Zeitung Heute : Statt eines Nachworts

Auf einmal bringt die Post ein Buch – von Gerhard Schröder. Da ist ein Brief an ihn drin. Darum hat er 1998 den Kanzler gewählt.

Moritz Döbler[Magdeburg]

Dies ist keine Geschichte über das Elend. Sebastian Schulz gehört nicht zu den Ärmsten der Republik. Der Reparaturschlosser verdient 1600 Euro brutto, seine Frau steuert 400 Euro bei, sie arbeitet als Verkäuferin. Dazu kommt das Kindergeld für die 14-jährige Tochter. Das ist nicht viel, aber es reicht, und die Familie liegt damit über der Armutsgrenze, wie sie die Bundesregierung definiert. Sogar eine Rentenzusatzversicherung für 40 Euro im Monat ist drin.

Die Schulzes leben am Stadtrand von Magdeburg in einem ordentlichen, sauberen Wohnblock, sie haben ein zwölf Jahre altes Auto, einen kleinen Hund, einen Fernseher und einen Computer. Die mächtige Schrankwand, die schwarze Couch, verblichen und abgewetzt, lassen die Wohnung düster erscheinen. Aber um die Ecke ist ein Garten, in dem die Familie viel Zeit verbringt. Irgendwann wird Sebastian Schulz sogar das kleine Häuschen seiner Eltern erben. Er ist 38.

„Wir wollen nicht zu dolle meckern. Uns geht’s ja noch gut“, sagt er. Aber von den Hoffnungen, die Gerhard Schröder einst ganz persönlich in ihm geweckt hat, findet sich keine Spur mehr. Es war im Sommer vor sieben Jahren, als der Kanzlerkandidat der SPD ein Buch mit 26 Briefen an ausgewählte Deutsche veröffentlichte. Einer davon war Sebastian Schulz. „Die Politik kann – und sie muss es – sicherstellen, dass in einer Zeit des ständigen Wandels den Menschen Verlässlichkeiten garantiert wird. Niemand soll sich vor der Zukunft fürchten müssen“, schrieb Schröder in dem Brief an ihn.

„Statt eines Vorworts“ steht darüber, und es ist der erste Brief in dem Buch – Sebastian Schulz war Schröder besonders wichtig, er hat ihn stärker hervorgehoben als etwa Dieter Hundt, Günter Grass und Joschka Fischer. „Warum soll man sich überhaupt an der Politik beteiligen? Die Politiker selbst sagen doch zum Beispiel, dass auch sie keine Arbeitsplätze schaffen können“, schrieb Schröder an Schulz. „Die Skepsis kann ich verstehen. Ich halte sie aber nicht für richtig. Ich möchte Ihnen ein paar Dinge aus meinem Leben erzählen, warum einer wie ich Politiker geworden ist und warum ich das mit Herz und Leidenschaft bin.“

Dann plaudert Schröder darüber, dass sein Vater „im Krieg geblieben“ ist, dass er seine Mutter „Löwe“ nennt, weil sie sechs Kinder durchbrachte, und warum er Realschulabschluss und Abitur nachholte. „Ich selbst wollte raus aus dem Elend“, schreibt Schröder.

Der damalige Lektor Jens Dehning, heute bei einem anderen Verlag, sieht das Buch als etwas ganz Besonderes. „Das war eigentlich seine Kandidatur.“ Wie man aber ausgerechnet auf Sebastian Schulz kam, ist nicht mehr zu ermitteln. Dehning weiß es nicht. Reinhard Hesse, Schröders Ko-Autor und späterer Redenschreiber, ist tot, und Thomas Steg, damals schon im Schröder-Team und heute Vize-Regierungssprecher, sind diese Details nicht mehr präsent. Den Anstoß hatte wohl einer aus dem Wahlkampfteam von Tony Blair gegeben, auch der Journalist Manfred Bissinger, ein langjähriger Freund Schröders, mischte mit.

Unerklärlich ist, warum in dem Buch vom Erstwähler Schulz die Rede ist, wo der doch damals schon seit Jahren wählen konnte. Fehler oder Missverständnis? Man weiß es nicht, und es ist auch nicht wichtig. Heute jedenfalls nicht mehr.

Denn ob nun dieser Sebastian Schulz gemeint war oder nicht, sein Leben ist mit diesem Buch verwoben. Schon gut ein Jahr nach Erscheinen fühlte er sich enttäuscht. Seine Handschrift ist nicht so schön, die Hände von der Arbeit geschwollen, und so ließ er seine Frau einen Antwortbrief in Schönschrift zu Papier bringen. Kindlich-runde Buchstaben, blaue Tinte. „Sie überzeugten mich damals von einem notwendigen Regierungswechsel in Deutschland, und ich wurde deshalb zum SPD-Wähler. Nun aber bin ich stark im Zweifel, ob ich die richtige Partei gewählt habe.“ Sein Lohn sei zu niedrig, er müsse mit dem Rad zur Arbeit fahren, weil das Benzin zu teuer sei, er habe kein Geld für eine neue Waschmaschine und könne sich keinen Urlaub leisten. Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ druckte den Brief ab.

