Zeitung Heute : Stein und Bein

„So ist das. Barfuß oder Lackschuhe. Es hätte ja gut gehen können“: Doris Wienke schwört wie viele Borussen immer noch auf den BVB

Alfons Frese[Dortm]

Erich Wienke ist gut drauf. Das Pils schmeckt dem Rentner mit dem rosigen Gesicht. Er hat immer noch Spaß an seiner Borussia, obwohl ihn der Verein einiges gekostet hat. Nicht nur Nerven. Vor vier Jahren hat sich Wienke für 5000 Euro Aktien des BVB gekauft. Das ist Ehrensache für den Dortmunder, der vor fast 60 Jahren das erste Spiel der Borussen im Stadion „Rote Erde“ gesehen hat. Heute sind die Aktien nicht mal mehr 1000 Euro wert. Wienke und 50 000 andere Kleinaktionäre haben mit jeder Niederlage auf dem Spielplatz den Aktienkurs abrutschen sehen. „Nee“, sagt er, das teure Investment hat er nicht bereut. „Dafür lassen wir einmal den Urlaub ausfallen“, sagt seine zierliche Frau Doris. Die Borussia-Aktie hat für den 67-jährigen Fan wenig mit Geldanlage und viel mit Lebensgefühl zu tun. Die ziemlich wertlosen Wertpapiere werden die Wienkes behalten, solange es sie und den Verein gibt.

„Früher waren wir in der Kneipe von Charly Schütz, das war einer der ersten deutschen Spieler, der nach Italien gegangen ist“, erinnert sich Wienke. Das war 1963. Jetzt sitzt das Ehepaar jeden Samstagnachmittag auf Hockern im Barrock, einer Bierkneipe im Westen Dortmunds, und schaut sich mit 150 Fußballkumpanen das Spiel der Borussia auf der Großleinwand oder einem der Fernseher unter der Decke an. Robuste Holztische und Hocker, reichlich Stehtische und erdige Preise. Das DAB (0,3) kostet 1,80, die Mantaplatte (Currywurst mit Pommes) 3,50.

„Das hier ist die letzte Theke vor dem Stadion“, sagt Kneipenchef Falko. Der 36-Jährige zog Anfang der 90er Jahre von Wolfsburg nach Dortmund und ließ sich bald in den schwarz-gelben Bann schlagen. „Das hat mich sofort gepackt", sagt der Kneipier, der aussieht wie R.E.M.-Sänger Michael Stipe und als schreiender Fußballfreak auf der Südtribüne des Stadions kaum vorstellbar ist. Eher ein abgeklärter Typ, der immer die Fassung wahrt. Selbstverständlich kauft er sich jedes Jahr eine Dauerkarte für die Fußballoper für knapp 200 Euro. „Das ist ein riesiges Erlebnis, das kann man nicht in Worte fassen. Es ist einfach schön.“

Auch jetzt noch, obwohl Borussia so pleite ist, dass am Sonntag in Dortmund sogar ein Messe für den Verein gehalten wurde . Das Ehepaar Wienke und Falko gehören zu einem Menschenschlag, den man im Ruhrgebiet häufig und in diesen Tagen in Dortmund sowieso antrifft: Der Blick auf das Leben ist ziemlich unaufgeregt, die Grundeinstellung positiv und wenn es mal schlecht kommt, dann kommt es auch wieder besser. Borussia Dortmund am Ende? „Es kann doch nur noch aufwärts gehen“, sagt Thomas, ein Grafiker um die 40 und auch Dauerkartenbesitzer. „Wenn man einen schlechten Lauf hat, dann kannste nichts machen. Das kennste doch aus dem eigenen Leben.“ Aber was, wenn die Borussia absteigt oder sogar die Lizenz verliert? „Dann gehen wir auch hin. Mit Sicherheit haben wir in der zweiten Liga 60000 Zuschauer und in der Oberliga auch noch 40000.

Dieser Verein ist kein Unternehmen. Eine schlichte Pleite kommt gar nicht in Betracht, und deshalb sind die Fans ziemlich gelassen. Die gemeinsame Leidenschaft übertrifft das Entsetzen über die Kassenlage. Erstaunlich ist das schon, denn mit abenteuerlichen Finanztransaktionen haben die Vereinsoberen den Traditionsklub, gegründet 1909, fast ins Aus manövriert. Die 130 Millionen aus dem Börsengang Ende 2000 sind zu 80 Prozent von Verlusten aufgezehrt. Das Stadion für 75 Millionen an einen Fonds mit 5800 Anlegern verkauft. Von den 75 Millionen liegen aber knapp 50 Millionen als Sicherheit fest, dürfen also nicht angerührt werden; 17 Millionen Euro muss der Verein Stadionmiete im Jahr zahlen. Wahnsinn.

