Steinmeiers Wandel : Vom Plan zum Kampf

Früher das Kanzleramt, heute das Auswärtige, früher das Hinterzimmer, heute das Licht – und das wird immer heller. Frank-Walter Steinmeier wächst in neue Rollen. Er erinnert dabei an einen alten Bekannten

Hans Monath
Steinmeier
Der Außenminister sucht nach Wegen der Erneuerung - für seine Partei und für sich selbst. -Foto: dpa

Wie lange, um Himmels willen, nimmt der deutsche Vizekanzler das noch tatenlos hin? Frank-Walter Steinmeier sitzt in einem roten Sessel auf dem Podium des Audimax in der Berliner Humboldt-Universität und kämpft mit einem Verständigungsproblem.

Gerade hat er sich mit Argumenten zur deutschen Außenpolitik ein bisschen warm geredet. Doch immer wieder spielt ihm die Technik einen Streich: Der Politiker mit dem schlohweißen Haar und der feinen Brille spricht, sein Mund bewegt sich, aber in den dicht gefüllten Zuhörerreihen ist sekundenlang nichts zu verstehen von dem, was er sagt.

Dann stockt der zweitmächtigste Vertreter der Bundesregierung in seinem Redefluss, schaut mit freundlicher Miene sein Mikrofon an, wiegt es in der Hand und bläst prüfend Luft über die Membran: „Ffft, ffft – geht das?“

Das Mikrofon überträgt dann tatsächlich wieder – aber nur bis zum nächsten Malheur. Dutzende Male setzt die Technik aus. Immer wieder reagiert der Redner mit einem sorgfältig-prüfenden „Ffft- ffft“, aber das ändert gar nichts.

Doch ihm entfährt kein Wort der Beschwerde, bis nach 50 Minuten und vielen Unterbrechungen ein Tontechniker Erbarmen hat und ein anderes Mikrofon auf die Bühne bringt. Ein Überziehungslimit ist offenbar nicht vorgesehen auf dem Geduld-Konto von Frank-Walter Steinmeier.

Unter Politikern ist solche Langmut nicht weit verbreitet. Vorgänger Joschka Fischer hätte unwirsch einen Mitarbeiter herangewinkt, dem der Schweiß ausgebrochen wäre angesichts der Minister-Order, die Sache in Ordnung zu bringen. Gerhard Schröder hätte sich zum Verbündeten des Publikums gemacht und die Tontechniker mit beißendem Spott überzogen. Angela Merkel würde wohl mit spitzem Lächeln eine Bemerkung über die Humboldt-Universität als Ort der Perfektion fallen lassen, so dass die Helfer schnell von alleine herbeigerannt kämen.

Nur Steinmeier, stellvertretender Vorsitzender der SPD und aller Wahrscheinlichkeit nach von Herbst an Kanzlerkandidat seiner Partei, nur Steinmeier geht auf das Problem mit der Akustik nicht ein und redet einfach weiter über die „Mittelmacht Deutschland“, die Zukunft der transatlantischen Partnerschaft und den Atomstreit mit dem Iran.

Hat der wahrscheinliche Herausforderer von Angela Merkel im Wahljahr 2009 gar keinen Sinn für die Symbolik öffentlicher Führung und politischer Macht? Hat er kein Gespür dafür, wie genau Zeichen von Durchsetzungsfähigkeit bei Prominenten registriert werden?

Viele Häutungen hat der 52-Jährige in den zweieinhalb Jahren hinter sich gebracht, seitdem er nach der Bundestagswahl 2005 sein Amt als Kanzleramtschef Gerhard Schröders verlor und ins Auswärtige Amt wechselte. Immer neue Aufgaben musste Steinmeier übernehmen, mit immer größeren Erwartungen umgehen, seit er nicht nur zum Vizechef der SPD gewählt und zum Vizekanzler ernannt wurde, sondern wegen der Schwäche seines Parteivorsitzenden Kurt Beck auch noch als aussichtsreichster SPD-Kanzlerkandidat für 2009 gehandelt wird.

Wer genau hinschaut, sieht: Frank-Walter Steinmeier findet Gefallen an seinen neuen Rollen und hat sich auf den Weg gemacht, auch sich selbst zu verändern. Doch ein Machtdarsteller, ein Meister öffentlicher Inszenierung von Bedeutung, ist aus dem gelernten Juristen nicht geworden. Das bleibt ihm fremd.

Das Auditorium in der Humboldt-Universität stört der Verzicht auf die Macht-Attitüde jedenfalls nicht. Eine ältere Zuhörerin mit rotem Jackett und goldgefasster Brille fühlt sich durch Steinmeiers Auftritt an den CDU-Politiker und Willy-Brandt-Herausforderer Rainer Barzel erinnert („Der hat auch immer durch sein vieles Wissen ein Gefühl der Überlegenheit verbreitet.“). Die Studenten applaudieren spürbar angetan. Doch in einem Bundestagswahlkampf geht es nicht nur darum, mit klugen Argumenten Akademiker zu überzeugen.

Steinmeier ist der SPD-Politiker mit den besten Umfragewerten. Doch bleiben die stabil, wenn er von der Rolle des Außenministers in die des Wahlkämpfers schlüpfen würde, wenn er nicht mehr in erster Linie als Vertreter aller Deutschen, sondern als Gegner der Umfragekönigin Angela Merkel auftreten würde?

