Zeitung Heute : Stellt euch vor, ihr wärt Wassermoleküle

Der Tagesspiegel

Von Paul Janositz

Das „fliegende Klassenzimmer" ist zumindest für Liebhaber alter Filme ein Begriff, unter „bewegtem Unterricht" können sich dagegen selbst Eltern mit Schulkindern kaum etwas vorstellen. Doch zumindest bei einigen engagierten Lehrern bewegt sich inzwischen viel im Unterricht; sie bringen stillsitzende Schüler in Trab.

Neugierige Eltern könnten bei einem Unterrichtsbesuch etwa in der neunten Klasse folgendes sehen: Kaugummi kauende Schüler lümmeln auf der Stuhlkante, strecken die Beine von sich. Andere sitzen verkehrt herum, mit der Lehne nach vorne, manche wippen auf Gymnastikbällen. Schüler, die zu lange in unveränderter Position sitzen, werden vom Lehrer ermuntert, sich zu rühren, aufzustehen oder auch mal auf dem Stuhl zu knien. Wer auf die Toilette muss, verlässt, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen, das Klassenzimmer. Ab und zu schlendert einer der Neuntklässler nach vorne an den Lehrertisch, schlägt ein Lexikon auf und notiert sich etwas.

Im Fußboden graben

Auch der Lehrer ist viel im Klassenzimmer unterwegs, während er beispielsweise vom 30-jährigen Krieg erzählt. Er spricht von der Belagerung einer Burg, vom Hunger in den Dörfern, vom Wüten der Pest. Dann bittet er die Klasse, die damaligen Ereignisse szenisch darzustellen. Die Schüler sind mit Eifer dabei, spielen Kämpfende und Sterbende, „graben" hungrig im Fußboden nach Essbarem und isolieren ängstlich die Pestkranken in der Ecke. Über dem Spiel klingelt es zur Pause. „Ihr braucht Bewegung", sagt der Lehrer. Obwohl die Pause nur kurz ist, fordert er die Schüler auf, in den Schulhof zu gehen, der mit Kletterwand und Ringen zu Aktionen einlädt.

Später steht Chemie auf dem Lehrplan. Speziell geht es um die Elektrolyse von Wasser. In der letzten Stunde hatten die Schüler einen Versuch im Wasserzersetzungsgerät durchgeführt, heute soll das Experiment ausgewertet werden. Der Unterricht beginnt mit einer Atemübung. „Setze dich auf den vorderen Teil des Stuhles, so dass dein Rücken die Lehne nicht mehr berührt", beginnt die Lehrerin. Die Schüler richten den Rücken gerade, schließen die Augen, legen die Hände oberhalb und unterhalb des Nabels flach auf den Bauch. „Spüre deinen Atem", sagt die Lehrerin. Die Klasse atmet ruhig und hört nach etwa drei Minuten die Worte: „Du bist nun ruhiger und gelassener geworden." Alle recken sich, einige gähnen und seufzen, bevor die Lehrerin die Übung beendet.

Gelb bedeutet Sauerstoff

Dann setzen die Schüler farbige Mützen auf: Gelb bedeutet Sauerstoff, Grün Wasserstoff. Jeweils ein Gelbmützler fasst zwei grün Bemützte an den Händen. „Stellt euch vor, ihr wärt Wassermoleküle", sagt die Lehrerin. Die Trios bewegen sich im Klassenzimmer, das ein Elektrolysegerät symbolisiert. Die Lehrerin signalisiert den Beginn der Elektrolyse, indem sie die Arme hebt. Der Strom fließt und zerlegt die Wassermoleküle in Wasserstoff- und Sauerstoffatome. An der Anode, die auf der Wandtafel mit einem großen Plus markiert ist, und an der Kathode, die an der gegenüberliegenden Wand mit einem großen Minus gekennzeichnet ist, sammeln sich Gelb- beziehungsweise Grünmützen. Die Schüler bilden Hände haltend Zweiergruppen, um die Bindung in den aus jeweils zwei Atomen bestehenden gasförmigen Molekülen zu demonstrieren. Das lehrreiche Spiel macht den Schülern sichtlich Spaß.

Zwar sind es erst wenige Schulen, die nicht Stillsitzen sondern Bewegung im Unterricht fördern. Doch die Zahl hat in den letzten Jahren zugenommen. In Baden-Württemberg hat sich das Ministerium an die Spitze der Bewegung gesetzt. Kultusministerin Annette Schavan initiierte ein Projekt, das 200 Minuten pro Woche für Sportunterricht und Bewegungspausen reserviert. Sechs Schulen erprobten zwei Jahre lang das Modell. Der Test war erfolgreich. Nun soll das Modell auf hundert Schulen erweitert werden.

