Zeitung Heute : Steine werfen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Es ist ein Auto-Unfall geschehen, nicht lange her, er war tragisch genug, um in der Boulevardzeitung auf die erste Seite zu gelangen. Da stand dann alles über alle Hintergründe, die ganze private Tragik, so wie man es den Lesern gern serviert.

Wie machen die das nur, so viele Informationen einzuholen, so schnell? Ganz einfach, sie gehen zum besten Freund des Unfalltoten, sagen, sie kämen von der Polizei, sie müssten noch ein paar Hintergründe klären. So machen die das. Das ist keine Geschichte aus alten Wallraffzeiten. Sie ist genau so gerade erst passiert.

In den Kinos läuft der Film „Das Leben der Anderen“. Darin ist unter anderem zu erfahren, wie die von der Stasi ihre Informationen eingeholt haben. Auch nicht fein, alles in allem noch unfeiner. Interessanter als der Vergleich ist allemal die Frage: Was für Leute sind das, die so was machen? Was treibt sie, die nicht zu dumm sind, um zu wissen, dass man so etwas nicht macht? Bei der Stasi gab es bestimmt ein paar, die – ähnlich wie der Filmheld – meinten, ganz im Sinn der großen Sache zu handeln. Solche gibt es auch bei allen Zeitungen. Die große Sache nennen wir hier einmal: Informationsfreiheit. In den allermeisten Fällen spielte und spielt die große Sache aber keine Rolle. Da geht es um Pflichterfüllung, um Erfüllung dessen, was man unter Pflicht versteht.

Damals war das wahrscheinlich einfacher, man befand sich im Klassenkampf, es gab die Guten und die Bösen. Die übelsten Methoden waren historisch-gesetzmäßig paraphiert. Heute bleibt nur das Schulterzucken: „Wenn’s anders nun mal nicht geht …“

Und es bleibt das Wissen, dass die kleine und die große Skrupellosigkeit Werte sind, mit denen wir stets rechnen dürfen. Wir dürfen sie auch immer wieder anprangern und immer wieder erste Steine werfen.

„Das Leben der Anderen“ läuft noch überall. Man kann und soll ihn als Film über die DDR sehen. Ein Historienfilm ist er dennoch nicht.

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