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Nils-Viktor Sorge

Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat es endgültig abgelehnt, den Vorstandsvorsitz von Siemens zu übernehmen. Wie sehr schadet dem Konzern das Machtvakuum an der Spitze?


Auf der Suche nach einem neuen Vorstandschef für Siemens kommt Aufsichtsratsboss Gerhard Cromme nicht recht voran, dabei hat er einiges anzubieten: Ein geräumiges Büro im rosafarbenen Palais Ludwig Ferdinand im Herzen Münchens, eine jährliche Vergütung, die sich wohl an den 3,6 Millionen Euro des nur noch bis September amtierenden Konzernchefs Klaus Kleinfeld orientiert und nicht zuletzt Macht über einen weltweit führenden Technologiekonzern.

Trotzdem bekam Cromme am Montag eine Absage, die ihn schmerzen dürfte: Der Vorstandschef des Gas-Spezialisten Linde, Wolfgang Reitzle, bleibt lieber da, wo er ist. „Ich stehe nicht für eine Position außerhalb der Linde AG zur Verfügung, ich werde Vorstandsvorsitzender dieses erfolgreichen Unternehmens bleiben“, schrieb Reitzle am Montagmittag in einer Mail an seine Linde-Mitarbeiter.

Während in der Korruptionsaffäre um Schmiergelder für Aufträge – die den Konzern noch einige Zeit beschäftigen wird – gerade die ersten Gerichtsurteile gefällt worden sind, fehlt dem Unternehmen weiterhin das Personal für einen Neuanfang. Anleger werfen Cromme und seinen Aufsichtsratskollegen Josef Ackermann und Henning Schulte-Noelle vor, Vorstandschef Klaus Kleinfeld voreilig das Vertrauen entzogen zu haben, ohne einen Nachfolger präsentieren zu können. Zumal Kleinfeld hervorragende Geschäftsergebnisse erzielt hatte. „Das ist eine für den Konzern unwürdige Situation“, sagt Analyst Theo Kitz von der Privatbank Merck Finck.

Nun steht Cromme – als Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission so etwas wie der Saubermann der deutschen Wirtschaft – immer stärker unter Zugzwang. In der Vorstandsetage kehrt er mit eisernem Besen, doch die Siemens-Sparten sind deshalb auf manchen Feldern handlungsunfähig. Akquisitionen, große Investitionen und Sachausgaben müssen die Bereichsvorstände mit der Zentrale abstimmen, und in der weiß niemand so recht wie lange er überhaupt noch auf seinem jetzigen Posten ist. „Die Hängepartie ist belastend“, sagt Analyst Falk Reimann von der Landesbank Baden-Württemberg.

Zugute kommt Siemens immerhin, dass das Führungschaos in die Zeit nach der großen Umstrukturierung fällt, in der Klaus Kleinfeld unter anderem die Problemsparte Telekommunikation abstieß. Kraftwerke und Straßenbahnen von Siemens sind wegen der hervorragenden Weltkonjunktur gefragt, und eine grundlegende Neuausrichtung des Konzerns scheint für den mittelfristigen Geschäftserfolg nicht nötig.

Wie groß der Druck auf den ehemaligen Thyssen-Krupp-Chef Cromme dennoch ist, zeigen auch die Meldungen, dass er zurzeit offenbar in London um das Vertrauen der Investoren wirbt. Auch wenn Siemens das nicht kommentieren wollte, so ist Crommes Vorgehen für einen Aufsichtsratschef ungewöhnlich. Aber nach der Absage von Wolfgang Reitzle rückt er selbst wieder verstärkt als Kandidat für den Chefsessel bei Siemens ins Rampenlicht – zumindest für den Übergang. mit HB

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