Darüber, ob er die Aufgabe überhaupt anstrebt, die seine bislang größte Herausforderung wäre, darüber will der SPD-Politiker keine Auskunft geben. Als der Moderator des „Spiegel-Gesprächs – live in der Uni“ fragt, ob er nicht antreten müsse, weil er seiner Partei das schulde, schaut der Gefragte erst auf seine Fingernägel, streicht dann seine Krawatte glatt und antwortet: „Ich hab’ mal gesagt: Mich nervt’s. Aber mein Pressesprecher hat mir gesagt, ich soll das nicht mehr sagen.“

Dann folgt die Formel, die eigentlich keine Antwort ist: „Ich kann und werde auch heute nur sagen, dass wir dazu einen festen Zeitplan verabredet haben.“ Der Plan sieht vor, dass der Parteichef die Entscheidung in den drei letzten Monaten des Jahres fällt. Freilich kann auch diese Formel nicht verbergen, dass Steinmeiers Haltung sich verändert hat. Noch im vergangenen Herbst erklärte er: „Ich wünsche mir, dass Kurt Beck es macht.“

Davon ist schon lange keine Rede mehr. Die Frage ist nur, ob Steinmeier nur nicht antworten will – oder ob er möglicherweise auch gar nicht antworten kann. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass das Problem der Machtteilung zwischen dem SPD-Chef und seinem Stellvertreter nicht geklärt ist, dass es eben kein Gespräch mit verbindlichem Ergebnis zur Kanzlerkandidatur mit Kurt Beck gegeben hat.

Wenn das stimmt, dann ist Kurt Becks Handlungsspielraum in der Kandidatenfrage verschwindend klein. Aber es gibt ihn noch, auch wenn jeder Tag, der vergeht, ihn noch kleiner macht. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Sozialdemokratie, dass die mächtigsten Männer der Partei wichtige Machtfragen auch im kleinsten Kreis beschweigen. Auch die Parteiikonen Willy Brandt und Herbert Wehner waren bekanntlich Meister der Nichtkommunikation in prekären Situationen, in denen es für die SPD um viel ging.

Weil der wahrscheinliche Kandidat die Auskunft verweigert, muss man seiner Schnellreifung zum Vollblutpolitiker nachspüren, wo sie sichtbar wird – etwa auf dem Sommerfest der Brandenburger SPD in Potsdam am vergangenen Wochenende. Rund 2000 Gäste und SPD-Mitglieder unter grauen Regenwolken johlen und klatschen, als von der Bühne „unser Außenminister“ angekündigt wird.

Der Duft von Bratwürsten, Schweinenackensteak und Bierdunst liegt zwar noch in der Luft, doch der Andrang an den Buden lässt schlagartig nach, als Steinmeier mit Schwung hinter das rote Rednerpult tritt. Mit dem so überaus vernünftigen Außenminister, der derzeit zum Beispiel im Konflikt zwischen Georgien und Russland vermittelt, scheint der Wahlkämpfer nur noch die äußere Gestalt gemein zu haben: Als ob jemand ein Pressluftventil aufgedreht hätte, dröhnt der Sozialdemokrat seine Sätze ins Publikum. Dabei erinnert nicht nur das kraftvolle Brüllen, sondern auch die Rhetorik an Gerhard Schröder. Etwa, wenn Steinmeier eine Frage stellt, die keine ist: „Wer, wenn nicht wir, soll das dringend nötige Bündnis für sozialen Zusammenhalt schließen?“

Der Auftritt wirkt sehr kämpferisch, strapaziert aber hörbar die Stimmbänder. Pausen zum Lachen oder nachdenklichere Passagen, die ihm dann wieder die Chance zur Modulation der Stimme und zum Anziehen des Tempos geben würden, hat Steinmeier kaum eingebaut. Deutlich aber ist: Er, dem jede Überwältigungsrhetorik eigentlich fremd ist, übt gerade eine Form von Kommunikation, die nicht nur auf Argumente setzt.

Die Brandenburger Sozialdemokraten jedenfalls sind begeistert. Und manchen fällt auch auf, dass Steinmeier an seinen rhetorischen Fähigkeiten gearbeitet hat, seit er beim Sommerfest vor einem Jahr seine erste Rede als neues Mitglied des Landesverbandes hielt, für den er den Wahlkreis 60 (Brandenburg an der Havel, Potsdam-Mittelmark I, Havelland III, Teltow-Fläming I) gewinnen will. „Er wird immer lockerer, man könnte auch sagen: volkstümlicher“, meint etwa der Bundestagsabgeordnete Peter Danckert, der ihn schon lange kennt. Auch im Willy-Brandt-Haus wird übrigens genau registriert, dass Steinmeier bei seinen öffentlichen Auftritten immer besser wird.

Nach der Rede zieht es Steinmeier gemeinsam mit Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck unter die Menschen, die keine Distanz erkennen lassen: Sehr leutselig geht es zu mit dem Vizekanzler und seinen Sozialdemokraten, es wird viel fotografiert, viel gescherzt und viel gelacht. Fast wünscht man dem Außenminister eine Art Schulterleder auf den Anzug, so viele Hände wollen ihn anfassen oder ermutigend beklopfen. Mit breitem Grinsen lässt der’s geschehen und klopft zurück.

Übrigens: Angela Merkel kommt in der Rede in Potsdam mit keinem Wort vor. Aber wo so vieles im Fluss ist, könnte sich auch das noch ändern bei Auftritten Steinmeiers in den kommenden Monaten.

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