Zeitung Heute : Stell dir vor, am Sonntag ist Wahl

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Lieber P.,

wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, dann wärest Du ganz schön angeschmiert – wir alle eigentlich. Weil wir gar nicht wüssten, was tun.

Schwarz-Gelb bekäme die Mehrheit mit zusammen 49 Prozent, sagen die Demoskopen. Aber sie sagen auch, dass nur ungefähr ein Viertel von uns allen glaubt, eine Regierung unter der Führung der CDU/CSU würde eine bessere Politik machen als die jetzige rot-grüne. Und sie sagen, mehr als die Hälfte von uns Wählern zöge den amtierenden Kanzler Schröder dem Kanzlerkandidaten Stoiber vor (vom Kanzlerkandidaten Westerwelle gar nicht zu reden). Schließlich sagen sie, dass 82 Prozent von uns den Wahlausgang noch für völlig offen halten.

Stell Dir bitte vor, nächsten Sonntag wäre wirklich die Wahl (und nicht erst in 16 Wochen) und Du müsstest Dich, wie die meisten von uns, jetzt binnen sechs Tagen entscheiden, wen Du wählen wirst. Du hättest keine Bedenkzeit mehr. Was würdest Du da machen? Würdest Du Dir noch mal die Kassette mit Edmund Stoiber und seiner Frau bei Johannes B. Kerner vorspielen (oder war es bei Beckmann?) und Dir vielleicht sagen: Ja, warum nicht? Er war doch ganz gut, entspannt und locker, und hat ganz freimütig eingeräumt, bei Christiansen seinerzeit eher nicht so besonders gut gewesen zu sein. Du könntest Dir auch erzählen lassen (leider habe ich davon keine Kassette), wie nett und schlagfertig es zuging, als Gerhard Schröder und Peter Ustinov neulich zusammentrafen. Wie Sir Peter sagte, gottlob sei er kein Politiker, weil es anstrengend sei, immer Recht zu haben; und Gerhard antwortete, tatsächlich sei es anstrengend, immer Recht zu haben, aber nie zu bekommen.

Oder ich könnte Dir die Aufnahme von Guido Westerwelle vorspielen, wie er, ohne rot zu werden, das Papier vorstellt, in dem sich die FDP gemäß einstimmigem Vorstandsbeschluss (mit der Stimme Jürgen Möllemanns) den Charakter einer Toleranzpartei bescheinigt.

Wir wären in der unkomfortablen Lage, uns bereits jetzt das ganze Bild machen zu müssen, was zweifellos zur Folge hätte, dass ungerechte Beurteilungen nicht zu vermeiden wären. Beispielsweise hätte unser Wirtschaftsminister nicht mehr genügend Zeit, uns zu erklären, dass die Wirtschafts- und Finanzpolitik der verstrichenen vier Jahre deutlich erfolgreicher war (und in den nächsten vier Jahren noch erfolgreicher werden wird) als die Politik der Vorgängerregierung. Oder Renate Künast könnte uns gar nicht mehr plausibel machen, dass der Futtermittelskandal ein abgekartetes kriminelles Spiel gegen ihre Bio-Politik war. Dass die Überschuldung der Bundesländer nicht Schuld des Bundesfinanzministers sei – wie sollte Hans Eichel das in sechs Tagen überzeugend dartun?

Andererseits müsste Edmund Stoiber nicht mehr erklären, mit wessen Geld er die Senkung des Spitzensteuersatzes, der Staatsquote und der Lohnnebenkosten auf jeweils unter 40 Prozent bezahlen würde. Und den Kanzlerkandidaten Westerwelle müssten wir nehmen, wie er sich hier und jetzt darbietet: als einen, der aus Mangel an Zeit es leider nicht mehr rechtzeitig vor der Wahl geschafft hat, seinen Stellvertreter in die Schranken zu weisen; weshalb das klärende Gespräch mit dem Zentralrat der Juden eben erst nach der Wahl stattfinden könnte – was ohnehin vernünftiger wäre, weil sich dann die jüdischen und die antisemitischen Gemüter wieder beruhigt haben sollten.

Wüsstest Du jetzt, was Du nächsten Sonntag wählen würdest? Wahrscheinlich nicht. Also stell Dir einfach vor, ich hätte Dir vor vier Monaten geschrieben und Dir die Frage gestellt, was Du wählen würdest, wenn am darauffolgenden Sonntag Bundestagswahl wäre. Du wirst feststellen, dass das nicht geht. Du kannst Dir das nicht vorstellen; weil Du Dir eine Entscheidung ohne die Möllemann-Affäre, den JBK-Stoiber, die Kanzlerkandidatur Westerwelles oder die gestrige Schröder-Rede einfach nicht vorstellen kannst.

Und jetzt stell Dir vor, was noch alles passieren und Deine Entscheidung beeinflussen kann, bis tatsächlich gewählt wird! War es insoweit nicht weise, den Wahltermin erst auf den 22. September zu legen? Gewiss werden die Dinge sich bis dahin klären.

Es grüßt Dich Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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