Zeitung Heute : Steffen Reiche im Interview: "Ich werde das Zentralabitur einführen"

Sie machen Druck in der Bildungsreform. Warum?

Steffen Reiche (40) konzentriert sich, seitdem er nicht mehr Landesvorsitzender der SPD in Brandenburg ist, ganz auf seine Aufgaben als Bildungsminister. Der Schulreform will er nicht nur in Brandenburg, sondern in ganz Deutschland Anstöße geben, um die Bildung für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts fit zu machen.

Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche über Grundschulreform und Verkürzung der Schulzeit

Sie machen Druck in der Bildungsreform. Warum?

In diesem Jahrhundert wird Bildung für den Einzelnen und für Regionen wichtiger, als sie es je zuvor gewesen ist. Die Entwicklung nicht nur der Lebenschancen des Einzelnen, sondern auch die Chancen einer Region im globalen Wettbewerb werden sich über Bildung entscheiden. Wer dort nicht investiert, der wird in diesem Wettbewerb verlieren oder zumindest spürbare Nachteile haben.

Gerade in der Kindheit entwickeln sich die Begabungen sehr unterschiedlich. Viele Eltern wollen ihre Kinder früher auf die weiterführenden Schulen wechseln lassen. Ist die Antwort einer vorsichtigen Öffnung nach der vierten Klasse für die Schnellläuferklassen die einzige Reaktion auf diesen Wunsch?

Da ist nicht die einzige und auch nicht die wichtigste Antwort. Wir haben ein integratives Schulsystem, das sich nicht nur an einer sechsjährigen gemeinsamen Grundschule erkennen lässt, sondern auch an einem hohen Anteil an Gesamtschulen und an einem integrativen Unterricht für einen großen Teil der Lernbehinderten. Das zahlt sich aus, ohne dass wir deshalb die Begabtenförderung vernachlässigen dürfen. Deshalb fangen wir die Debatte über Spezialschulen, die es einst in der DDR für besondere Begabungen gab, noch einmal neu an. Mir liegt daran, dass wir auch den Anteil von Menschen mit besonderer Begabung, der bei knapp zehn Prozent liegt, fördern. Wir sind bereit, dabei neue Formen zu entwickeln, weil auch herausragend Begabte so gefördert werden müssen, dass sie ihren spezifischen Beitrag zur Entwicklung des Landes leisten können.

Können sie schon auf Erfolge hinweisen?

Ich bin stolz, dass bei der internationalen Physik-Olympiade von fünf deutschen Teilnehmern drei aus Brandenburg kommen und dass unser Anteil bei Bundeswettbewerben mit Siegern und auch guten Platzierungen überproportional hoch ist- also bei weitem mehr als bei drei Prozent liegt - das ist Brandenburgs Anteil an der bundesdeutschen Bevölkerung.

Berlin und Brandenburg wollen an der sechsjährigen Grundschule festhalten. Hat die sechsjährige Grundschule so, wie sie bisher organisiert worden ist, noch eine Zukunft?

Die Grundschule muss, da haben Sie Recht, erheblich verbessert werden, wenn sie den Erwartungen auch in Zukunft gerecht werden soll. Deshalb habe ich zweierlei durchgesetzt: Zum einen wird in den Jahrgangsstufen fünf und sechs die Zahl der Schülerwochenstunden auf 29 erhöht. Wir liegen dann im bundesdeutschen Spitzenfeld. Und zugleich werden wir voraussichtlich mit fünf zusätzlichen Lehrerwochenstunden in den Jahrgangsstufen fünf und sechs starten. Diese zusätzlichen Stunden wollen wir für eine Leistungsdifferenzierung in den Fächern nutzen. So wollen wir die sechsjährige Grundschule erheblich qualifizieren.

In welchen Fächern wird es unterschiedliche Leistungskurse geben?

Dass ich die Differenzierung in Deutsch, in den Fremdsprachen und in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern sehe, sage ich klar. Aber die Leistungsdifferenzierung soll nicht vom Ministerium vorgegeben werden. Darüber entscheiden die Schulen und damit können sie sich profilieren.

