Zeitung Heute : Stasi und Westmedien: Der Vorführer

Robert Ide

Gesicht zur Wand", brüllt der Aufseher im Kommandoton. Der Häftling drückt seinen Kopf an die kahle Mauer der Isolierzelle, die Hände demütig auf dem Rücken verschränkt. Es wird still im feuchten Verlies, der Aufseher befiehlt: "Und jetzt raus hier, raus, raus!" Der Gefangene dreht sich um, tritt auf den dunklen Kellergang, die Metalltür knallt ins Schloss. Abmarsch zur Vernehmung.

Die Vorführung ist beendet, Hubertus Knabe hat den Aufseher gespielt und den Gefangenen. Jetzt ist er wieder Historiker. Knabe lehnt sich auf die Balkonbrüstung, blickt auf den grauen Hof des Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen. Hinter flachen Gebäuden zwängen sich Betonmauern, an den Ecken ragen Wachtürme empor. Bis 1989 wurde hier geschlagen, erpresst, gefoltert. Heute laufen Besuchergruppen an Gummizellen vorbei, begleitet von Ex-Häftlingen. Hohe Gäste führt Knabe selbst durch die Gänge - seit kurzem leitet er die Gedenkstätte. Am Mittwoch war Friede Springer bei ihm, Verlegerin und Witwe von Axel Caesar Springer, der für den Streit, der zurzeit um Knabe tobt, keine unbedeutende Rolle spielt.

Axel Springer ist tot. In Hohenschönhausen wird nicht mehr gefoltert. Doch beim Thema Stasi geht es längst nicht mehr um Vergangenheit, es geht um die Gegenwart. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Spitzeldienst kein Ost-Problem mehr. Elf Jahre nach dem DDR-Untergang steht die Frage im Raum, welche Helfer die Stasi im Westen hatte. Als Erster gestellt hat sie der hagere Mann mit den müden braunen Augen. Hubertus Knabe, 41 Jahre, geboren in Unna.

Knabe will in vier Wochen ein Buch veröffentlichen. "Der diskrete Charme der DDR" soll es heißen und die Beziehungen der Staatssicherheit zu den Westmedien beleuchten. Es gibt das Buch noch nicht zu kaufen, bisher haben es nur ein paar Juristen gelesen. Doch bei der Presse herrscht schon Aufregung. Konservative Zeitungen wie "FAZ", "Welt" und "Bild" legen sich kräftig für das Werk ins Zeug, das im Springer-eigenen "Propyläen-Verlag" erscheint. Einige Journalisten werden nach ersten Vorabdrucken unruhig. Ihnen wird jetzt vorgeworfen, sie hätten einst zu heftig mit der sozialistischen Macht geflirtet. Alte deutsch- deutsche Geschichten werden wieder hervorgekramt, und dabei hat Knabe auch keinen Respekt vor großen Namen. Er hat sich den einstigen Starreporter des "Stern", Manfred Bissinger, zum Feind gemacht.

Rückblende: Im November 1967 tobte in der Bundesrepublik der Kulturkampf zwischen linker Protestbewegung und konservativer Presse. Axel Springer wurde zur Reizfigur. Bissinger schrieb damals im "Stern" eine Reportage über den Verleger - die "Axel-Springer-Story". Sie war gespickt mit Vorwürfen und Interna. Hatte die DDR bei diesem Artikel ihre Finger im Spiel? "Nicht auszuschließen", sagt Knabe nach seinen Forschungen. "Eine Frechheit", antwortet Bissinger. Der heutige Herausgeber der "Woche" sieht sich denunziert. "Es ist auch nicht auszuschließen, dass in meinen Autoreifen sozialistische Luft war", tobt er am Telefon. Vom Krankenbett aus hat der 60-Jährige seinen Kontrahenten vors Hamburger Landgericht zitiert. Heute wird über eine einstweilige Verfügung gegen Knabes Buchveröffentlichung verhandelt. Mit Bissinger klagt auch dessen alter Arbeitgeber.

