Zeitung Heute : Steine. Steine. Steine

Was hat ein Medizinhistorisches Museum mit Kunst zu tun?

Thomas Schnalke
Geologie des Menschen. Die Schönheit von Harnsteinen im Medizinhistorischen Museum der Charité hat Ilana Halperin fasziniert. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Geologie des Menschen. Die Schönheit von Harnsteinen im Medizinhistorischen Museum der Charité hat Ilana Halperin fasziniert....

Außen kreisrund und abgeflacht, glatt oder rau, gezackt, zerklüftet. Innen spannt sich eine Sonnenscheibe: strahlend warm zu Eis erstarrt. Oder: Schicht an Schicht, leicht verrutscht – ein Blätterwald. Oder: Streng gefasst von einer Haut, einer Haut aus Stein. Sie sind wunderschön, die Steine in den Vitrinen des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. Doch zugleich sind sie hart und spitz, rasend schmerzhaft, eben Körperkonkremente: Nieren-, Blasen, Gallensteine!

Eine Sonderausstellung wie Steine hat dieses Museum noch nicht gezeigt. Die wissenschaftlich interessierten Besucher seien vorgewarnt. Es geht hierbei um Kunst. Um pure Kunst. Um ein Unternehmen, das das Wagnis unternimmt, einen sich wundern zu machen ohne großen Text. Eine Ausstellung, die sich ganz den Dingen stellt und dennoch über einen Zusammenschluss der Welten bis zu den Wesentlichkeiten unseres Fragens und Wissenwollens weitergreift und dabei Bezüglichkeiten offenbart, die man so nicht oft bedenkt.

Es geht hier freilich nicht um Alles. Um Steine nur, aber Steine aus allen Sphären und aus allen Zeiten. Steine draußen und Steine drinnen. Steine älter als die Sonne. Steine aus allerjüngster unmittelbarer Vergangenheit. Steine, die wir eigentlich immer nur als das absolute Tote, das Anorganische an sich begreifen. Steine aber, die allesamt mehr Leben in sich tragen, als man für gemeinhin vermuten möchte.

Die Ausstellung Steine zeigt Werke der New Yorker Künstlerin Ilana Halperin, die lange schon im schottischen Glasgow lebt und arbeitet, die sich lange schon mit Gesteinsbildungen befasst, bislang allerdings ausschließlich mit geologischen Sedimenten und Formationen in der freien Natur. Mit Steinen, wie sie sich etwa über kurze oder lange Zeiten hinweg in Vulkanen oder Tropfsteinhöhlen bilden, oder wie sie als Meteoriten plötzlich vom Himmel fallen.

Mit ihrer Entdeckung der Nieren-, Blasen- und Gallensteine des Medizinhistorischen Museums hat Ilana Halperin ungewusst ein Kernmoment berührt, dem zugleich das Museum sein Entstehen und die naturwissenschaftliche Medizin insgesamt eine entscheidende Wendung verdankt. Rudolf Virchow (1821-1902), der berühmte Pathologe, weist in seiner Eröffnungsrede des 1899 an gleicher Stelle in der Charité eröffneten Pathologischen Museums auf die große Bedeutung der Berliner „Privatärzte“ des 18. Jahrhunderts hin. Sie hätten gesammelt und aus und mit ihren Sammlungsbeständen Fragen formuliert und Thesen generiert, an welchen in späteren Zeiten andere Forscher, insbesondere auch er selbst ansetzen konnte. Zwei dieser „Privatärzte“ nennt Virchow besonders: Die Anatomen Johann Gottlieb Walter (1734-1818) und sein Sohn Friedrich August Walter (1764-1826). Das Herzstück ihrer Sammlung waren zahllose Körpersteine, darin sind es wiederum die Gallensteine, denen sie wissenschaftlich verfallen sind. Diese Gallensteine bringen die beiden Walter hinsichtlich Form und Farbe in ein System. Mit diesen Gallensteinen wandeln sie aber zugleich ihre Sammlung zum Labor, beginnen damit chemisch zu experimentieren, wollen wissen, woraus diese Steine bestehen und wie und warum sie sich im Körper bilden. Als Naturwissenschaftler stellen sie erste entscheidende Fragen nach dem ewig gefährdeten, krankhaft veränderten Leben.

Diese Schlüsselsteine nimmt nun Ilana Halperin und erahnt sie als unsere persönlichen inneren Planeten, sucht die Gesichter auf, die sich in diesen Steinen, von uns gänzlich unbemerkt, als ein Teil unseres eigensten Inneren ausformen und als hochindividuelle Porträts lange noch erhalten können, während wir vielleicht längstens nicht mehr sind.

Das Medizinhistorische Museum zeigt die aus den Steinen geschlagene Kunst als Spiegelwerke, in welchen sich das Leben mit allen Nachgedanken bricht und bricht. Es ist der Gang hinter die Horizonte, der die Brücke schlägt zu neuen Fragen über das, was wir sind und was uns im Innersten bewegt. Thomas Schnalke

Der Autor ist Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité.

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