Zeitung Heute : Staunen über ein Urteil

Der letzte Tag im Prozess um den Mord von Potzlow

Frank Jansen[Neuruppin]

Der Mann ist frei. Kaum hat Richterin Ria Becher das Urteil verkündet, steht Sebastian F. auf und holt aus einer Plastiktüte eine große, blaue Dose Tabak. Dann beginnt der 18-Jährige, eine Zigarette zu drehen. Ruhig, die Hände zittern nicht, kein Krümel fällt zu Boden. Das ungläubige Staunen um ihn herum, die hektischen Fragen der vielen Journalisten – der große Kurzhaarmann wirkt unbeeindruckt und schweigt. Dabei hat ihn die Jugendkammer des Landgerichts Neuruppin an diesem Freitagmittag gerade mit einer sensationell kleinen Strafe bedacht und dann noch den Haftbefehl aufgehoben. In einem Prozess, der wie kaum ein anderer in der Geschichte des Bundeslandes Brandenburg Beachtung gefunden hat. Weil die Folter und Ermordung des 16-jährigen Marinus Schöberl im Juli 2002 im uckermärkischen Dorf Potzlow unfassbar brutal, ja sadistisch wirkt.

Doch Sebastian F. war nach Ansicht der Strafkammer „nur“ in begrenztem Maße ein Mittäter. Einer, der Schöberl geschlagen hat und der auf ihn urinierte. Aber für den Mord sei Sebastian F. nicht verantwortlich. Das Hauptmaß der Schuld hätten die Brüder Marco und Marcel S. auf sich geladen.

Marcel S., auch 18 Jahre alt und in dem fünfmonatigen Prozess immer bleich wie ein Schwerkranker, hat am frühen Morgen des 13. Juli 2002 den schon seit Stunden malträtierten Marinus Schöberl mit einem „Bordsteinkick“ getötet. Stockend trägt Richterin Becher vor, Marcel S. oder Sebastian F. hätten Marinus gezwungen, in einem ehemaligen Schweinestall in die Kante eines Trogs zu beißen. Dann sei ihm Marcel mit seinen Stahlkappenstiefeln auf den Kopf gesprungen. „Der Kopfbereich wurde zerquetscht, Marinus kippte nach links weg“, sagt Becher. Die Richter, die Schöffen, die Verteidiger, das Publikum erstarren, zwei, drei Sekunden lang. „Marcel wollte nachempfinden, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch stirbt“, sagt Becher tonlos, „und er wollte seinem Bruder imponieren.“ Marco S., 24, vorbestrafter Neonazi, nimmt die rechte Hand an den Mund. Auf dem kahlen Schädel ist über dem linken Ohr das Wort „Skinhead“ tätowiert.

Das „komplexe Verhältnis“ der beiden Brüder sieht die Strafkammer als eines der wesentlichen Motive für den Gewaltexzess. Marcel habe Angst vor seinem Bruder gehabt, aber er habe auch dessen Anerkennung gesucht, sagt Becher. Und als dann Marco an jenem Abend „aus einer Laune heraus“ anfing, den harmlosen Hiphopper Marinus Schöberl zu quälen, habe Marcel sich die „Einstellung“ des großen Bruders zu Eigen gemacht „und sich dem Opfer gegenüber als höherwertig angesehen“. Und dann mitgeprügelt, den verängstigten Schöberl mit in den Schweinestall gebracht – und alleine, ohne den Bruder und Sebastian F., „plötzlich den Entschluss gefasst, den Bordsteinkick vollständig in die Realität umzusetzen“. Bechers Stimme ist wieder leise geworden.

Die Kammer verurteilt Marcel S. zu achteinhalb Jahren Jugendstrafe. Wegen Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Nötigung. Dass es nicht, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, zehn Jahre sind, begründet Becher mit seinem Geständnis kurz nach der Festnahme, Alkohol und „einer Intelligenz am unteren Rand der Norm“. Die Kammer hält auch Marco S. den Suff und „einen IQ von 55“ zugute. Und eine „Persönlichkeitsstörung“. Dennoch bekommt er 15Jahre, wegen versuchten Mordes und unter „Einbeziehung“ einer früheren Strafe, nach einem Überfall auf einen Afrikaner. Das hohe Strafmaß erklärt die Kammer so: Für Marco S. gilt Erwachsenenstrafrecht, außerdem habe er mitgewirkt, als Marcel noch einen Gasbetonstein auf Marinus Schöberl warf. Um sicher zu sein, dass der Junge tot ist. Anschließend wurde er von den Angeklagten in einer Jauchegrube verscharrt.

Als Becher nach eineinhalb Stunden Urteil und Begründung verlesen hat, sind die beiden Staatsanwältinnen und das Publikum verwirrt, auch empört. „Wir werden auf jeden Fall Beschwerde gegen die Freilassung von Sebastian und Revision gegen das milde Urteil einlegen“, sagt Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper. Überraschend kündigt auch der Anwalt von Sebastian F. eine „vorsorgliche Revision“ an. Der hält derweil seine fertig gedrehte Zigarette in der Hand. Er wird gefragt, ob er sich freut. Sebastian F. grinst. Dann folgt ein kräftiges „Jau“.

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