Die Affäre Lübke

Es ist besonders der "Stern", der jetzt von der Vergangenheit heimgesucht wird. Da war zum Beispiel die "Lübke-Affäre", die in den sechziger Jahren mit dem Rücktritt des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke endete. Der sollte zu Hitlers Zeiten eine ziemlich braune Vergangenheit gehabt haben - der "Stern" und andere Magazine berichteten darüber. Material für die Enthüllungsgeschichten kam auch aus der DDR, das bestreitet der "Stern" nicht. Zentrales Beweisstück waren zwei vergilbte Blätter, die nach Kriegsende in Potsdam aufgetaucht waren. Auf dem beidseitig bedruckten Durchschlagpapier, datiert vom 5. September 1944, war ein Gespräch dokumentiert, an dem Lübke teilgenommen hatte. Darin forderte die "Baugruppe Schlempp", bei der Lübke angestellt war, Häftlinge aus Konzentrationslagern für ein Bauvorhaben an. Für die Gefangenen sollte ein Lager errichtet werden. "Festgelegt wurde, dass das Lager unterteilt wird für a) 1000 Kz-Männer, b) 1000 Kz-Frauen, c) 500 Ausländer", heißt es auf der ersten Seite. Das Protokoll schließt mit einer Verteilerliste. An erster Stelle: "Dipl. Ing. Lübke".

Für SED und Stasi war das Papier - verbunden mit Bauplänen von Arbeitslagern, die Lübke angeblich unterschrieben hatte - ein gefundenes Fressen. SED-Propagandachef Albert Norden schrieb am 11. Januar 1965 einen begeisterten Brief an Walter Ulbricht über "sensationelle neue, den Bundespräsidenten schwer belastende Tatsachen". Kurze Zeit später landete das brisante Material in New York beim renommierten Sprachgutachter J. Howard Haring. Dessen Analyse war eindeutig: Die Dokumente sind echt. Der "Stern", der vor Rückgabe der Papiere nach Ost-Berlin noch Kopien anfertigte, berichtete im Heft 4 / 1968 über den Skandal. Überschrift: "In Sachen Lübke". Im nächsten Heft forderte Chefredakteur Henri Nannen den Rücktritt des Staatsoberhaupts.

Mehr als 32 Jahre später ist der Fall für Hubertus Knabe klar: Der "Stern" war bereit, "propagandistisch aufbereitete Materialien aus der DDR zu verwenden". Das Magazin will diese Aussage gerichtlich untersagen lassen. "Wir sind nach wie vor überzeugt, dass die Papiere weder gefälscht noch manipuliert sind", sagt Michael Seufert, langjähriger "Stern"-Redakteur und heutiger Berater der Chefredaktion. Über Jahrzehnte hinweg hat der "Stern" gegen alle prozessiert, die etwas anderes behaupteten. "Und wir haben immer gewonnen", sagt Seufert.

"Sie waren in die DDR verliebt"

Heute kommt es zum Showdown, wenn um 13 Uhr 30 im Saal 833 des Hamburger Landgerichts die Verhandlung beginnt. Knabe sieht in dem Verfahren einen "Einschüchterungsversuch, mit dem das Magazin von historischen Fehlern ablenken will." Der Mann, der sich als Aufklärer versteht, wird selbst im Gerichtssaal sitzen, um seine Überzeugung zu verteidigen, dass die Stasi im Westen immer dabei war.

Dieser Meinung sind auch Leute, mit denen Knabe aus Prinzip kein Wort wechseln würde: Stasi-Mitarbeiter. Günter Bohnsack, 26 Jahre lang im Dienst der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) tätig, spricht mit Häme über die alte journalistische Elite des Westens. "Die linken Journalisten waren in die DDR verliebt", sagt der 62-jährige Rentner, der immer gern Auskunft gibt, wenn es um die Stasi geht, und lacht übers ganze Gesicht. Gerade in den sechziger Jahren, als zwischen beiden Staaten Funkstille herrschte, hätten sie an der Grenze Schlange gestanden. "Da kamen die Nachrichtenhändler und Selbstdarsteller, die ganzen Vögel aus den Redaktionen." Bohnsack flattert mit den Händen, als seien sie Flügel; er amüsiert sich über die "bunten Vögel in unserer Dunkelkammer". Und was war mit dem "Stern", mit Manfred Bissinger? Da wird Bohnsack, der in der Abteilung X der HVA für Medien zuständig war, schweigsam und zuckt die Schultern. "Das ist doch wurscht", sagt er, "es geht um die Linken, die die Welt verändern wollten und heute in ihren Villen hocken."

