Zeitung Heute : Startups: "Abcashen und nach mir die Sintflut" (Interview)

Herr Kolb[Sie behaupten: Viele Startup-Gründ]

Bernd Kolb (37) ist Vorstandsvorsitzender der Berliner I-D Media AG. Das Multimediaunternehmen mit 500 Mitarbeitern erreichte im 1. Halbjahr 2000 einen Umsatz von 38 Millionen Mark. Aufsichtsratsvorsitzender ist Jenoptik-Chef Lothar Späth.





Herr Kolb, Sie behaupten: Viele Startup-Gründer taugen nicht zum Unternehmer.

Die Rechnung hört bei vielen Gründern beim schon IPO (Initial Public Offering, Anm. d. Red.) auf: Abcashen und nach mir die Sintflut. Das ist Denken in Exitphasen, doch so funktioniert das nicht. Was glauben die, was nach dem Börsengang passiert?

Sie lassen die Frage selbst offen.

Keinesfalls. Ich weiß nach elf Jahren Geschäftserfahrung ziemlich gut, welche Schwierigkeiten der Aufbau eines Unternehmens bedeutet. Da braucht man einen langen Atem. Für mich liegt die Schuld an der Ausrichtungen auf kurzfristigen Erfolg aber nicht bei der neuen Gründergeneration. Sicher: Sie ist Businessplan-getrieben, arbeitet mit Ideal-Szenarien. Aber wer verursacht denn diese Mentalität? Das sind Venture Capital-Geber, Banken, Business Angels und all diejenigen, die in die jungen Geschäftsideen investieren. Deren Ziel ist doch - nach zwei- bis dreijähriger Startfinanzierungsphase - eine Profitverzinsung von 1000 oder 2000 Prozent. Die Renditeerwartung ist so hoch, weil ein Erfolg neun Flops finanzieren muss. Die große Ernüchterung, die jetzt einsetzt, war programmiert.

Das ist starker Tobak.

Auf der jungen Gründergeneration wird herumgehackt, sie wird als gierig bezeichnet. Doch die Profiteure der New Ecomomy sind bis jetzt doch vor allem die Old Economy-Player. Die Finanzierungsdienstleister haben vielen jungen Leuten doch erst die Flausen in den Kopf gesetzt. Seien Sie ehrlich: Wenn Ihnen jemand sagt, dass Ihr Term-Sheet zehn Millionen Dollar wert ist. Würden Sie da widersprechen? Die Zahlen wurden sportlich hochgeschraubt. Eine IPO-Story ist doch sehr viel sexier, wenn sie die hohen Erwartungen der Spekulanten trifft. Die hoffen doch auf Geschäftsparadiese. Von vorsichtigen Zahlen wollen die nichts hören.

Zurück zu den Gründern, die keine Unternehmer sind.

Disziplin und Durchhaltevermögen klingt ziemlich uncool. Aber Unternehmertum bedeutet langfristig zu denken und zu handeln. Man braucht Kämpfergeist und die Bereitschaft, alles in die Waagschale zu werfen - jeden Tag. Nicht alles ist lustig und spannend, trotzdem muss man es professionell hinter sich bringen.

Sie reden wider die Spaßkultur?

Unsere Mitarbeiter haben eine erfüllte Arbeitswoche. Natürlich haben sie Spaß - weil sie gute Arbeit leisten und das an den Ergebnissen selbst erkennen können. Für eine 50- oder 60-Stunden-Woche schon einen Verdienstorden zu verlangen oder daraus eine Story der Selbstausbeutung über eine Generation abzuleiten, die kein Tageslicht sieht, halte ich für völlig unangemessen. Schauen Sie mal Ärzte oder Polizisten an. Die arbeiten oft mehr und verdienen weniger.

Die sind aber nicht so gefragt wie IT-Profis.

Natürlich bestimmt die Nachfrage den Preis. Aber ich prophezeie eine Entwicklung wie beim Buchdruck. Zu Zeiten Gutenbergs waren Buchdrucker auch als Berater gefragt. Heute stehen sie weit hinten in der Wertschöpfungskette. Ähnlich wird es IT-Spezialisten gehen. Die Zeit der Internet-Romantik und der Ahnungslosigkeit ist vorbei. Viele, die vor zwei Jahren noch in Vorstandssitzungen gebeten wurden, haben ihre Rolle als Magier bereits verloren. Worte wie "html" sind entkryptisiert worden.

Für strategische Entscheidungen braucht man andere Professionen?

Mit fünf kreativen Leuten eine Idee auf ein Blatt Papier zu schreiben, reicht als Fundament für ein Unternehmen nicht aus. Man braucht ein gestandenes Management aus allen klassischen Disziplinen, das am wirtschaftlichen Erfolg orientiert ist. Neben Innovationskraft und Erfindergeist zählt, ob man auch seine administrativen Aufgaben beherrscht. Am Ende heißt es nur Economy. Diese ganze Label-Diskussion um "old" oder "new" ist doch Quatsch.

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