Eine Antwort gibt es nicht. Persönlichen Kontakt mit dem Kanzler auch nicht, am Anfang nicht und bis heute nicht. Schröders Buch – es heißt „Und weil wir unser Land verbessern“ – war damals per Post gekommen, ohne Ankündigung, einfach so. Die feierliche Buchpräsentation im Berliner Willy-Brandt-Haus – 150 Kilometer von Magdeburg entfernt – übernahm der Literat Sten Nadolny („Die Entdeckung der Langsamkeit“). Die Kulturgeschichte des Briefeschreibens rollte er auf, über das Wesen des Wahlkampfs amüsierte er sich und plädierte entschieden für Rot-Grün.

Auch „Erstwähler Schulz“ kam vor, in der Aufzählung der Adressaten.

Schröder sagte damals, er würde gerne Antwortbriefe bekommen. „Vielleicht lässt sich ein Stück Diskurs herstellen zwischen denen, die regieren wollen und regieren werden, und denen, die regiert werden.“ Schulz stand nicht unter den vielen Gästen. „Ich war nicht eingeladen.“

Heute würde er keinen Antwortbrief mehr schreiben. Von der Brandrede des Bundespräsidenten, von Schröders Regierungserklärung, vom Job-Gipfel, von einer Annäherung zwischen Regierung und Opposition hat er nichts mitbekommen. „Ich hatte keine Zeit.“

Dabei ist er mit denen da oben einer Meinung, auch wenn er es nicht „Vorfahrtsregel für Arbeit“ nennt. „Das Wichtigste ist, dass Arbeitsplätze geschaffen werden. Wie auch immer, da kann ich nicht mitreden. Aber so kann es nicht weitergehen. Wenn immer weniger Leute Arbeit haben, wie soll es uns da besser gehen?“ Von Hartz IV hält er nichts. „Das kann doch nicht sein. Wenn ich 20 Jahre gearbeitet habe und arbeitslos werde, bekomme ich nach einem Jahr das Gleiche wie jemand, der noch nie gearbeitet hat. Das finde ich ungerecht. Irgendwo muss man doch Unterschiede machen.“

Sebastian Schulz blickt auf die gut 15 Jahre seit dem Fall der Mauer mit gemischten Gefühlen zurück. „Ein bisschen anders haben wir uns das damals vorgestellt. Am Anfang war Friede, Freude, Eierkuchen. Aber vor der Wende hatte man weniger Stress. Und die Reisefreiheit? Wenn ich kein Geld habe, kann ich nicht verreisen“, sagt er. Im letzten Urlaub ging es vor drei Jahren mit den Schwiegereltern in deren Auto nach Kroatien. Aber der Strand war nicht so schön.

Er ist nicht sehr beredt, er sucht nach Worten, spricht undeutlich, und die Frage nach seinen Perspektiven lässt ihn gänzlich schweigen. Er war kurz nach der Wende neun Monate arbeitslos, er hat zehn Jahre auf dem Bau geschuftet, und jetzt hat er zwar Schichtdienst, aber einen besseren Job als die Kollegen, die den ganzen Tag an einer Maschine stehen. Er muss die Maschinen in der ganzen Werkhalle am Laufen halten, das bringt Abwechslung. Etwas mehr Geld wäre gut, sagt er.

Perspektiven, das ist was für seine Tochter. Die soll es mal besser haben. Nach der Realschule will sie Krankenschwester werden. Wieso? „Weiß nicht“, sagt sie. Ein Praktikum im Krankenhaus hat sie schon gemacht. Aber mit der Schule ist das so eine Sache. „Die Guten werden aussortiert. Auf Deutsch gesagt, es ist niemand mehr da, von dem man abschreiben kann“, sagt der Vater. Oder an dem man sich orientieren könnte. „Zumindest kann ich meiner Tochter bei Mathe helfen.“

Was den Ausbildungsplatz angeht, könnte es schwierig werden. „Wir wollen mal sehen, was wir beisteuern können, dass das was wird.“ Wegziehen kommt zu teuer, es muss schon Magdeburg sein, ihre Heimatstadt, die jüngst bei einem Ranking der Wirtschaftsperspektiven von 60 deutschen Städten Platz 56 erreichte.

Fast sieben Jahre sind seit dem Brief an Sebastian Schulz vergangen. Auch Schröder ist enttäuscht, sagt jedenfalls sein Freund Bissinger. „Er hat sicher die Hoffnung gehabt, die Arbeitslosigkeit schneller und nachhaltiger in den Griff zu bekommen. Da hat er schon dran geglaubt.“ Und was sich viele Fernsehzuschauer bei den immer tiefer werdenden Furchen im Gesicht des Kanzlers denken, bestätigt auch der Vertraute. „Er ist erheblich ernster geworden. Vieles, was er früher an Leichtigkeit hatte, ist von ihm abgefallen.“

Sebastian Schulz sieht das nicht. Er schaut nur selten „Tagesschau“. Er schreibt keine Briefe, er geht nicht auf die Straße, nicht mehr zur Wahl, er hat sich von der Politik abgewandt. „Man ist gleichgültig geworden. Das Leben tröpfelt so dahin“, sagt er. „Man sieht ja schon an der Wahlbeteiligung, was los ist. Ob du nun den wählst oder den, ist egal.“ Er ist 38, bis zur Rente sind es knapp 30 Jahre. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Aber sie stirbt.

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