Zeitung Heute : Steigender Grenzwert

Ein alter Mann betrachtet ehrfürchtig eine Flasche ordinäres Maisöl, ein anderer kauft eine Ziege, und etwas entfernt hebt ein Kran Paletten voller Küchenkacheln von Ägypten nach Gaza – Markttage an einer lange unüberwindbaren Mauer

Andrea Nüsse[Rafah]

Mehdat ist morgens um acht schon wieder auf dem Rückweg. „Zurück in die Heimat. Ich habe sie schon vermisst“, sagt er und lacht ironisch, während er sich einen Weg durch die Menschenmenge bahnt. Hupende Toyotas, beladen mit Zigaretten, Kartons voller Kartoffelchips oder Ziegen drängen die Menschen an die Seite. Am Ende der Straße liegt der Gazastreifen, einer der trostlosesten Flecken dieser Erde. In der Hand hält Mehdat seine Ausbeute: ein Paket Tabak für die Wasserpfeife, mit Apfelgeschmack. „Tabak gibt es in Gaza schon seit Monaten nicht mehr“, sagt er. Für mehr hat das Geld nicht gereicht. Deshalb läuft er jetzt mit seinen drei Freunden zurück. Es scheinen fast ausschließlich junge Männer unterwegs zu sein: kurze Haare, mehr oder weniger lange Bärte, dunkle Bomberjacken, dunkle Jeans. „Wir haben kein Geld mehr“, sagt Mehdat, der dennoch recht zufrieden wirkt mit seinem unerwarteten Ausflug.

Seit Mittwoch spielen sich in der geteilten Stadt Rafah an der Grenze zwischen Gazastreifen und Ägypten Szenen eines Massenausbruchs ab. Zehntausende Palästinenser haben den Zaun aus rostbraunem Metall regelrecht beiseitegetreten bei ihrem Sturm in die Freiheit, gebrochen und gewellt hängt er nun hinunter auf die Straße. Rund 500 000 Palästinenser sollen sich am Donnerstag auf der Sinai-Halbinsel aufhalten. Am Morgen strömen sie noch immer in Massen Richtung Ägypten. Sie klettern am Rafah-Gate über die Streben der gestürzten Grenzanlagen, auf ihren Rücken balancieren sie Gepäck und Waren.

Sie wollen handeln, wollen das kaufen und wieder verkaufen,was in Gaza in den letzten Monaten durch die Transport- und Energieboykotte der Israelis allzu knapp geworden ist. Alte Frauen in bodenlangen Gewändern helfen sich gegenseitig auf den Sockel der Grenzruine, junge Männer sind mit einem Sprung drüben. Lastwagen und Eselskarren transportieren vor allem Plastikkanister voller Benzin. Jedes Gefäß, das nicht leckt, ist im Einsatz und soll Treibstoff für Autos und Heizgeräte nach Gaza bringen.

Das Grenzgebiet gleicht einem riesigen, unorganisierten Wochenmarkt. Ein Mann bietet in gelben Flaschen Putzmittel für vier Schekel an. Zwei Frauen haben auf einer Plastikplane gebrauchte Kleider ausgebreitet. Ein würdiger alter Palästinenser betrachtet fast ehrfürchtig eine Flasche ordinäres gelbes Maisöl. Ein anderer hat bereits zugeschlagen: Er zieht eine Ziege an einem Strick mit sich, ihr Junges läuft durchs Gedränge hinterher. „In Gaza kostet eine Ziege 1000 Schekel, hier nur 300“, sagt er. Einige hundert Meter weiter hat sich der spontane Markt schon professionalisiert: Ein Schwenkkran steht auf palästinensischer Seite und hebt Paletten mit Küchenkacheln von einem Lastwagen auf die ägyptische Seite.

Nach Benzin sind Zigaretten die beliebteste Handelsware. Männer und Jungen haben sie gleich kartonweise auf ihre Fahrräder geschnallt. Es gibt kaum einen Palästinenser, der keine gekauft hat. Die ägyptischen „Cleopatra“ sind die billigsten, zehn Dollar die Stange. Israel hat seit der Machtübernahme der Hamas im Juni 2007 nur noch wenige Lebensmittel und Medikamente sowie streng bemessene Benzin- und Schwerölrationen in den Gazastreifen gelassen, daraufhin haben sich die Preise für Zigaretten verdreifacht. Viele Palästinenser wollen zu Hause mit ihnen handeln. Sie sind so etwas wie eine kleine Versicherung für später, wenn die Preise wieder steigen. Denn seit Mittwoch sind so viele Waren in den Gazastreifen gelangt, dass die Preise dort teilweise schon niedriger sind als die, die mancher ägyptische Händler hier hinter der Grenze am Straßenrand verlangt. Das hat auch Mehdat zu spüren bekommen.

„Ich habe meinen Apfeltabak gestern Abend für 20 ägyptische Pfund gekauft“, sagt er. „Normalerweise kostet er in Ägypten acht Pfund. Und heute morgen hat man mich aus Gaza angerufen, dass er dort jetzt schon für 15 Pfund zu haben ist.“ Er betrachtet sein bereits aufgerissenes Paket und ärgert sich.

Am Rafah-Gate sind am Donnerstag einige ägyptische Grenzsoldaten aufmarschiert. Sie sind mit Helmen und Schutzschilden ausgerüstet, jeweils zehn Mann stehen auf jeder Seite der Straße Spalier. Am Morgen sind sie noch freundlich, im Lauf des Tages wird sich das ändern. Sie tragen nur Schlagstöcke, ab und zu langen sie spielerisch mit ihnen nach allzu neugierigen Kindern. Zu dieser Zeit wirkt jeder hier entspannt. Die einen können endlich einkaufen, die anderen machen endlich Geschäfte. Eigentlich unverständlich, dass hier kein dauerhaft geregelter Grenzverkehr aufgebaut werden kann. Der diensthabende Offizier gibt bereitwillig Auskunft. „Alles in Ordnung. Die Leute haben Hunger und kommen zum Einkaufen. Dann gehen sie zurück.“ Am Mittwochmorgen soll Präsident Hosni Mubarak persönlich den Befehl gegeben haben, die Palästinenser über die zerlöcherte Grenze zu lassen.

Mehdat war einer der Ersten, der am Mittwochmorgen an der eingestürzten Mauer zwischen dem Gazastreifen und Ägypten stand. Schon zwei Tage zuvor hatte es Gerüchte gegeben, dass die Mauer gesprengt werden solle. „Dann haben wir gegen fünf Uhr morgens die Explosionen gehört und im Internet gelesen, dass sie gefallen ist.“ Sofort ist er losgelaufen, zusammen mit Freunden, seiner Mutter und zwei Schwestern.

Mehdat ist im Beach Camp aufgewachsen, einem heruntergekommenen Flüchtlingslager im Süden des Gazastreifens, das deutlich weniger idyllisch ist als der Name erwarten lässt. Er hat an der Islamischen Universität Gaza Wirtschaftswissenschaften studiert, aber damit lässt sich in diesem Freiluftgefängnis, dessen Aus- und Eingänge Israel kontrolliert, nicht viel anfangen. Doch die letzten sieben Monate, in der der Landstreifen fast hermetisch abgeriegelt war, waren die härtesten. „Wir ersticken da drinnen“, sagt Mehdat.

Er hat den Abend in Freiheit genossen“. Mit seinen Freunden ist er bis in die erste Kleinstadt nach der Grenze, ins 40 Kilometer entfernte El Arisch gefahren, zusammengedrängt auf der Ladefläche eines Sandlasters. Noch am Donnerstag lassen sich hunderte Palästinenser, Neugierige und Einkäufer, nach El Arisch transportieren, das eigentlich nur eine trostlose Kleinstadt zwischen Sandwüste und Strand ist. Endlos zieht sie sich am Mittelmeer entlang und wirkt im Winter recht unbelebt.

„Immerhin ein Tapetenwechsel“, findet Mehdat. Er und seine Freunde waren am Abend im Café und haben das Fußballspiel Senegal gegen Tunesien beim Afrika-Cup gesehen. Über Politik, das omnipräsente, bittere Thema jeder Zusammenkunft, hat er nicht gesprochen. Die Ägypter, die wissen wollten, wie es denn nun zwischen den verfeindeten Palästinenserfraktionen Fatah und Hamas stehe, haben ihn genervt. „Ich will die Politik einen Augenblick vergessen“, sagt Mehdat; er gehört keiner der beiden Fraktionen an. Wo seine Sympathien liegen wird dennoch deutlich. Er zeigt auf einige zottelige, braune Ziegen und verrät, wie viele Palästinenser sie nennen: „Zahhar“ – nach dem Hamas- Hardliner, der kurz Außenminister war.

Die Zeit ist zu kostbar für Politik. Keiner weiß, wann die Grenze wieder geschlossen wird. Bis zum Donnerstag heißt es: in einigen Tagen, in zwei Wochen – aber es bleibt noch weniger Zeit. Plötzlich kommt das Gerücht auf, am Freitags soll die Grenze wieder dicht sein.

Schon mittags geht es los. Die freundlichen Grenzbeamten beginnen, ihre Schlagstöcke zu benutzen. Am Rafah-Grenzübergang schlagen sie auf die Motorhauben von Autos ein und versuchen, die Palästinenser an der Einreise zu hindern. In anderen Städten und Dörfern auf der Sinai-Halbinsel kreisen Polizisten Palästinenser ein und bringen sie zur Grenze zurück. Lastwagen von Händlern werden gestoppt. Die Menschen schreien sich ihre Wut von der Seele: „Schreibt, dass wir da drinnen verhungern, dass die Israelis uns wie Tiere behandeln“, sagen sie. Oder: „Präsident Mubarak soll dafür sorgen, dass die überhöhten Preise hier runtergehen.“

Der junge Mehdat und seine Freunde stehen schon vor der Betonmauer, die sie noch von der Heimat trennt. In der Ferne sind die zerschossenen Fassaden der ersten Häuserreihe auf palästinensischer Seite zu sehen – als in Gaza und im Grenzstreifen noch israelisches Militär stationiert war, war das eine heftig umkämpfte Gegend. Der Alltag, die Politik haben Mehdat wieder eingeholt.

Aus Israel hört man an diesem Tag vom stellvertretenden Verteidigungsminister Matan Wilnai, dass man eine völlige Trennung vom Gazastreifen erwäge. Er müsse nur nach Ägypten offen bleiben, dann hätte man nicht mehr die Verantwortung dafür. Dass das so kommt, ist mehr als fraglich. Mehdat sieht jedenfalls keine Besserung kommen. „Die Friedenskonferenz in Annapolis war doch nur ein abgekartetes Spiel, die Israelis sind keine ernsthaften Leute“, glaubt er. Im Gehen sucht er nach einem Loch in der Mauer. „Damit ich nicht noch den Eingang verpasse.“

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