber nur eine Zeit lang gut, dann ist man einfach urlaubsreif oder die Prioritäten ändern sich, weil man eine Familie gründet. Es darf nicht sein, dass man dann Angst haben muss, dass der Job weg ist, sobald man Urlaub macht."

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