Stasi-Unterlagen : Eine Akte, zwei Einsichten

Die Stasi-Unterlagen der Schauspielerin Jenny Gröllmann und die schier unmögliche Suche nach der Wahrheit.

David Ensikat

"Denn, wie mein Freund Heiner Müller schrieb, ,die Worte fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar'."

Mit diesem Satz hat Ulrich Mühe, der Schauspieler, zu Beginn dieses Jahres eine Presseerklärung abgeschlossen. Darin ging es nicht um seine Arbeit, nicht um einen seiner Filme. Darin ging es um das sogenannte "wahre Leben". Ulrich Mühe möchte mit der Presseerklärung eine Debatte zum Abschluss bringen, die er selbst angestoßen hat. Doch er beharrt darauf, dass die Worte einmal im Getriebe sind. Auch wenn er sie fortan nicht mehr öffentlich sagen wird.

Dies, in etwa, sind die Worte: Jenny Gröllmann war IM der Stasi, freiwillig und wissend, was sie tat. Sie war damals Schauspielerin am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, sehr bekannt durch Kino- und Fernsehfilme. Sie war von 1984 bis 1990 mit Ulrich Mühe verheiratet.

Dass sie IM war, steht in ihrer Stasi- Akte. Die Hüterin der Akten, die Birthler-Behörde, bestätigt es. Warum soll man das nicht sagen?

Gerichtstermin am 16. November 2006 im Rechtsstreit "Pfeiffer (vormals Gröllmann) ./. Suhrkamp Verlag GmbH & Co. KG".

"Pfeiffer (vormals Gröllmann)", das ist Claus Jürgen Pfeiffer, der 56-jährige letzte Ehemann von Jenny Gröllmann. Die ist am 9. August 2006 an Krebs gestorben. Der Witwer klagt im Namen seiner Frau gegen Suhrkamp. Der Verlag hat das Buch herausgebracht zum Film "Das Leben der Anderen". Gefragt vom Regisseur, Florian Henckel von Donnersmarck, spricht Ulrich Mühe dort über den angeblichen Verrat, den seine Exfrau an ihm geübt habe. Um diese Stelle des Buches geht es, ein paar Zeilen nur. Es geht um den Ruf, die Ehre der jetzt Toten. Sie hat stets beteuert, sich niemals mit der Stasi eingelassen zu haben. Ihr Wort gegen einen Aktenstapel.

Claus Jürgen Pfeiffer sagt: "Was bleibt mir übrig? Ich muss das hier zu Ende bringen. Ich habe es Jenny versprochen." Der Mann mit grauem, kurzem Bart und runder Hornbrille sieht ganz und gar nicht siegesgewiss aus. Das liegt nicht daran, dass seine Chancen vor Gericht schlecht stünden. Er kann nicht mehr siegen. Er hat seine Frau drei Monate zuvor verloren. "Vielleicht hätten wir ein halbes Jahr mehr gehabt, ohne all das hier", sagt er. "Es hat sie furchtbar mitgenommen."

Vor Gericht geht es darum, ob man den Auskünften dieser Stasi-Akte trauen kann, ob sie tatsächlich ein Beweis sind für die IM-Tätigkeit von Jenny Gröllmann: Wer war IM "Jeanne"? Die Schauspielerin oder die Erfindung eines Stasi-Offiziers? Der Richter kennt die Schriftsätze der Anwaltskanzleien, er kennt das Gutachten, in welchem steht, dass die IM-Akte schlüssig und glaubwürdig sei. Der Richter schaut über seine Lesebrille den Suhrkamp-Anwalt an und sagt, dass das Gutachten nichts belege. Es ziehe allein aus der Akte den Schluss, dass die Akte die Wahrheit bezeuge. Ein Beweis für Jenny Gröllmanns IM-Tätigkeit sei das nicht. Der Anwalt des Suhrkamp Verlages bittet sich noch ein paar Wochen aus, um seine Argumentation zu prüfen, der Richter gewährt sie. Die Frist verstreicht, Suhrkamp gibt sich geschlagen. Der Verlag wird die "uneinholbaren" Worte nicht mehr in seinem Buch verbreiten.

Der Richter in diesem Fall war derselbe, der im Sommer gegen Ulrich Mühe geurteilt hatte. Der durfte seitdem nicht mehr verbreiten, seine Frau habe als IM gearbeitet. Er durfte weiterhin sagen, dass die Birthler-Behörde ihm versichert habe, dass dem so gewesen sei.

Eben darum sollte es in einer nächsten Instanz im April 2007 gehen, doch dazu kommt es nun nicht mehr. Mühe will zu der Sache nur noch schweigen.

