Zeitung Heute : Startbahn West

Der eine nennt sich „Antiheld“, die andere wirkt zu schüchtern für eine Siegerin. Mit den Linken ziehen Politikneulinge in die Parlamente ein

Cordula Eubel[Berlin] Klaus Wallbaum[Hannover]

In die Kameras zu lächeln, das muss Kreszentia Flauger noch üben. Sie kneift den Mund zusammen. Ab und zu schaut sie Oskar Lafontaine von der Seite an, als ob sie sich vergewissern wolle, dass sie auch alles richtig macht. Keine Frage. Gerade hat der Bundesvorstand der Linken extra seine Sitzung unterbrochen zu Ehren für die Wahlsieger in Hessen und Niedersachsen. Es gab Sekt und Blumen, und Flauger stellt sich das erste Mal der Hauptstadtpresse. Es klingt ein bisschen nach einer Drohung, als sie ankündigt: „Wir werden dafür sorgen, dass im Landtag in Niedersachsen Leben einkehrt.“

Es ist eine politische Sensation. Erstmals ist die Linke – zusammengewachsen aus PDS und linken Versprengten der SPD und der Gewerkschaften – in zwei westdeutschen Flächenländern im Landtag vertreten. In Niedersachsen hat sie aus dem Stand gleich 7,1 Prozent erreicht – elf Sitze im Parlament eines bäuerlich-bodenständigen Landes.

Klar ist: Politische Erfahrung war nicht der Grund. Die niedersächsischen Linken sind Politikneulinge.

Spitzenkandidatin Kreszentia Flauger, Rufname Tina, 41 Jahre alt, war zuletzt im Bremer Büro des Bundestagsabgeordneten Axel Troost angestellt. Sie wirkt zu schüchtern für eine Siegerin, mit ihrem runden, freundlichen Gesicht und den braven, glatten Haaren. Allerdings nimmt man ihr den im Wahlkampf viel beschworenen sozialen Anspruch durchaus ab. Abschaffung von Hartz IV, Mindestlohn, gebührenfreie Bildung, Kampf gegen Kinderarmut und für mehr Chancengleichheit – das waren ihre Themen.

Flauger stammt selbst aus kleinen Verhältnissen. Mit drei Geschwistern ist sie als Tochter eines Kieler Handwerkers in einer winzigen Wohnung aufgewachsen. Während des Wahlkampfs hat sie bei Veranstaltungen oft erzählt, dass sie wisse, was es heiße, „wenn man als Kind ausgegrenzt wird, weil man nicht mit den anderen gemeinsam ins Kino gehen kann“. Nebenbei arbeitet sie ehrenamtlich als Richterin am Arbeitsgericht Oldenburg.

Aber auch wenn sie diejenige war, die gestern die Blumen bekam – Tina Flauger wird dennoch keine starke Führungsfigur. Es wurde schon angekündigt, dass es eine Doppelspitze geben wird. Die Machtverhältnisse sind in Hannover anders geordnet. Flauger entstammt der WASG, die im Land noch nicht sehr gut organisiert war als der Zusammenschluss mit der PDS kam. Die wiederum war recht gut verwurzelt. Sie hat in Niedersachsen die gestalterische Macht.

Die Entscheidung um den zweiten Mann liegt wohl bei Diether Dehm, 57, Musikmanager aus Frankfurt am Main mit großem Talent für Inszenierungen – und auch für Wahlkämpfe. Früher war er in der SPD aktiv, hat sogar die Arbeitsgemeinschaft der Selbstständigen geleitet. 1998 aber trat er aus. Bis heute ist das eine heikle Geschichte. Er soll der Stasi Informationen zugeschanzt haben über die DDR-Künstler, die er im Westen auftreten ließ, heißt es; Dehm dementiert das allerdings. Er ging in die PDS. 2003 übernahm er dann die Führung in Niedersachsen, einem Häufchen zerstrittener Linker. Dehm organisierte den Burgfrieden und baute neue Leute auf.

Seit 2005 sitzt er nun im Bundestag, aber die neue Fraktion im Landtag ist dennoch stark von ihm geprägt. Zu den von ihm geförderten Leuten zählt vor allem Manfred Sohn, 52, Versicherungsangestellter und auf Listenplatz zwei Spitzenkandidat neben Tina Flauger.

