Zeitung Heute : Stein und Schrubber

Erich Ahlers

Wer in diesen Tagen den Fernseher einschaltet, um - sagen wir - das "Heute Journal" zu gucken, dem wird zur besten Fernsehzeit ein seltsamer Sport nahe gebracht. Da wischen nicht besonders athletisch wirkende Damen und Herren wie wild über das Eis, um einem schweren Stein eine möglichst glatte und zielsichere Fahrt zu verschaffen. Das nennt man Curling. ARD und ZDF vermeldeten erstaunliche Einschaltquoten. Einmal waren es 5,6 Millionen Menschen, die zuschauten. Mehr als zur gleichen Zeit bei "Alarm für Cobra 11", der erfolgreichen RTL-Serie über Autobahnpolizisten.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Wenn Sie zu den wenigen gehören, die davon weniger begeistert sind, dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Die Amerikaner haben mit Curling auch ein Problem. "Ich bin gestraft durch diese Curling-Spieler", klagt ein freiwilliger Helfer am Rand der Eisbahn von Salt Lake City sein Leid. "Das ist ein Gentleman-Sport, etwas für Briten oder Franzosen. Nicht aber für uns Amerikaner. Wir brauchen einen Ball oder einen Puck und viel mehr Action."

Diese Olympioniken da unten auf den vier Eisbahnen können nicht mit Bodychecks dienen, nicht mit rasanten Kurvenlagen wie beim Eisschnelllauf, nicht einmal mit einem Doppelaxel wie beim Eiskunstlaufen. Sie schrubben, schrubben, schrubben. Mit Freude, denn sie lächeln sogar nach Niederlagen. "Warum, um Himmels Willen, hat meine Frau nicht so viel Spaß am Schrubben?", sagt ein männlicher Zuschauer und grinst über seinen Macho-Spruch.

Mit dummen Sprüchen kennen sich Curling-Spieler bestens aus, sie gehören zu ihrer Sportart wie der Besen. Olympia in Salt Lake City, so hoffen zumindest die Deutschen, könnte dazu beigetragen haben, dass Interesse und Verständnis für die Sportart zugenommen haben. Da ist es allerdings wenig hilfreich, dass die beiden deutschen Curling-Teams die Halbfinalspiele verpasst haben. Sie werden schnell in die Anonymität von Riessersee und Füssen zurückkehren - bis zu den nächsten Winterspielen.

Zurückgeführt wird der kurze Bildschirmerfolg der Randsportart vor allem darauf, dass die Spiele fernsehgerecht aufbereitet wurden. Die Hauptdarsteller sind verkabelt, ihre Gespräche für die Zuschauer zu hören und damit taktische Überlegungen nachvollziehbar. Dass während eines zweieinhalbstündigen Matches nicht viel passiert, stört offenbar nicht weiter. Spannend ist es vielleicht auch deshalb, weil viele sich an ihr letztes Boccia-Spiel im Sommer am Strand von St. Peter-Ording oder Kühlungsborn erinnern. Da war es nur nicht so kalt.

In der Halle selbst wurden dennoch des öfteren gähnende Augenzeugen gesichtet. In Kanada gähnt niemand. Dort ist Curling beliebt. 1988 bei den Winterspielen in Calgary war der damalige Demonstrationswettbewerb schneller ausverkauft als fast alle olympischen Sportarten. Die Kanadier mögen die Sportart, in der man in der Regel nicht ins Schwitzen gerät - jedenfalls nicht durch körperliche Beanspruchung. Selbst Fachausdrücke wie Burned Rock, Hog Lines oder Keen Ice sind dort vertraut.

Doch für die meisten der 1500 Zuschauer in der Halle wirkt die Show etwas eintönig, zumal sie die Regeln nicht kennen. Auch jener freiwillige Helfer, der lieber woanders eingesetzt worden wäre und nun hier zuschauen muss, vermag nicht viel über das Reglement zu sagen: "Sorry, ich verstehe das alles nicht." Er ist keine Ausnahme.

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