Zeitung Heute : Sterben für höhere Werte

Das Christentum beansprucht das Urheberrecht auf die Figur des Märtyrers

Sigrid Weigel

Als Jassir Arafat von seinen Anhängern als Märtyrer betrauert wurde, obwohl er im Krankenbett gestorben war, rief das hierzulande Befremden hervor. Ähnlich sind die Irritationen über die Verehrung von Selbstmordattentätern als Märtyrer, deren Porträts auf Straßenplakaten ausgestellt und von einer erregten Menge beklagt werden. Unvorstellbar scheint es, was die „lebenden Bomben“ mit Märtyrern zu tun haben sollen. Denn Bilder von Märtyrern kennt man vor allem aus Museen und Kirchen.

Mancher mag auch an Mahnmale denken, mit denen Widerstandskämpfern als „Märtyrer der Freiheit“ gedacht wird. Immer jedenfalls sind es Opfer, die das Leben für ihren Glauben, für eine Idee oder für die Gemeinschaft gelassen haben. All das scheint einem längst vergangenen Zeitalter anzugehören. Infolge dessen gelten Märtyrer gerne als Zeichen der Rückständigkeit anderer Kulturen.

In den Akteuren der Märtyrer-Operationen, die auf den internationalen Krisenschauplätzen auftauchen, begegnen den europäischen Zuschauern aber Wiedergänger der eigenen Kulturgeschichte. Das sind Untote, die aus dem Grab mit verändertem Aussehen zurückkehren. Mit den Märtyrern ist es wie mit Denkmälern, von denen Robert Musil einmal sagte, sie seien so sehr verbreitet, dass man sie nicht mehr wahrnimmt.

Und die Rede vom Opfer ist so sehr in die Alltagskultur übergegangen, dass ihre Herkunft nicht mehr bemerkt wird — als spätes Echo jener Verzichtsidee, zu der die bürgerliche, säkularisierte Gesellschaft die Figur des Opfers profaniert hat. Keine politische Verhandlung auf internationalem Parkett, in der nicht vom Opfer um einer großen Sache willen die Rede ist. Die Renaissance einer emphatischen und ausdrücklichen Märtyrerverehrung anderswo ist auch deshalb ernstzunehmen, weil die Figur des Märtyrers einen Schlüssel zum Verhältnis der drei monotheistischen Religionen darstellt, einschließlich des Gegensatzes von Orient und Okzident. Das Christentum beansprucht das Urheberrecht auf die Figur des Märtyrers: nicht nur mit der Gestalt der Passion Christi, dessen Tod als „Sühneopfer“ für die Menschen gedeutet wird, sondern auch mit jenen „Blutzeugen“, die in den Arenen Roms lieber den Tod hinnahmen, als ihrem Bekenntnis abzuschwören. Noch heute gelten sie der Theologie als Maßstab jeglichen Märtyrertums. Denn mit dem Auftritt derjenigen, die mit ihrem Blut den Opfertod Christi bezeugen, war historisch jene Bedeutungsverschiebung abgeschlossen, in der aus dem Wort martys, griechisch für Zeuge, die Bezeichnung für den Märtyrer im heutigen Sinne geworden ist.

Tatsächlich aber war das Phänomen eines Sterbens, das als Opfer für einen höheren Wert gilt, nicht gänzlich neu: In der Antike galt der heroische Tod im Kampf ebenso wie die Selbsttötung als eine Form des noblen Todes. In seiner Trostschrift „An die Märtyer“ aus dem Jahre 202 erinnert der Kirchenlehrer Tertullian die Christen unter anderem an die Selbsttötung der Lucretia „um ihrer Keuschheit willen“. Brutus soll bei ihrem Blut den Schwur zum Umsturz des Kaiserreichs geleistet haben. Auch die jüdische Tradition berichtet von Selbsttötungen in Zeiten der Tyrannis: als sich die Makkabäer unter der Fremdherrschaft des Antiochus selbst töteten, um nicht gegen ihre Religionsgesetze zu verstoßen.

Was demgegenüber mit dem Christentum entstanden ist, ist eine Kultur der Nachahmung und der Ansteckung. Da die „Passion Christi“ als Ur- und Vorbild eines geheiligten Opfers zugleich gilt, setzt sie eine Kette der Imitatio in Gang: eine Kultur von Leiden und Mitleid und schließlich deren Verwandlung in Leidenschaften. Angesichts der freudigen Haltung, mit der viele der ersten Christen in den Tod gingen, spricht die Geschichtsschreibung vom Phänomen einer geradezu epidemischen Märtyrerbegeisterung im zweiten bis vierten Jahrhundert.

Überall, wo Märtyrer auftreten, sind Erregungen im Spiel. Und wo ein Märtyrer auftritt, da gibt es bald viele. So wird der Märtyrer zum Medium einer rituellen Reproduktion von Opfern, die mit dem Eintritt in eine höhere Sphäre versprochen wird. Dies setzt die Idee eines Jenseits voraus. So ging auch die Erscheinung des Märtyrers in der arabischen Kultur mit der Einführung einer Jenseitsvorstellung einher. In der Konstitutionsphase des Islam im 7. Jahrhundert ist der Märtyrer (shahid) von Anbeginn als Kämpfer im „heiligen Kampf“ (jihad) aufgetreten. In der christlichen Tradition hat die Verwandlung des Opfers in einen Krieger im Zusammenhang der Kreuzzüge um die Eroberung des Heiligen Landes stattgefunden.

Der heutige Märtyrer verwandelt das Erleiden in einen Tod mit höherem Sinn. Wo sich für Menschen das irdische Leben als entwertet darstellt, wird offenkundig eine vollständige Negation des Irdischen attraktiv, mit der das Sterben in einen geheiligten Tod umgemünzt wird. Sigrid Weigel

Die Autorin ist Professorin am Literaturwissenschaftlichen Institut der TU und Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Sie hat soeben das Buch herausgegeben: „Märtyrer-Porträts. Von Opfertod, Blutzeugen und Heiligen Kriegern“, erschienen im Fink Verlag.

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