Immerhin, man kann aus alldem ein paar Schlüsse ziehen, die im Umgang mit den Stasi-Hinterlassenschaften nicht ganz unerheblich sind. Es geht um Experten, die so tief in ihrer Materie stecken, dass Zweifel an ihrem Tun sie kaum erreichen, es geht um zweckdienliche Halbwahrheiten und um die Schwierigkeit, je die ganze Wahrheit zu erkunden.

Beginnen wir mit den Experten von der Birthler-Behörde. Sie haben einen Teil der Gröllmann-Akte an die Presse gegeben. So etwas tun sie nur, wenn sie nach Aktenlage überzeugt sind, dass es sich um eine echte IM-Sache handelt, wenn also der betreffende IM laut Akte "wissentlich und willentlich" dabei war. Gefälschte IM-Akten gebe es so gut wie gar nicht, sagen die Experten.

Der "IM-Vorgang" von Jenny Gröllmann ist 1979 angelegt worden, zunächst mit einem vorläufigen Decknamen "Grille", dann mit "Jeanne". Darin finden sich Vermerke über 15 bis 24 Treffen, je nach Zählweise. Das letzte fand laut Akte im Februar 1984 statt. Aber die Stasi schloss die Akte erst im November 1989. Die Behörde sagt - ganz im Sinne des einstigen Schriftführers -: Die Gröllmann-Akte ist von 1979 bis 1989 eine IM-Akte. Eine sogenannte "Täterakte" also. Obwohl aus den Papieren eindeutig hervorgeht, dass es seit Februar 1984 keine Treffen und IM-Berichte gab.

Der größte Teil der 500-seitigen Akte, mindestens 350 Seiten, enthält Auskünfte über Jenny Gröllmann, Spitzelberichte über sie, Personalakten. Nochmals: Die Behörde sagt, das ganze Konvolut sei eine reine IM-Akte. Sagt die Behörde "wissentlich" und "willentlich" die Unwahrheit? Wahrscheinlich ist es nur bürokratischer Formalismus.

Interessanter ist die Beurteilung der 150 Seiten, die Presse und Forscher bekamen. Sie sollten die IM-Tätigkeit zweifelsfrei belegen. Es findet sich darin zwar keine handschriftliche Notiz von Jenny Gröllmann, keine Verpflichtungserklärung. Aber das sei in einem solchen Fall nicht ungewöhnlich, sagen die Experten. Ungewöhnlich hingegen ist das Engagement, mit dem sich die Freunde der Schauspielerin daran machten, die Akte mit dem Leben von damals zu vergleichen. Diese Frau seit Jahren kennend, ihre geradlinige, sehr selbstbestimmte Art, konnten sie nicht glauben, dass sie da mitgemacht hatte. IM "Jeanne", so sagen sie, habe sehr viel mit den Planziffern eines Stasi-Offiziers und nur sehr wenig mit dem Tun und Wollen der Beschuldigten zu tun. Sie haben tatsächlich so viele Widersprüche zwischen Akte und Realität gefunden, dass man nur staunen kann.

Ein paar Beispiele:

- Der Führungsoffizier, der gern in seine Prosa Persönliches einfließen lässt ("IM hatte Erziehungsprobleme"), bemerkt nicht die zwei Jahre andauernde Ehekrise seiner beiden IM "Jeanne" und "Franz". Bei "Franz" handelt es sich offensichtlich um den damaligen Ehemann von Jenny Gröllmann - das war noch nicht Ulrich Mühe.

- Dieser Ehemann hatte tatsächlich einige Treffen mit dem Stasi-Mann, er spricht heute offen darüber. Die "konspirative Wohnung", in die ihn der Offizier vorlud und in der laut Akte auch IM "Jeanne" mal mit ihm, mal ohne ihn war, lag im zehnten Stock eines Neubaus. Der Ehemann von damals sagt heute: "Nie war ich mit Jenny da. Niemals. Sie wäre da auch den Bewohnern aufgefallen, im Fahrstuhl. Sie war durchs Fernsehen sehr bekannt. So blöd kann die Stasi mit ihrer Konspiration kaum gewesen sein."

- Die Wortprotokolle angeblicher Tonbandaufnahmen von IM "Jeanne" lesen sich wie die ungelenken Formulierungen eines bemühten Büromenschen, nicht wie die Rede einer Frau aus Theaterkreisen. IM "Jeanne" soll Sätze wie diesen gesprochen haben: "Dabei unterstützte sie diese Personen in der Beschaffung von Westartikeln jeglicher Art durch Ausnutzung ihrer günstigen Grenzpassage."

- IM "Jeanne" berichtete laut Akte über Peter Nöldechen, einen Westkorrespondenten, der Jenny Gröllmann, so sagt er selbst, nie kennengelernt hat.

- Ein weiterer Journalist aus dem Westen, Peter Pragal, den Gröllmann tatsächlich kannte, fand in seiner Akte Informationen einer IM "Jeanne" - Dinge, über die er mit Gröllmann nie gesprochen hatte.

- Bei fünf der protokollierten Trefftermine gibt es deutliche Überschneidungen mit ihrer Arbeit am Theater. Laut Bühnenbuch stand sie zur jeweils selben Zeit auf der Bühne.

Zwei Historiker von der Freien Universität, die sich hervorragend mit den Stasi-Akten auskennen, aber sehr viel weniger mit der Welt, um die es in den Gröllmann-Papieren geht, haben von einer Zeitschrift den Auftrag für jenes Gutachten erhalten, das später auch im Suhrkamp-Prozess eine Rolle spielte. Die Historiker sollten die Glaubwürdigkeit der Akte belegen. Jochen Staadt und Tobias Voigt vom "Forschungsverbund SED-Staat" haben getan, wozu sie in der Lage waren: Sie haben mit all ihrem Wissen über die Stasi und speziell über die Abteilung des aktenführenden Offiziers ihre 150 Seiten gelesen und Stellung bezogen. Ihr Kernargument: Ein Aktenführer konnte so etwas gar nicht komplett fälschen, da er einer viel zu starken Kontrolle ausgesetzt war. Da dürfte die Stasi-interne Kontrolle ähnlich effizient gearbeitet haben wie die Gutachter: Weder den einen noch den anderen sind die offensichtlichen Fehler und Widersprüche der Akte aufgefallen. Und dann sprechen Staadt und Voigt immer wieder von einer "Komplettfälschung". Von einer "IM-Akte" von über 500 Seiten - getreu der Behördenauskunft.

Niemand hat behauptet, es handele sich um eine Komplettfälschung. Die Gröllmann-Freunde gehen davon aus, dass der Stasi-Offizier, Hauptmann Helmut Menge, allein die Treffberichte frisiert und sich damit eine IM geschaffen habe. Immerhin war - laut Akte - er allein bei den diskutierten Treffen zugegen. Und er allein hat die Treffberichte abgefasst. Er verfügte auch über genügend andere Quellen, die ihm die recht spärlichen Informationen der IM "Jeanne" geliefert haben können. Und: Er hatte den Auftrag, Jenny Gröllmann zur IM zu machen. Die IM als Planziffer.

Ist das alles so unwahrscheinlich?

Helmut Menge, der Stasi-Autor, sagt heute, dass es genau so war. Dass er mit der konstruierten IM "Jeanne" seinen Plan erfüllt habe. Lügt er?

Die Wissenschaftler und die Fachleute von der Birthler-Behörde sind sich sicher, dass er es tut. Ein Stasi-Mann.

Wer verfolgte in der Sache welche Ziele? Dem Suhrkamp Verlag ging es um ein paar zu schwärzende Zeilen in einem Buch, so etwas kostet Geld. Florian Henckel von Donnersmarck, der Regisseur von "Das Leben der Anderen" und Autor des Buches zum Film, wollte eine Betroffenengeschichte seines Filmstars Ulrich Mühe. Auf dem Audio-Kommentar zur Film-DVD spricht er auch von der IM-Beschuldigung. Die DVD darf nur noch mit beschnittenem Kommentar erscheinen.

Der Birthler-Behörde ging es um ihre Akten, sonst nichts. Auf die Frage, wie sie zu den Zweifeln stehe, heißt es, die Behörde sei allein "für die Aktenlage" zuständig, "nicht für die Deutung ihres Wahrheitsgehaltes". Die Wissenschaftler Staadt und Voigt handelten zunächst im Auftrag einer der Parteien - jener Zeitschrift, die Belege für die Glaubwürdigkeit der Akte brauchte. Da ihre einzige Quelle die Akte war, konnten sie sie gar nicht anzweifeln. Sie wollten es auch nicht.

Suhrkamp, Regisseur, Behörde, Journalisten, Wissenschaftler - keinem ging es um Jenny Gröllmann. Es ist auch nicht ihre Aufgabe.

Ulrich Mühe sagte immer, es gehe ihm allein um die Wahrheit, um das Recht, sie auszusprechen. Erstaunlich, wie sicher er sich war, die Wahrheit zu kennen. Selbst laut Akte war Ulrich Mühe nie Bespitzelter der IM "Jeanne". Aus der Zeit der Mühe-Gröllmann-Ehe gibt es nicht einen Treffbericht. Das Heiner-Müller-Zitat, das Mühe in seiner Presseerklärung verwendet, stammt aus dem Stück "Der Horatier". Ein wenig vollständiger lautet es so: "Ein Schwert kann zerbrochen werden und ein Mann / Kann auch zerbrochen werden, aber die Worte / Fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar / Kenntlich machend die Dinge oder unkenntlich / Tödlich dem Menschen ist das Unkenntliche."

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