Auf der Suche nach Finanzquellen kamen die Vereinsführer auf erstaunliche Ideen. So gingen die Rechte an der Marke Borussia Dortmund für 20 Millionen Euro an eine Versicherung – und müssen jedes Jahr für 1,4 Millionen Euro zurückgekauft werden. Wenn die 1,4 Millionen nicht gezahlt werden, dann ist der Name Ballspielverein Borussia Dortmund 09 weg. Das wäre für die Fans schlimmer als der Abstieg.

Zurzeit hat der BVB bei 67 Gläubigern noch offene Rechnungen. „Alle bekommen ihr Geld wieder – aber über einen gestreckten Zeitraum“, beschreibt BVB-Manager Michael Meier den Kern des Sanierungskonzeptes, auf das sich der Verein Ende letzter Woche mit den Geldgebern einigte. Ohne Sanierungsmaßnahmen würde der Verein in der laufenden Saison 62,5 Millionen Euro Verlust machen, der Schuldenberg erreichte bis Mitte nächsten Jahres knapp 140 Millionen Euro. „Zur WM 06 laufen wir mit Spendendosen rum und betteln“, witzelt ein Fan. Im Westfalenstadion, der am besten besuchten Fußballarena Europas mit durchschnittlich 80 000 Zuschauern, sollen sechs WM-Spiele ausgetragen werden. Doch zuvor sind noch für ein paar Millionen technische Neuerungen fällig, die der Weltfußballverband fordert. Wer soll das zahlen?

„Das Stadion wird anne Chinesen verkauft und der BVB spielt in der Oberliga mit dem Hoyzer als Schiedsrichter widda im Hoeschpark“, blickt die Stadtzeitung „Ruhr Nachrichten“ im Ruhrgebietsslang in die Zukunft. „Ohne den BVB wäre Dortmund tot, denn was haben wir denn sonst noch?“, fragt Kneipenwirt Falko. In den 80ern war Schluss mit der Kohle, in den 90ern machten die Stahlhütten dicht, und dann folgten die Brauereien. Die Arbeitslosenquote in der ehemaligen Bierstadt beträgt 17,4 Prozent.

Der BVB ist unverzichtbar, weil er die Menschen in Wallung bringt und zusammenführt. „Wenn ein großes Heimspiel ansteht, dann spürt man die Bewegung, die Aufregung in der Stadt. Schon Tage vorher merkt man, dass etwas passiert, der Alltag wird aufgebrochen“, sagt Thomas. Das Spiel ist das Thema, „über das der Banker mit dem Arbeitslosen quatscht, es gibt eine BVB-Gesellschaft“, rühmt Falko die Integrationskraft des Fußballvereins. In seiner Kneipe bleibt es trotz der Bierströme ruhig. Vor der Tür, auf dem Boden der Terrasse, plant der Barrock-Wirt einen Walk of Fame mit den Fußabdrücken der BVB-Spieler.

Dass es kam, wie es kommen musste, erklärt der Wirt mit einer „Mischung aus Arroganz und zu hoher Risikobereitschaft“. Immer mehr und immer teurere Spieler wurden gekauft. Als habe der BVB einen Gelddrucker im Stadionkeller. Ein Fan erzählt vom Busfahrer der Mannschaft, der nach 25 Dienstjahren in den Ruhestand ging. Zum Abschied habe ihm der Verein ein Häuschen in bester Lage geschenkt. Vereinssprecher Josef Schneck dementiert. Sicher, es werde viel erzählt in diesen Tagen, und er kenne die Geschichte auch. „Aber das ist dummes Zeug.“

Gerd Niebaum wuchs auf im Dortmunder Stadtteil Wambel. In schwieriger Zeit, der Verein kämpfte gegen den Abstieg, wurde Niebaum 1986 BVB-Präsident; und blieb es bis 2004. Unter dem promovierten Juristen Niebaum spielte sich der BVB in die europäische Spitzenklasse, unter Niebaum verspielte der BVB die nächste Zukunft. „Wir investieren in Steine und Beine“, sprach einst der Präsident, ließ das Stadion zu einer einzigartigen Arena ausbauen und holte die besten Kicker an die Ruhr. In den fetten Jahren kostete der Lizenzspieler-Kader rund 60 Millionen Euro im Jahr. Heute sind es 33 Millionen, von 2006 an nur noch 24 Millionen Euro. Wenn ein Spieler mehr als zwei Millionen Euro im Jahr verdienen will, dann läuft er in den nächsten Jahren nicht in Schwarz-Gelb auf den Platz.

