Zeitung Heute : Stein auf Stein

Die 150 Jahre alte Göltzschtalbrücke galt bei ihrem Bau als Wunderwerk. Auch heute ist sie mehr als eine Eisenbahnstrecke

Roland Koch

Auf das traurige Kapitel ihrer Arbeit möchte Christa Trommer gar nicht zu sprechen kommen. „Ja, durch dieses schreckliche Ereignis sind wir immer wieder in den Medien gewesen“, sagt sie nur kurz und knapp, wenn sie auf die drei Jugendlichen angesprochen wird, die vor gut zwei Jahren von der Göltzschtalbrücke in den Tod gesprungen sind. Aber über dieses Thema sei doch nun wirklich zur Genüge berichtet worden. „Eigentlich ist die Brücke doch wegen etwas ganz anderem berühmt.“ Und obwohl Christa Trommer auch das schon tausenden Besuchern erzählt hat, beginnt sie unwillkürlich zu schwärmen, wenn sie über die Einzigartigkeit der Göltzschtalbrücke erzählt.

Die seit über 150 Jahren größte Ziegelsteinbrücke der Welt gilt als eine besondere Leistung von Kopf- und Handarbeit. Als 1846 der Bau begann, gab es keine Computer. Mit dem Kopf wurde berechnet, wie die 26 Millionen Ziegel vermauert werden mussten, damit die Brücke für den Eisenbahnverkehr zwischen Leipzig und Nürnberg stabil genug war.

Eine besondere Herausforderung lag darin, dass der Konstrukteur, Professor Andreas Schubert, nicht nur ein solides, sondern auch ein architektonisch anspruchsvolles Bauwerk errichten wollte. Eine Aneinanderreihung von Bögen auf vier Etagen sollte es sein. Schwierigkeiten machte der Untergrund: Die Zahl der Bögen musste auf 81 begrenzt werden. Dazu kam, dass die Arbeit von Hand erledigt wurde. Bis zu 1700 Arbeiter waren hier pro Monat beschäftigt und mauerten Stein für Stein aufeinander. Fünf Jahre dauerte es, bis der Schlussstein gelegt wurde. 31 Menschen ließen während der Arbeiten ihr Leben.

Noch heute donnert der Eisenbahnverkehr über die Brücke, verbindet die Städte München, Dresden, Berlin. Bahnreisende verbringen nur wenige Sekunden auf der Brücke – die jährlich 70 000 Besucher bleiben etwas länger: Gut eine Stunde dauert es, wenn man sich von Christa Trommer oder einem ihrer Kollegen das Bauwerk aus der Pionierzeit des Eisenbahnbaus erklären lässt. Einen Euro kostet das pro Person. Das Geld bekommt der örtliche Fremdenverkehrsverein. Vor zehn Jahren wurde der Verein gegründet, nach der Wende gab es einige ABM-Stellen dafür. Heute lebt er jedoch ausschließlich dadurch, dass einige Ehrenamtliche die Arbeit wacker fortsetzen.

Zu ihnen gehört auch Christa Trommer. 23 Jahre lang war sie Fahrdienstleiterin bei der Deutschen Reichsbahn. Nach der Wende wurde sie arbeitslos und las in der Zeitung über die Vereinsgründung. Die Brücke ist seither ihre neue Leidenschaft. Heute weiß sie darüber so viel zu berichten, wie wohl kaum jemand anderes. So kennt sie zum Beispiel auch den Platz, von dem aus man die Göltzschtalbrücke in ihrer vollen Pracht bewundern kann – eine Anhöhe in der Umgebung. Von dort kann man das Bauwerk in seiner gesamten Größe von 574 Metern Länge und 78 Metern Höhe betrachten.

Aber nicht nur um die Brücke geht es Christa Trommer. Sie möchte Auswärtigen das gesamte Vogtland ans Herz legen. „Die Brücke ist nur eine von vielen Sehenswürdigkeiten hier“, sagt sie, und verweist auf die Stadt Mylau, in deren Kirche eine echte Silbermannorgel steht, auf das spätgotische Schloss Netzschkau oder die Stadt Reichenbach mit dem denkmalgeschützten Marktensemble.

Nur eines sei hier nicht möglich meint Christa Trommer: „Im Vogtland kann man einzig nicht in der Ostsee baden“, sagt sie und verabschiedet sich mit einem schelmischen Lächeln.

Der Fremdenverkehrsverein „Nördliches Vogtland“ ist unter Telefon: 037 65 / 39 28 08 zu erreichen.

Anmeldungen zu Führungen auch unter Telefon: 0172 / 271 61 52. Im Internet unter: www.fvv-noerdliches-vogtland.de

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