Ihm hat der Wahlsieg ziemlich schnell Selbstbewusstsein verschafft. Schon am Morgen nach der Wahl will er in Niedersachsen neue Sitten einführen. Während der Pressekonferenz in Hannover lädt Sohn für den Abend zu einem „Großen Ratschlag“ in ein Freizeitheim ein. Gemeinsam mit Gewerkschaftern, Umweltinitiativen und anderen Protestbewegungen will er darüber reden, „wie gesellschaftliche Gruppen stärker auf die Politik einwirken“ können. „Wir würden uns freuen, wenn auch Vertreter von SPD und Grünen zu unseren Sitzungen kommen“, sagt Sohn und lächelt frech.

Manfred Sohn hat bis vor wenigen Jahren in der DKP gearbeitet, und noch 2006 schrieb er in einem Aufsatz, die DDR sei „über 40 Jahre lang der friedlichere und sozial gerechtere Teil Deutschlands“ gewesen. Gestern sagte Sohn, er weine der DDR „keine Träne nach“, weigere sich aber „einen Bann darauf zu legen“. Die Kinderkrippenerziehung etwa sei in der DDR sozialer gewesen.

Manfred Sohn ist nicht der einzige in der neuen Landtagsfraktion mit DKP-Vergangenheit. Die 60-jährige Christel Wegner aus Buchholz gehört ihr sogar noch immer an. Ihr Listenplatz war ein Zugeständnis an die DKP, eine Gegenleistung dafür, dass die orthodoxen Kommunisten nicht selbst für das Parlament kandidiert haben.

Zwei linke Siege – zwei verschiedene Ausgangspunkte. Während die Linken in Niedersachsen von der niedrigen Wahlbeteiligung profitiert haben, mussten sich die Genossen in Hessen ihren Erfolg erarbeiten, in mühsamen Straßenwahlkämpfen. Die sechs Politiker, die nun ins Parlament einziehen, gelten als pragmatisch, nicht ideologisch.

Ihr Spitzenkandidat Willi van Ooyen, 60 Jahre alt, freundliches Gesicht, ist eher der ruhige Typ, gerade mal einen Meter 60 groß, sich selbst nennt er einen „Antihelden“. Nach dem bösen Kommunisten, vor dem Roland Koch die Wähler gewarnt hat, sieht van Ooyen nicht aus. Dass der Versuch der Hessen-CDU, ihn abzustempeln, nicht verfangen hat, mag auch daran liegen, dass van Ooyen so gar nichts von einem Eiferer hat. Er hat Elektriker gelernt, dann sein Abitur nachgeholt, Geschichte und Pädagogik studiert. Heute arbeitet er als pädagogischer Leiter einer Behindertenwerkstatt in Frankfurt. Er hatte selbst dann noch etwas von einem Sozialarbeiter, wenn er Passanten Flyer mit „Koch abwählen“ in die Hand drückte. Ab 1984 war er zwar Bundesgeschäftsführer der Deutschen Friedens-Union, einer der DKP nahestehenden Organisation, die zu DDR-Zeiten von der Regierung unterstützt wurde. Aber er hat eben in Frankfurt auch fast 30 Jahre lang Ostermärsche organisiert und sich für Wehrdienstverweigerer eingesetzt – eine linke Musterkarriere, an der sich heute niemand mehr stört.

Van Ooyen ist parteilos, was ihn zunächst zu einem Verlegenheitskandidaten machte. Während sich Oskar Lafontaine im Landesverband für einen Gewerkschaftsmann stark machte, nominierte die Basis einen früheren DKP-Funktionär. Als der dann den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze mit dem Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan verglich, musste er auf Druck der Spitze in Berlin zurücktreten – das war van Ooyens Moment.

Nun könnte van Ooyen sogar derjenige sein, der Andrea Ypsilanti zum Amt der Ministerpräsidentin verhilft. „Wir rechnen fest mit einem Anruf“, sagt er am Montag – auch wenn Ypsilanti jede Zusammenarbeit ablehnt. „Wir würden sie bei der Wahl gegen Koch unterstützen, ob sie will oder nicht.“

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