Niebaum kaufte Anfang der 90er die deutschen Nationalspieler Stefan Reuter, Matthias Sammer, Andy Möller und Kalle Riedle ihren italienischen Vereinen ab und hatte damit Erfolg. Unter dem Trainer Ottmar Hitzfeld wurde Dortmund 1995 und 1996 Meister. Dann kam der 28. Mai 1997. Der BVB schlägt Juventus Turin im Finale der Champions League. Am größten Erfolg der Vereinsgeschichte richten sich bis heute Stadt und Westfalenland auf. Niebaum und sein Manager Michael Meier wollten sich dann dauerhaft in die europäischen Spitzenklasse einkaufen und stellten sich eine für deutsche Fußballverhältnisse einzigartige Söldnertruppe zusammen. Nur einige Beispiele: Die Tschechen Tomas Rosicky (für 14,5 Millionen) und Jan Koller (10,5 Millionen) sowie ein halbes Dutzend Brasilianer folgten gern dem Ruf des Geldes.

Der Größenwahn hat einen Namen: Für Marcio Amoroso gaben die Borussen 25 Millionen Euro aus. Er spielte eine Saison gut, wurde Torschützenkönig. Dann verletzte sich der Brasilianer, stritt mit Trainer und Manager und verlor die Lust. Die Dortmunder lösten schließlich den Vertrag auf, um wenigstens das Millionengehalt zu sparen. „Der Niebaum tut mir leid“, äußert Rentnerin Doris Wienke Verständnis für den Präsidenten, der den Verein zum Schuldenkrösus machte. „Aber so ist das eben: Barfuß oder Lackschuhe. Es hätte ja auch gut gehen können.“

Michael Zorc ist Dortmunder und Borusse. Hier wuchs er auf, hier spielte er in der A-Jugend und von 1981 bis 1998 in der ersten Mannschaft. Zorc, den die Fans „Susi“ rufen, ist jetzt sportlicher Direktor. Er glaubt an den Sanierungserfolg und an die Zukunft der Mannschaft. Weil auf schlechte Zeiten ja immer gute folgen. „1984 waren wir in einer ähnlichen Situation. Damals habe ich als Spieler auf Gehalt verzichtet, heute tue ich das als Manager.“ Die Ambitionen der vergangenen Jahre stecken allerdings in der Schuldenfalle, mit einer Qualifikation zur Champions League rechnet Zorc in den nächsten Jahre nicht. „Wir wollen in der Bundesliga wettbewerbsfähig sein, den Fans einen vernünftigen Fußball bieten.“

Die Fans. Es gibt 550 BVB-Fanclubs mit rund 20 000 Mitgliedern; sogar in Polen und Ungarn haben sich Anhänger der Schwarz-Gelben zusammengeschlossen. „Die Fans unterstützen uns, die Identifikation mit dem Verein ist noch größer geworden“, hat Zorc beobachtet. Das hängt mit Solidarität zusammen, aber auch mit dem zunehmenden Einsatz junger Spieler. „Wir setzen gegenwärtig vier Spieler aus der eigenen Jugend ein“, sagt Zorc, „denen verzeiht man Fehler.“ Aber ist das die Zukunft?

Klaus Vogt, fast zehn Jahre Hausmeister und Platzwart auf dem Trainingsgelände der Profis hat Zweifel. Er zeigt auf das Mannschaftsfoto: „Der, der, der … die sind alle nicht tauglich für die erste Liga. Das geht nicht mit denen.“ Vogt hat die guten Jahre miterlebt und er ahnt, was kommt. „Das ist wirklich Scheiße, jeden Euro dreimal umdrehen.“ Doch die Spur Verzagtheit ist schnell wieder verschwunden. „Ärmel hoch, wir schaffen das schon. Die Borussia kommt wieder.“

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