Zeitung Heute : Starthilfe geben

An den Schnittstellen zwischen Schule, Ausbildung, Studium und Beruf werden professionelle Berater gebraucht

Andreas Monning

Aus dem Klassenzimmer in den Ausbildungsbetrieb, vom Uni-Hörsaal in den ersten Job – immer wieder gibt es berufliche Wendepunkte, an denen man sich mit einem neuen Umfeld und neuen Herausforderungen konfrontiert sieht. Professionelle Berufsvorbereiter können den Schritt von einer Lebensphase in die nächste sinnvoll unterstützen. Spaß im Umgang mit Menschen sollte man für den verantwortungsvollen Dozentenjob auf jeden Fall mitbringen, viele andere Fertigkeiten können in entsprechenden Weiterbildungen erworben werden.

Jedes Jahr gehen viele tausend Jugendliche bei der Lehrstellenvergabe leer aus, darunter nicht wenige mit deutlichen schulischen Defiziten. Besonders diese werden von den Arbeitsagenturen in qualifizierende Nachschulungen vermittelt. Am gängigsten sind die so genannten „Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen“ (BvB), die von externen Bildungsträgern durchgeführt werden – und diese brauchen qualifizierte Dozenten.

Unter den elf Instituten, die im Auftrag der Arbeitsagentur Berlin-Mitte verschiedene Qualifizierungsmaßnahmen anbieten, befindet sich auch das Bildungswerk Kreuzberg (BWK). Der Bildungsträger beschäftigt mehr als 20 Dozenten, die die Teilnehmer im Bereich BvB nach einem Einstiegskurs in Berufsorientierung, Bewerbungstraining und allgemein bildenden Fächern wie Deutsch, Mathematik und EDV unterrichten. BWK-Geschäftsführer Nihat Sorgec erklärt, welche Eignungen Dozenten in diesem Bereich mitbringen müssen: „Grundvoraussetzung sind ein Lehramtsstudium oder eine sozialpädagogische Ausbildung. Wer darüber hinaus auch noch praktische Erfahrung aus der Wirtschaft mitbringt und sozial engagiert ist, wäre der ideale Kandidat.“

Fehlen den Bewerbern Qualifikationen in einzelnen Bereichen, wie beispielsweise interkulturelle Kompetenzen oder Kenntnisse in Prävention von Ausbildungsabbrüchen, werden diese nach Einstellung durch interne Weiterbildungsmaßnahmen nachgeholt. Ausnahmen bestätigen allerdings auch hier die Regel: Für Maßnahmen, bei denen ein Zertifikat nach der Ausbildungseignungsverordnung (AEVO) vorzuliegen hat, muss man schon vorher und in Eigeninitiative diese Lücke schließen. Lehrende im Job muss das BWK regelmäßig zur Weiterbildung schicken, der so genannten „Trägerpersonalqualifikation“.

Helga Gafga, beim BWK für den Bereich Erwachsenenqualifikation und Berufsvorbereitung zuständig, wirbt für eine Dozententätigkeit bei den freien Bildungsträgern: „Im Vergleich zu staatlichen Schulen bietet die Arbeit mehr Freiheit zu gestalten, mehr Eigenverantwortlichkeit und Raum für Kreativität, das gefällt vielen Pädagogen gut.“ Neben verlockenden Freiräumen gäbe es allerdings auch Probleme: Seit die Maßnahmenvergabe der öffentlichen Hand per Ausschreibung stattfindet, befänden sich viele Einrichtungen im knallharten Wettbewerb, der nicht selten über den Preis ausgetragen würde. Sinkende Preise aber machten es zunehmend schwer, qualifiziertes Personal angemessen zu vergüten, häufig gingen den Bildungsträgern deshalb gute Leute durch die Lappen. Für Helga Gafga ein Problem: „Häufig parken Dozenten bei uns nur zwischen. Kriegen sie dann eine staatliche Stelle, sind sie ganz schnell weg.“

An den Unis sieht die Vergütung für Dozenten bislang besser aus – und auch hier wird Berufsvorbereitung in diesen Tagen groß geschrieben: Fester Bestandteil der neuen Bachelor-Abschlüsse ist nämlich der Bereich „Allgemeine Berufsvorbereitung“ (ABV), der ungefähr ein Sechstel jedes Bachelor-Studienganges ausmacht – für die Hochschulen ein beträchtliches Volumen an zusätzlichen Lehrstunden. Wie diese ihren Bedarf an entsprechend qualifizierten Dozenten decken, bleibt ihnen überlassen. Manche Hochschulen wie die Universität Leipzig versuchen bisher, den Bedarf aus den eigenen Reihen zu bestreiten. Jörg Cirulies vom Verein für Arbeit, Bildung und Forschung (ABF) ist sich allerdings sicher, dass dieses Vorgehen Grenzen hat: „Die Umstellung läuft gerade erst richtig an, bis 2010 müssen alle Studiengänge auf die neuen Abschlüsse umgestellt sein, der Bedarf an ABV-Lehre wird in den kommenden Jahren enorm ansteigen.“

Jan Ratjen, Referatsleiter Studium und Lehre bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nimmt an, dass die Hochschulen einen Mix realisieren und einerseits auf vorhandene Dozenten zurückgreifen, andererseits neue Kräfte von außen einkaufen werden. „Beide Varianten werden derzeit praktiziert“, bestätigt dann auch Goran Krstin, Sprecher der Freien Universität Berlin (FU). An der FU wird die Rekrutierung der neuen Lehrkräfte vom ABV-Beirat als Qualitätssicherungsgremium sowie von den für den Studienbereich und die neuen Module Zuständigen abgewickelt.

Fremdsprachen, Informations- und Medienkompetenz, Gender- und Diversity-Wissen, Kenntnisse in Organisation und Management, personale und sozial-kommunikative Kompetenzen und fachnahe Zusatzqualifikationen – bis zu 10 000 Stunden Lehre im ABV-Bereich pro 1600 Neuimmatrikulationen sind nach Schätzungen des ABF jedes Semester zu leisten. An der FU wären alleine im Bereich personale und sozial-kommunikative Kompetenzen (PSK) 2000 bis 3000 Lehrstunden abzudecken. „Berücksichtigt man die Anzahl der Universitäten, Hoch- und Fachhochschulen in Berlin und Umfeld, werden rund 250 entsprechend ausgebildete Dozenten gebraucht“, rechnet Jörg Cirulies vor, dieser Bedarf sei darüber hinaus bundesweit gegeben.

Zusammen mit dem Bildungsträger Atlop Berlin hat der Verein deshalb ein modulares Weiterbildungssystem entwickelt, das Absolventen befähigen soll, den Studienbereich ABV abzudecken und den Studierenden die entsprechenden Fähigkeiten zu vermitteln. „Während der viermonatigen Vollzeitausbildung zum ABV-Dozenten qualifizieren wir die zukünftigen Lehrkräfte in Bereichen wie Medieneinsatz und Präsentationstechniken, Planung und Vorbereitung einer Verhandlung oder Selbstmanagement“, erklärt Atlop-Leiter Frank Bosse. Leistungsberechtigte nach SGB II oder III, derzeit Arbeitssuchende oder von Arbeitslosigkeit Bedrohte, können bei der Arbeitsagentur einen Antrag auf Förderung der Weiterbildung stellen, für Selbstzahler betragen die Kosten 2800 Euro. Ausbildungsvoraussetzungen sind ein einschlägiger Studien- oder Berufsabschluss sowie entsprechende Studien- und Ausbildungsschwerpunkte, außerdem Hochschul- beziehungsweise Lehrerfahrung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben