Zeitung Heute : Statist Mein Leben als

„Drei Stück mit Bart nach vorne!“, schreit der Regisseur – und unser Autor folgt. Für 55 Euro Lohn am Tag ist er mal RAF-Sympathisant, mal Hitlers Soldat. Zur Berlinale: Sein Bericht aus der Arbeitswelt der Komparsen.

Ob ich auch zur Beerdigung von Holger Meins fahre, ruft mir der Langhaarige im Konfirmationsanzug zu, als er mich an der roten Ampel überholt. Vor mir strampeln noch zwei weitere Gestalten gegen den Wind und die Verkehrsregeln an. Wer zu spät kommt, wird gefeuert oder muss länger Schlange stehen, um ins Kostüm gestellt zu werden und die Haare auftoupiert zu bekommen. Ins Kostüm und in die Maske hinein gehen Allerweltsgestalten und heraus kommen Begräbnisbesucher: Familienangehörige, Staatsbeamte, Sympathisanten und Fotografen.

Ein Tag im Herbst 2007. Gleich wird die Beerdigungsszene von Holger Meins für den Film „Der Baader Meinhof Komplex“ gedreht (Kinostart: Herbst 2008), und ich bin einer von rund 300 Komparsen. 1974 waren tatsächlich mehr als 5000 Besucher anwesend. Und die wirkliche Beerdigung fand nicht auf dem Waldfriedhof im Süden Berlins statt, sondern im Familiengrab in Hamburg-Stellingen.

Während wir auf den Einsatz warten, beginnen wir, auf eine seltsame, fast befremdliche Art, in unsere Kostüme hineinzuwachsen. Die glaubwürdige Darstellung hat eine Funktion für uns: Wir erproben in den verschiedenen Kostümen die unzähligen Selbstverwirklichungsmöglichkeiten des modernen Lebens. In jeder neuen Verkleidung schlummert ein neues Versprechen, ein neues Leben. Dabei ist es ein billiges Leben fast ohne Risiko. Die Chance, als Soldat im vor kurzem in Berlin gedrehten Hollywoodfilm „Valkyrie“ verwundet zu werden, ist gering, die Illusion Soldat zu sein aber groß. Und diese Illusion macht süchtig.

Doch selbst das nachgestellte Leben in der Scheinwelt ist nie gänzlich ohne Gefahren. Was aber sagen meine Mitstreiter, die beim „Valkyrie“-Dreh vom Truppenlaster gefallen sind? Dass sie kriegsversehrt sind? Oder der Polizist, dem bei der Demonstration vor der Springerzentrale ein Lieferwagen über den Knöchel gefahren ist? Dass er bei Studentenunruhen unter die Räder gekommen ist?

Auf dem Waldfriedhofsparkplatz winkt uns ein Ordner zu sich herüber: „Da drüben ausladen“, befiehlt er dem Busfahrer, alle Komparsen lachen. Wir sind Material, Requisite, Bildfüller. Im Komparsenzelt steht ein Tisch mit Kanisterkaffee und Käsebrötchen. Für die Schauspieler und Crew gibt es ein eigenes Catering mit Extrawürsten, und jemanden, der darauf achtet, dass wir Komparsen uns dem Wagen nicht mal nähern.

Die erste Einstellung lässt auf sich warten. Als der Regisseur endlich „Bitte“ schreit, verwischen für ein paar Sekunden alle Unterschiede zwischen Fiktion und Realität. Wir sind nicht mehr nur Studenten ohne Kaufkraft, Künstler ohne Galerie und Rentner ohne Kirchengemeinde. Am offenen Grab sind die meisten von uns zu denen geworden, die sie darstellen. Fotografen sind Fotografen, Sympathisanten sind Sympathisanten und Beamte sind Beamte. Wir sind Teil der Geschichte.

Rudi Dutschkes Double ruft am Grab mit Inbrunst in fünf verschiedenen Einstellungen: „Holger, der Kampf geht weiter“, Otto Schily steht mit versteinerter Miene und kalter Wut in der ersten Reihe, und wir anderen recken in immer kürzeren Abständen die geballte Faust zum Himmel. Erst als der Regisseur „Danke“ ruft, durch die Komparsenreihen hindurcheilt wie Moses durchs Rote Meer und dabei seinen Assistenten zuruft, „stellt mir zehn Stück da rüber und drei mit Bart ans Grab“, bricht die Realität wieder über uns herein.

Wir füllen für 55 Euro am Tag leere Bilder. Geben unsere Gesichter her für die Geschichten anderer. Die älteren Komparsen um die 60 sind auch damals mit Ende 20 nicht auf Holger Meins Beerdigung gewesen, die fotografierenden Studenten waren nie bei einer Studentenrevolte, und die Staatsbeamten in keiner politischen Krise. Die meisten von uns kennen nur Bahnstreik und Hartz IV.

Mancher Komparse bleibt denn auch während der Drehpausen in der Rolle haften. Die Sympathisanten sitzen konspirativ in der Ecke und rollen sich einen Joint, während zwei Polizisten um das Catering herum patrouillieren und die Brötchenausgabe kontrollieren.

Der Film und nicht das Leben gibt uns ein wenig Glanz, ein wenig Bedeutsamkeit. Wir suchen nach unserem eigenen Leben im Film, nach uns am Grab von Holger Meins, nach uns im Soldatenpulk, und finden das für ein paar Augenblicke zwischen „Bitte“ und „Danke“, um es gleich darauf wieder zu verlieren. Dabei haben wir nicht mal eine Rolle.

Wir wollen dabei sein im Film und suchen nach Präsenz. Mit diesem Begriff beschrieb der französische Filmkritiker André Bazin das Gefühl des Kinozuschauers. Der Zuschauer sieht und erlebt die Geschichte und fühlt sich in ihr präsent. Der auf die Leinwand projizierte zweidimensionale Bildraum zieht ihn in sich hinein, als wäre er real existierend und dreidimensional. Das schafft nur Kino.

Wir Komparsen erleben das schon beim Drehen. Sobald die Kamera an ist, gibt es keine Komparsenbetreuer und keine Regieassistenten mehr, es gibt nur noch uns und die Geschichte. Wenn wir von Hakenkreuzfahnen umflattert vor dem Bundesfinanzministerium und ehemaligen Luftfahrtministerium als Wehrmachtsangehörige exerzieren, ist das für uns nicht Narrenumzug, sondern Notwendigkeit. Dann sind wir Schauspieler, nicht Staffage. Millionen von Zuschauern wollen unsere Authentizität bewundern. „Film ist Wahrheit“, sagte der französische Regisseur Jean-Luc Godard, „24 Mal in der Sekunde“. Für uns ist die Welt des Films vorübergehend wahrer als die, aus der wir kommen.

Es gibt natürlich auch den äußeren Zwang zur Authentizität. Wer nicht glaubwürdig darstellt und ernsthaft bei der Sache ist, bleibt nicht lange dabei. Wer auf Holger Meins Beerdigung lacht, wird verwarnt und an den Rand gestellt. Die Aufnahmesituation zwingt uns in die Rolle und lässt keinen Raum für Ironie und Humor. Manchmal schauen wir uns morgens nach der Maske verstohlen nach anderen Komparsen um, die besonders auffällige Kostüme und schräge Frisuren abbekommen haben und lachen leise in uns hinein. Doch egal, wie dumm unser Kostüm aussieht, wir müssen uns mit ihm verbinden, das verlangt der Job. Es ist nicht anders als in anderen uniformierten Berufen: Ein Polizist, der sein Hemd nicht mit Würde trägt, verliert seine Autorität, und ein Arzt ohne Kittel erlangt nie unser ganzes Vertrauen.

In Berlin und Umgebung werden immer mehr Filme produziert, und die Armee der Komparsen wird immer größer. Große Komparsenagenturen wie Iris Müller, Wanted, Filmgesichter und Mechthild Olliges haben zusammen mehr als 50 000 Komparsen in ihren Karteien. Daneben gibt es noch viele kleinere Agenturen. Anders als bei Schauspielagenturen wird fast jeder genommen. Ein Ganzkörperfoto plus Porträtaufnahme, und man ist dabei. Wer jung und schön ist, hat bessere Chancen. Talent braucht man nicht, und viel tun muss man auch nicht, das macht den Job trotz des eher geringen Lohns attraktiv.

Es kommt vor, dass die Maske vor Drehbeginn aus dem Vokuhila einen Pagenkopf schneidet und verlangt, dass für den Historienfilm der Ring aus der Nase muss. Aber wer schon einmal bei der Loveparade getanzt hat, der kann auch bei der Demonstration vor der Springerzentrale mitlaufen. Nur wird man bei Letzterer nicht von einer Fernseh- oder Überwachungskamera gefilmt, sondern von einer 35-mm-Filmkamera und muss sich dabei an die Arroganz einer Armada von Assistenten gewöhnen, die in ihren dicken „The North Face“–Daunenjacken dem ersten, zweiten und dritten Kameramann den Kaffee warmhalten und uns Komparsen dabei zu verstehen geben, dass wir in der Hierarchie des Films wirklich auf der untersten Stufe stehen. Dabei stehen wir oft direkt neben denen, die ganz oben sind.

In „Valkyrie“ exerzierte ich als Wehrmachtsangehöriger direkt vor Tom Cruise, dem Oberst Schenk Graf von Stauffenberg. Beim „action“ des Regisseurs war ich plötzlich auf Augenhöhe mit dem Star und wollte ihm schon von Soldat zu Soldat verschwörerisch zublinzeln, als sich die Kamera drohend in mein Blickfeld schob und ich, den Regieanweisungen folgend, hart an ihr vorbei ins Leere blickte. Beim „cut“ war ich wieder unten angekommen.

Ein Star kommt als Letzter in die Einstellung und geht als Erster. Dreht man im Freien und es ist kalt, gibt es mindestens zwei Assistenten, die an den Rändern der Einstellung auf das „cut“ warten und dann durch die frierende Komparsenmenge jagen, um dem Star die Daunenjacke überzustreifen. Komparsen gehen erst dann, wenn selbst dem Allerletzten am Set klargeworden ist, dass man keine Extraeinstellung mehr braucht. Und erst, wenn sie länger als zehn Stunden beschäftigt sind, erhöht sich ihr Tageslohn.

Da stand ich nun mit meiner 55-Euro-Gage so stramm wie nie zuvor in meinem Leben vor dem Oberst Cruise mit seiner geschätzten Fünf-Millionen- Dollar-Gage und freute mich, dass mich die Agentur auch noch für die Szene im Bendler-Block gebucht hatte. Nicht, weil ich dann vielleicht den millionenschweren Star erschießen durfte, sondern weil ich noch einen Drehtag bekommen hatte. Denn selbst Komparsengesichter verbrauchen sich.

Als einmal Komparsen fehlten, blondierte man mir kurzerhand die Haare und stellte mich in der nächsten Einstellung wieder dazu. Der Film braucht uns, auch wenn uns sonst niemand braucht. Wir sind die unbekannten Soldaten des Kinos. Welche Schlachten könnten ohne uns geschlagen, welche Revolutionen ohne uns geführt werden? Wir geben der Geschichte unsere Gesichter. Alle sehen uns, keiner erkennt uns. Wir tauchen in keinem Abspann auf, oftmals sogar nicht mal mehr im fertigen Film. Doch wir sind dabeigewesen, auch wenn wir die Einzigen sind, die das wissen. Wir sind der Hintergrund, vor dem andere sich entfalten, der Himmel, an dem die Sterne glänzen.

Und insgeheim hoffen wir darauf, dass uns irgendwann mal jemand fragt: „Habe ich dich nicht gestern Abend auf der Beerdigung von Holger Meins gesehen?“ Das ist dann unser kleines Glück im großen Film.

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