Dass soviel Interesse an Mobilität besteht, ist auch Aktivisten zu verdanken, die sich beim Oberschulamt Stuttgart in Projektgruppen zusammengefunden haben. „Die Lehrer progagieren die Idee in den Schulen und bei der Referendarausbildung", sagt Regierungsdirektor Manfred Bizer. Die Resonanz sei bei bei den Referendaren sehr gut, aber auch etablierte Lehrer reagierten meist aufgeschlossen.

Zu den Aktivisten gehört auch Franz Platz, Erdkunde- und Sportlehrer des Paracelsus-Gymnasiums in Stuttgart-Hohenheim, der mit Kollegen auch konkrete Beispiele für den Unterricht erarbeitet hat. Motto ist ein Spruch von Konfuzius: „Erzähl uns etwas und ich vergesse es, zeig mir etwas und ich erinnere mich nicht, lasse es mich tun und ich verstehe".

Test auf dem Fahrrad

Die alte chinesische Weisheit wird durch moderne Forschung bestätigt. Körperliche Aktivität erhöht bekanntlich die Durchblutung im Gehirn. Das wirkt sich positiv auf geistige Leistungen, Gedächtnis und Konzentrationsvermögen aus. „Wer sich bewegt, lernt effektiver, als wer still sitzt", sagt Siegfried Lehrl. Der Psychologe von der Universität Erlangen untermauert diese Erkenntnis mit Experimenten. Als er Probanden auf dem Fahrradergometer strampeln ließ, stellte sich heraus, dass die geistige Fitness sogar in Phasen großer körperlicher Anstrengung um 20 Prozent höher war als in den Pausen vor und nach dem Rad fahren.

Am intensivsten wirkt sich - so der Wissenschaftler - Bewegung im Kiefer- und Kehlkopfbereich aus. Das hänge vermutlich damit zusammen, dass die Vorgänge Sprechen und Denken im Gehirn in enger Beziehung stehen. „Den positiven Einfluss der Bewegung kannten schon die griechischen Philosophen, die mit ihren Schülern durch den Park wanderten", erklärt Lehrl.

Mit Kaugummi kauen und Spazierengehen geben sich die acht Lehrer der Arbeitsgruppe schon lange nicht mehr zufrieden. In einer „Ideensammlung" machen sie eine Fülle von Vorschlägen, wie Lernen mit Bewegung im Unterricht verbunden werden kann. Die in dem dicken Papier gesammelten Bewegungs- und Fitness- aber auch Entspannungs- und Stille-übungen können auch Erwachsene nützen, die zuviel an Schreibtisch und vor Fernseher oder Computer sitzen.

Die fantasievollen Vorschläge, um Unterricht in Fremdsprachen, Mathematik oder Naturwissenschaften in Bewegung zu bringen, sollten möglichst viele Lehrer möglichst schnell umsetzen. Denn die Erfahrung zeigt, Lernen und Stillsitzen, ist für viele Kinder unvereinbar. Dennoch wird Bewegung im Unterricht in der Regel als störend und schädlich für die Konzentration abgesehen.

Sitzen ist jedoch laut Oberstudienrat Platz - „die ungünstigste Haltung für die Wirbelsäule". Über ein Drittel der Schulkinder habe Haltungsschäden, rund 60 Prozent klagten häufig über Rücken-, Nacken- und Kopfbeschwerden, die die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit im Unterricht beeinträchtigten. Zudem bewegen sich Kinder heute auch in der Freizeit zu wenig. Sie verbringen zu viel Zeit vor Fernsehen und Computer. „Eine wöchentliche Fernsehzeit von 40 Stunden ist gar nicht so selten", sagt Platz.

In mangelnder körperlicher Aktivität sehen Experten eine der wichtigsten Ursachen für auffälliges Verhalten, gestörte Wahrnehmung sowie Haltungsschäden vieler Kinder. Bewegung dagegen - so heißt es in der „Ideensammlung" - „ist für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung unentbehrlich, sie verbessert das Lernen, macht den Unterricht effektiver und schülergerechter".

Auch in Berlin gibt es Ansätze, die Bewegung der Schüler zu fördern. An der Freien Universität versucht die „Arbeitsgemeinschaft Berlinbewegt“ mit zahlreichen Kooperationspartnern, „Spiel- und Bewegungsräume für Kinder und Jugendliche in Berlin zu sichern und wiederzubeleben“. Unter anderem wurden Schulhöfe umgestaltet und mit mobilen Spiel- und Sportgeräten für Behinderte und Nicht-Behinderte ausgestattet.

Weiteres im Internet:

http://www.berlinbewegt.de/

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