Wie früh soll in Brandenburg mit dem Lernen von Fremdsprachen begonnen werden? Ist mit als erste Begegnungssprache nur Englisch gemeint, oder geben sie auch Französisch oder Russisch eine Chance?

Ich will, dass wir am Ende der Legislaturperiode - spätestens im Jahre 2004 - die Begegnungssprache, beginnend mit der Klasse drei, flächendeckend in Brandenburg durchgesetzt haben. Ich hoffe, dass wir schon im neuen Schuljahr in einem Bereich des Landes mit dem Start der ersten Fremdsprache 100 Prozent erreichen. Nicht das Ministerium entscheidet, welche Begegnungssprache von der dritten Klasse an angeboten wird, sondern dies wird nach Maßgabe der vorhandenen Lehrkräfte entschieden und es muss dem Interesse der Schülerinnen und Schüler entsprechen. Das Interesse für Französisch ist derzeit in Brandenburg leider etwas geringer. Zum anderen ist auch die Zahl der vorhandenen Lehrkräfte nicht so stark, dass wir in dem gewünschten Umfang auch Französisch als Begegnungssprache von der dritten Klasse an einführen können. Aber eine Chance gebe ich gern.

Nordrhein-Westfalen hat sehr viele Gesamtschulen, Brandenburg übertrifft es noch als das Land mit den meisten Gesamtschulen. In Nordrhein-Westfalen ist bei den selben Mathematikaufgaben, die in der Oberstufe von Gesamtschulen und von Gymnasien geschrieben wurden, Folgendes herausgekommen: Was im Leistungskurs am Gymnasium mit "Ungenügend" bewertet wurde, reichte im Grundkurs an Gesamtschulen zu einer guten Zwei. Ist eine derartige Erosion der Leistungsbewertung in Brandenburg ähnlich?

Nein, weil wir eine außerordentlich große Verschiedenheit an Gesamtschulen haben. Es gibt Gesamtschulen, die sind besser als Gymnasien und werden deshalb auch von vielen Eltern stärker als Gymnasien am selben Ort gewählt. So wie es sehr gute Gesamtschulen gibt, so gibt es leider auch schlechte Gesamtschulen. Wir haben einen erheblichen demografischen Wandel. Das heißt: Wir werden, beginnend mit dem Jahr 2003, auch einen erheblichen Wettbewerb in den weiterführenden Schulen und damit in der Sekundarstufe erleben. Ich hoffe, dass dieser Wettbewerb um die Erhaltung von Schulstandorten, so wie er jetzt bei der Grundschule zu einer nachweisbaren Qualifizierung geführt hat, auch in der Sekundarstufe zu einer spürbaren Qualifizierung der Schulen führt. Ich habe deshalb vor, in der Schulgesetznovelle die Entwicklung eines Schulprogramms verbindlich zu machen, weil auf diese Weise eine Verständigung über das Profil und die Ziele einer speziellen Schule erreicht wird. Und das nicht nur im Lehrerkollegium, sondern auch mit Schulträgern, Eltern und Schülern.

Wie kontrollieren Sie, dass in Gesamtschulen wie in Gymnasien die Standards eingehalten werden? Kommt in Brandenburg auch ein Zentralabitur in Frage?

Ich werde das Zentralabitur verbindlich einführen. Das wird über Rahmenlehrpläne entsprechend vorbereitet. Aber das ist nicht genug. Wir brauchen auch verbindliche Prüfungen in der Jahrgangsstufe 10 - und nach Möglichkeit dort ebenfalls mit zentralen Vorgaben. Für mich sind Qualität und Selbstständigkeit von Schulen nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wir werden die Selbstständigkeit der Schulen erheblich stärken. Wir geben Aufgaben von den staatlichen Schulämtern in großem Umfang an die Schulen ab. Deshalb werden wir diese Schulen auch evaluieren müssen. Qualitätsmanagement und Qualitätsevaluation sind für mich so zentrale Aufgaben, dass ich im Ministerium ein eigenes Referat dafür eingerichtet habe.