Wie groß war der Abstand zwischen Hamburg und Hohenschönhausen? Die Frage ist nun in der Welt, eine neue Facette eines langen, alten Streits. Inzwischen überlagern sich mehrere Debatten. Da ist die Diskussion um die demokratische Gesinnung der 68er, die sich auch um frühere DDR-Kontakte dreht. Da ist der Kampf um die Meinungshoheit auf dem Pressemarkt, bei dem die jungen Wilden des Springer- Verlags alte Schlachten schlagen. Und da ist der Krach um den Umgang mit Stasi-Akten, der für politische Zerwürfnisse bis ins Bundeskabinett sorgt. An diesem Rad dreht Hubertus Knabe. Es könnte gewaltiger kaum sein.

Auf eigenes Risiko

Knabe ist selbst im Milieu der West-Linken groß geworden, sein Vater Wilhelm gehörte zu den Gründern der Grünen. Knabe hat die Kleinkriege zwischen DDR-Anhängern und Skeptikern hautnah miterlebt. Später hat er seine eigene Biografie in seiner Stasi-Akte nachlesen können. Überall, wo er sich engagierte - bei den Grünen, an der Bremer Universität und an der Evangelischen Akademie West-Berlin - hatte die Stasi ihre Spitzel platziert. Das prägt. Und das treibt an.

Marianne Birthler will sich nicht treiben lassen, von einem wie Hubertus Knabe schon gar nicht. Die Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen sitzt lässig in ihrem Stuhl, die Beine übereinander geschlagen. Dann redet sie vom "ehemaligen Mitarbeiter, der uns einiges verdankt". Bis zum 1. April war Knabe in ihrer Behörde als Wissenschaftler angestellt, er hatte exklusiven Einblick in die Akten. Nun ist er weg und will enthüllen. Marianne Birthler war die Erste, die gegen die Veröffentlichung vor Gericht zog. Sie hat 19 rechtliche Einwände aufgelistet, sah Persönlichkeitsrechte von Dritten verletzt und Vorwürfe gegen Inoffizielle Stasi- Mitarbeiter nicht belegt. Seit gestern ist zumindest dieser Rechtsstreit beendet. Knabe muss verschiedene Textstellen streichen und zusätzliche Quellen nennen. "Die Bundesbeauftragte hat ihr Ziel erreicht, das Manuskript prüfen zu können", hat Birthler verkündet.

Die Akten-Hüterin steht unter Druck, Bundesinnenminister Otto Schily findet ihren Umgang mit Stasi-Materialien schon lange zu lasch. Auch Altkanzler Helmut Kohl klagt gegen die Herausgabe-Praxis ihrer Behörde. Doch Knabe lassen die Schwierigkeiten seiner einstigen Chefin unbeeindruckt. Er will sich nichts vorschreiben lassen und betrachtet es als "Gütesiegel", dass es nur so wenige Einwände gab. Und den Streit nutzt er gleich als Werbekampagne für sein Buch. "Eine ärgerliche Sache", sagt Birthler und kneift die Augen zusammen.

Es ist bereits das zweite Mal, dass Knabe die Behörde öffentlich vorführt. Vor zwei Jahren brachte er Birthlers Vorgänger Joachim Gauck zur Weißglut, als er gleichzeitig zwei Bücher über die Stasi im Westen herausbringen wollte - eins mit dem Segen der Behörde, das zweite gegen ihren Willen. Obwohl die Behörde schließlich nachgab und beide Bücher zuließ, wurde Knabe als Sachgebietsleiter abgesetzt, wegen "unzureichenden Vertrauens".

Nun also Hohenschönhausen. "Vor ein paar Wochen saß da drüben ein knutschendes Pärchen auf der Treppe", erzählt der Stasi-Jäger und zeigt noch einmal auf den Gefängnishof. Ein junger Mann und eine junge Frau, innig verschlungen vor vergitterten Vernehmungszellen - für Hubertus Knabe war das ein verstörender Anblick. Vielleicht verliert die Vergangenheit langsam ihren Schrecken. Dass man sie vergisst, will Hubertus Knabe nicht zulassen.

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