Zeitung Heute : Sterben in Etappen

Marco Pantani, der Pirat, Idol des italienischen Radsports, ist tot: Am Samstag wurde er in seinem Hotel gefunden, die Todesursache ist noch unklar

Vincenzo Delle Donne

Marco Pantani ist gestorben, wie er sich in den letzten Jahren gefühlt hat – allein und verlassen. Allein gelassen auch von seiner dänischen Freundin Christine, von der er sich schon unzählige Male getrennt hat, aber auch immer wieder versöhnt. Er hatte sie in Cesenatico kennen gelernt, und Jahre lang arbeitete sie dort auch in einem Kiosk, den Pantanis Mutter und seine Schwester Manola betreiben.

Eigentlich hatte Pantani in dem Dreisternehotel „Le Rose“ in Rimini, wo ihn der Portier am Samstag tot auf dem Boden seines Zimmers fand, nur ein paar Tage allein sein wollen. Nur wenige Kilometer vom heimischen Cesenatico entfernt wollte der 34-Jährige am Strand etwas ausspannen. Der Tod trat nach Angaben der Ärzte um 17 Uhr ein. Ob es sich um Selbstmord handelt, lässt sich noch nicht sagen. Fest steht, dass der Leichnam keine Gewaltanwendung aufwies. Aber die Polizei fand in dem Zimmer etliche Packungen von Beruhigungsmitteln. Von anderen Drogen, deren Einnahme Pantani in der Vergangenheit eingestanden hatte, fand sich laut Staatsanwalt Paolo Gengarelli im Zimmer keine Spur. Die Autopsie wird heute Klarheit bringen.

Pantanis Tod, der in Italien eine Welle der Betroffenheit auslöste, war ein Sterben auf Raten. Er wurde dort wie ein Radsportgott verehrt, doch seit einiger Zeit fühlte er sich allein gelassen. Sein Mercatone-Uno-Team wusste um seine Fragilität und hatte ihm deshalb einen Stab von Betreuern zur Seite gestellt, um ihn vor sich selbst zu schützen. Doch das nützte nichts, kaum war Pantani, der auch „der Pirat“ genannt wurde, wieder in seiner alten Umgebung in Cesenatico, inmitten seines verrufenen Freundeskreises, wurden sämtliche Zukunftspläne hinfällig. Sein Hang zum exzessiven Nachtleben war stärker als sein Wille zum Comeback. Noch vor wenigen Tagen hatte er einer Freundin anvertraut: „Mir geht es elendig!“ Er fühlte sich vom Pech verfolgt, wähnte sich als Opfer, weil nur er für etwas bezahlen müsse, was gängige Praxis ist. „Doping ist ein ethisches Problem“, sagte er, „es ist so, als wolle man alle dazu bringen, Steuern zu zahlen, obwohl alle Steuern hinterziehen.“ Der Bergspezialist scheiterte regelmäßig an den Anhöhen seines Lebens. Aussagen, die er einst unbedacht machte, erhalten nun beinahe prophetische Qualität. Als er auf die Gründe für seine unnachahmliche Kletterkunst angesprochen wurde, entgegnete das Leichtgewicht mit einer Natürlichkeit, die sprachlos macht: „Ich gehe in den Bergen aus dem Sattel, um den Todeskampf kürzer zu machen!“

Für die Radsportfans war und blieb Pantani trotz aller Höhen und Tiefen ein Held. Nach Fausto Coppi hatte er 1998 das Double Giro d’Italia und Tour de France gewonnen. Seine Siege wurden dann aber vom Dopingskandal bei der Tour de France überschattet. Doch Pantani stellte sich als Saubermann hin, und eine gesamte Radsportnation nahm ihm das ab. Selbst Literaturnobelpreisträger Dario Fo, dessen Sommerhaus nur einen Steinwurf von Pantanis Edeldomizil liegt, verteidigte ihn: „Ich bin davon überzeugt, dass Pantani sauber gewonnen hat“, sagte Fo ganz im Sinne der Tifosi, der Fans, die skandierten: „Gott ist glatzköpfig!“

Als Profi hat Pantani insgesamt 38 Siege errungen. Ins Rampenlicht trat er 1994 beim Giro d’Italia, als er die Etappe von Lienz nach Meran gewann. Doch seine Karriere schien schon 1995 ein jähes Ende zu finden. Im Mai wurde er von einem Autofahrer angefahren und musste auf den Giro d’Italia verzichten. Im Oktober schließlich, beim Rennen Mailand-Turin, wurde er erneut Opfer eines Autounfalls und trug einen Schienbein- und Wadenbeinbruch davon. Die Ärzte weigerten sich zunächst, ihn zu operieren, weil sie einen zu hohen Hämatokritwert feststellten. Es war ein Indiz dafür, dass Pantani dopte. Doch das wurde vorerst vertuscht.

1999 kam schließlich der Anfang von Pantanis Ende. Bei der vorletzten Etappe des Giro d’Italia in Madonna di Campiglio wurde Pantani – in Führung liegend – wegen eines zu hohen Hämatokritwertes disqualifiziert. Jetzt wurde zudem der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guarriniello aktiv, der nicht nur die klinischen Akten des Turiner Krankenhauses beschlagnahmte, sondern auch die neuen Befunde anforderte. Die Anklage wegen Dopings und sportlichen Betrugs kam so ins Rollen. Weitere Beweise, dass er dopte, kamen aus dem Labor für Sportmedizin der Universität Ferrara, das Francesco Conconi leitet. Bei Durchsuchungen stießen die Ermittler auf Daten, die belegten, dass Pantanis Blutwerte schon seit 1994 Unregelmäßigkeiten aufwiesen. Effektiv wurde er für ein halbes Jahr gesperrt. Auch privat war seine Talfahrt kaum aufzuhalten. Er trieb sich in Lokalen herum, fuhr Luxuskarossen zu Schrott, nahm Drogen.

Beim letztjährigen Giro d’Italia schien es, als würde sein erneutes Comeback gelingen. Er gewann eine Bergetappe und belegte schließlich den 14. Rang im Gesamtklassement. Doch kurze Zeit später wurde er überraschend in eine Nervenklinik in Teolo nahe Padua eingeliefert, wo er wegen Depression und Drogenentzugs mehrere Wochen behandelt wurde. Felice Gimondi, der Pantanis Mercatone-Uno-Rennstall leitete und ihm in der Saison 2000/2001 zur Seite stand, kommentierte jetzt: „Er schien einen starken Charakter zu haben, aber in Wahrheit war er sehr sensibel.“

Pantani hatte immer wieder psychische Einbrüche, denen er mit der Flucht in Drogen und Psychopharmaka zu entfliehen suchte. Noch im September 2003 hatte er in einem Interview mit der „Voce di Romagna“ erklärt: „Die Radsportwelt ertrage ich nicht mehr!“ Sein Tod ist das Ende eines vierjährigen zermürbenden Kampfes, dessen Ausgang für Pantani selbst schon lange festzustehen schien. „Die Geschichte ist schon geschrieben worden“, sagte er resigniert über seine Dopingkarriere, „kein Urteil wird daran etwas ändern!“ Es war wie eine leise Ankündigung seines Todes.

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