Wie weit kann man die Schulzeit bis zum Abitur verkürzen? Da gibt es die Mindestanforderung von 265 Wochenstunden von der Mittelstufe bis zur Oberstufe, die die Kultusministerkonferenz als Standard vorgegeben hat. Wie beachten Sie in den Schnellläuferklassen oder bei ihrem geplanten Modell sechs Jahre Grundschule, sechs Jahre weiterführende Schule diese Mindestzahl an Wochenstunden bis zum Abitur?

Wir halten nicht nur die 265 Wochenstunden als Mindestzahl ein, sondern wir übertreffen sie um neun Stunden. Das heißt, Schülerinnen und Schüler, die in Brandenburg Abitur machen, haben im Normalfall 274 Wochenstunden gehabt. Deshalb ist das brandenburgische Abitur auch im bundesweiten Vergleich von so erheblicher, teilweise nicht genügend bekannter Qualität. Für die sechs plus sechs Klassen werden die 265 Wochenstunden eingehalten. Und für die 46 Schnellläuferklassen mit vier Jahren Grundschule und acht Jahren weiterführender Schule bis zum Abitur werden wir den 245-Stunden-Standard einhalten. Der gilt auch in anderen Ländern mit einem vorgezogenen Abitur.

Wie organisieren Sie das?

Das Ziel ist erreichbar, da hier Schülerinnen und Schüler mit einer besonderen Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit zusammengefasst werden. Sie werden, beginnend mit der Klasse fünf, so intensiv in einem homogenen Klassenverband gefördert, dass sie schon nach der Klassenstufe sieben direkt in der Klassenstufe neun landen, weil sie die achte Klasse überspringen.

Ist das Klima in der Schulpolitik in Brandenburg ähnlich ideologisch aufgeladen wie in Berlin?

Nein, wir haben hier eine Entwicklung, dass Ideologie hintangestellt wird. Die Pragmatiker setzen sich immer stärker durch: Sie fragen, was gut ist für die Schule und was gut ist für Schülerinnen und Schüler und sie suchen nach modernen Antworten. Gerade in einer Koalition von SPD und CDU tragen wir die verschiedenen Positionen vor und dann wird gewogen. Ich stehe mit meinem politischen Ansatz auch für eine Bildungspolitik, die nicht nach dem fragt, was ist uns vorgegeben, sondern die prüft, was nutzt der Entwicklung den Schulen im 21. Jahrhundert.

Das klingt nach einem Modell für Deutschland?

Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen: Ich bin dabei, mit den deutschen Bildungsministern einen Dialog über den für das 21. Jahrhundert notwendigen Bildungskanon, beziehungsweise über ein notwendiges Kerncurriculum zu beginnen. Wir müssen - beginnend mit der Primarstufe - nicht einen deutschen Rahmenlehrplan, wohl aber eine gemeinsam zwischen den Ländern verabredete Grundlage entwickeln.

Sie planen zur Beratung eine Kommission mit führenden Bildungsexperten gemeinsam mit Berlin einzusetzen?

Wir haben schon jetzt eine gemeinsame Bildungsregion, ohne dass ein gemeinsames Land gebildet worden ist. Ich bin Berlins Schulsenator Klaus Börger dankbar, dass wir gemeinsam ein so weitreichendes Programm verabreden konnten und den Durchbruch nicht nur beim Gastschülerabkommen geschafft haben, sondern auch die Schulgesetznovellierung in Berlin und Brandenburg gemeinsam betreiben werden. Ich habe Klaus Böger deshalb vorgeschlagen, dass wir eine gemeinsame Bildungskommission einberufen. Böger hat diesen Vorschlag aufgenommen. Der Koordinierungsrat in Brandenburg hat das jetzt beschlossen. Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, wird dieser gemeinsamen Kommission vorsitzen. Namhafte Vertreter der Erziehungs- und Bildungswissenschaft in Deutschland sollen uns sagen, was notwendig für die Bildungspolitik in Berlin und Brandenburg ist und wie innovative Ziele für die gemeinsame Arbeit beschrieben werden können.

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