Zeitung Heute : Stell Dir vor, Du fährst in die Fremde, und Dein Fernseher bleibt zu Hause (Glosse)

Henryk M. Broder

Von allen Strapazen, die das Jahr zu bieten hat, einschließlich Sommerschlussverkauf, Weihnachten und Laubhüttenfest, ist der Urlaub die schlimmste Tortur. Eine Art kollektiver Wahn, der sich nur verbreiten kann, weil die Menschen monatelang mit Geschichten über Urlaubsabenteuer auf Mallorca, Ibiza und Sylt gefüttert worden sind und glauben, sie würden was verpassen, wenn sie nicht mitmachen.

Ballermann ist überall, die Fernsehsender und Reiseunternehmen gehen ein Joint Venture ein, um die Botschaft der Saison in alle Heime zu tragen: Wegfahren, was erleben, ist Pflicht. Früher fuhr man in die Sommerfrische um die Ecke, heute gleicht der Urlaub einer Expedition. Meine Nachbarn haben schon eine Woche vor dem Tag X angefangen, ihren Kombi zu beladen, jedesmal, wenn ich an deren Haus vorbeifuhr, stand ein Fahrrad mehr auf dem Dach des Passat. Dann waren sie weg, und als sie wieder kamen, brauchten sie eine Woche, um das Auto zu entladen und sich daheim wieder zurechtzufinden. Denn zwei Wochen Urlaub bedeuten mindestens vier Wochen Stress. Sonst hat es sich nicht gelohnt.

Wir hatten uns für die Luxuslösung entschieden. Ein Häuschen auf einer Insel, die so klein ist, dass der Flughafen nicht mal einen Namen hat, "370 Meter vom Strand entfernt"; die 370 Meter stimmten bis auf den Zentimeter, es war nur die Luftlinie. Der wirkliche Weg führte im Zickzack über eine Höhendifferenz von ebenso vielen Metern. Runter war es ein Vergnügen, rauf eine alpine Übung. Der Strand selbst war etwa halb so breit wie der Bürgersteig vor dem Cafe Bleibtreu, grade breit genug für zwei Reihen von Liegestühlen. Aber Gottseidank gab es nebenan einen "Geheimstrand", ein paar Felsen, ohne Liegestühle, ohne Schatten, ohne Gnade. Urlaub à la Gulag. Ich fuhr meine Lieben hin, holte sie nach ein paar Stunden ab und zog mir unterwegs die neidischen Blicke der anderen Väter zu. Die waren immerzu mit irgendwas beschäftigt, sie pumpten Luftmatratzen auf oder sie hielten Sonnenschirme fest, unter denen ihre Frauen und Kinder vergeblich ein Plätzchen im Schatten suchten. ich habe auf der Insel keinen einzigen Lastesel gesehen, dafür aber zahllose Väter, die einander zu überbieten versuchten, als wollten sie bei "Wetten, dass . . . " eine Saalwette gewinne.

Wer schafft es, mehr Strand- und Kühltaschen, Luftmatratzen und Sonnenschirme, Schlauchboote und Klapptische zu schleppen ohne zu kollabieren? Einmal rauf und einmal runter. Vielleicht waren es aber nicht alles Väter im Dienst sondern auch ein paar Gefangene von einer nahegelegenen Sträflingsinsel auf Freigang, die durch Arbeitseinsatz ihre Strafe verkürzen wollten.

Ich hingegen fühlte jedesmal, wenn ich am Hotel zum Schwarzen Hahn vorbeifuhr, einen heftigen Anflug von Neid. Haben die es gut! Zimmerservice, jeden Tag frische Handtücher, frische Wäsche, sie werden morgens, mittags und abends bedient und haben sogar eine Satellitenschüssel auf dem Dach! Fernsehen! Richtiges Fernsehen, nicht der Dreck, der in Italien als Fernsehen gilt.

Zwei Wochen ohne Fernsehen ist für einen TV-Junkie eine schwere Strecke. Enthaltsamkeit mag unter anderen Umständen die Lust steigern, in meinem Falle führte sie zu Halluzinationen. Punkt 18 Uhr hörte ich, sonst vollkommen unmusikalisch und nicht imstande, den Sechs-Tage-Walzer zu pfeifen, die Einleitungsmusik zu "Al Bundy"; am Montagabend gegen Viertel nach zehn tauchte Stefan Raab vor unserem Häuschen auf und begrüßte mich ganz persönlich zu "TV total"; dass ich hinterher nicht mit "Seinfeld" wegging, lag nur daran, dass ich nach Mitternacht längst eingeschlafen war, völlig erschöpft vom ganztätigen Nichtstun.

Ich vermißte sogar Sendungen, die ich sonst nur sehe, um mich hinterher aufzuregen und nach Zensur zu schreien. Hatte ich mich jemals über Hans Meiser lustig gemacht, nur weil er am selben Tag wie ich geboren wurde, aber mindestens zehn Jahre älter aussieht? Oder Arabella jemals einen Schokoriegel mit Sprechfehler genannt? Ich entschuldige mich in aller Form! Es tut mir auch leid, dass mir bei Nicole immer nur frauenfeindliche Witze über Jungen, die wie Mädchen aussehen, einfallen, dass ich Bärbels superenge Blusen extrageil finde, obwohl sie sich als Journalistin mit sozialpädagogischem Auftrag versteht; und ich werde nie wieder verbreiten, Andreas Türck kauft seine Hemden bei "Rudis Reste Rampe" und lässt sich von Hella von Sinnen die Frisur gestalten.

Zwei Wochen ohne Fernsehen haben mich resozialisiert. Ich bin dankbar für alles und werde mir am Sonntag sogar "Naddel" bei "Peep" ansehen, nachdem ich ihr Porträt "Jetzt komme ich!" letzten Dienstag verpasst habe. Die drauffolgende Dokumentation hieß "Das Unfaßbare", und weiter ging es mit der Reportage über "Strandurlaub in Deutschland".

Der Sommer ist noch nicht vorbei. Es macht nichts, Hauptsache, ich bin wieder daheim und kann fernsehen.

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