Zeitung Heute : Sterben wie stolze Iraker

Vor 50 Jahren flohen viele Juden aus Bagdad nach Israel, 1991 trafen sie Saddams Raketen – dennoch fühlen sie sich der arabischen Welt verbunden

Richard Chaim Schneider

Damals, beim Golfkrieg 1991, hat ihn das israelische Fernsehen ins Studio eingeladen. Er sollte über seine Gefühle sprechen. Über seine Gefühle angesichts der Bomben auf Bagdad. Denn Sammy Michael, der erfolgreiche israelische Schriftsteller, ist in Bagdad geboren. Erst Ende der 40er Jahre kam er nach Israel, nachdem er als Kommunist lange Zeit im irakischen Gefängnis gesessen hatte. Und jetzt zeigten sie ihm im Fernsehstudio Aufnahmen von einer Brücke in Bagdad, die von amerikanischen Bomben zerstört war. „Mir kamen die Tränen“, sagt der große, schlanke Mann in den Siebzigern, „das war meine Brücke! Über die ich täglich gegangen bin, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Mädchen geküsst habe.“ Wut auf Saddam Hussein habe er gehabt, aber auch Wut über die Zerstörungen, die Amerika anrichtete. Und Angst um die Söhne seiner muslimischen Freunde, die nach wie vor im Irak lebten. „Als man mir die kaputte Brücke zeigte, da fühlte ich mich wie ein Beduine, der sein Pferd verloren hat.“

Nun droht erneut Krieg. Und keiner weiß, ob Saddam wieder Scud-Raketen auf Israel abfeuern würde. Wieder macht sich Sammy Michael Sorgen um die Menschen in dem Land, in dem er aufgewachsen ist. Angst um sein eigenes Leben hat er nicht. Was aber wird er tun, wenn tatsächlich Scuds fliegen? „Dann werde ich das Gleiche tun wie 1991. Ich war bei meiner damals 92-jährigen Mutter in Ramat Gan. In der ersten Nacht erlebten wir drei Scud-Angriffe. Meine Mutter lief aufgeregt hin und her. Da sagte ich zu ihr: ‚Mama, wenn wir schon sterben müssen, dann lass uns wie stolze Iraker sterben.’ Sie verstand sofort: Wir setzten uns an den Küchentisch und tranken in aller Seelenruhe Tschaij, irakischen Tee. Meine Mutter lebt heute noch. Wir werden also wieder Tschaij trinken. Was sonst?“

Ramat Gan, der Vorort von Tel Aviv, wo Michaels Mutter lebt, ist nicht gerade das, was man ein vornehmes Viertel nennen würde. Im Volksmund wird er gerne „Ramat Bagdad“ genannt, von den rund 120000 Einwohnern waren einst 70 Prozent Iraker, heute sind es immerhin noch 35. Hierher kamen vor rund 50 Jahren die Juden aus Bagdad und anderen Städten. Warum ausgerechnet nach Ramat Gan, weiß so recht keiner. Auf alle Fälle sind sie immer noch da.

Menschen zweiter Klasse

Die Alten zumal. Einige haben es inzwischen zu Wohlstand gebracht. Im Gegensatz zu vielen anderen orientalischen Juden, den Sefarden, gehörten die Juden aus dem Irak zum gehobenen Bürgertum mit guter Ausbildung. Sie waren im Bankwesen, als Ärzte und Apotheker, als Lehrer und Anwälte, als erfolgreiche Geschäftsleute tätig. Gerade weil die europäischstämmige aschkenasische Elite des jungen zionistischen Staates sie in den 50er Jahren als Menschen zweiter Klasse betrachtete, kämpften sie sich hinauf bis auf die obersten Stufen des israelischen Establishments.

Die Bialikstraße ist die große Einkaufsstraße von Ramat Gan. Das Auffälligste an ihr sind die riesigen Feigenbäume, die aus der hässlichen Straße eine exotische Allee machen. Die Wipfel der Bäume sind hoch oben zusammengewachsen, so dass der Himmel nicht zu sehen und die Straße auch im Hochsommer noch schattig und kühl ist. Eng drängen sich hier die Geschäfte aneinander: kleine Imbissbuden, Klamottenläden, billige Juweliere, Schuhgeschäfte, Restaurants, Videotheken. Am großen Platz, der die Bialikstraße in ihrer Mitte teilt, befindet sich das schmucklose Rathaus. Hier wartet Nuri Murad. Er ist Mitglied des Stadtrates und ein bekannter Internist, der lange Jahre Hausarzt des jordanischen und ägyptischen Botschafters in Tel Aviv war. Mit ihnen konnte er sich in seiner Muttersprache unterhalten, sie schätzten ihn, da er ihre arabische Mentalität bestens kannte. Nuri Murad, in grauer Hose und kamelhaarfarbenem Sakko, ist 84 Jahre alt, und man sieht ihm die großbürgerliche Herkunft sofort an. Ein soignierter Herr, der neben Arabisch und Hebräisch fließend Englisch und auch ein wenig Französisch spricht. Wenn er über den Irak redet, glänzen seine Augen: „Es war wie im Traum. Mit unseren arabischen Nachbarn lebten wir in völliger Harmonie.“ Allein in Bagdad wohnten rund 90000 Juden, das entsprach damals 25 Prozent der Gesamtbevölkerung der Hauptstadt. Der Traum nahm ein jähes Ende in den 30er Jahren: Nach mehreren Militärputschen kam eine Regierung an die Macht, die offen mit den Nationalsozialisten sympathisierte. Baldur von Schirach und andere NS-Größen besuchten den Irak, nicht ohne Folgen. Juden wurden diskriminiert und verfolgt, 1941 kam es zu einem blutigen Pogrom. Das endgültige Aus bedeutete jedoch die Gründung des Staates Israel 1948: „Das war das Ende der Geschichte des irakischen Judentums“, sagt Nuri Murad, „wir sefardischen Juden mussten einen hohen Preis bezahlen für die Entstehung des jüdischen Staates: Wir verloren einfach alles.“ Die meisten „Iraker“ kamen 1951 nach Israel.

Ausgerechnet Ramat Gan wurde im Krieg von 1991 zum Hauptangriffsziel der 39 Scud-Raketen des Saddam Hussein. In Israel empfand man das als Ironie der Geschichte. Doch dahinter steckte nicht die Absicht, einstige irakische Bürger zu töten, Ziel der Angriffe war vielmehr das nahe liegende Verteidigungsministerium Israels, die Schaltstelle der stärksten Armee des Nahen Ostens. Ähnlich wie Sammy Michael bleibt auch Nuri Murad angesichts eines nun erneut drohenden Angriffs aus Bagdad gelassen. „Nun ja“, sagt er da nur, „da geht’s uns wie allen hier im Lande. Wir bereiten uns vor, Sie wissen schon: Gasmasken, abgedichtete Räume, Wasservorräte – und warten, was da kommen wird.“ Er seufzt, doch dann strafft er seinen Körper und wird ärgerlich: Die aschkenasischen Israelis hätten keine Ahnung, wie man mit den Arabern Frieden mache. „Es ist doch alles eine Frage der Sprache. Wir Sefardim können Arabisch, wir begreifen die Araber, wir sind wie sie!“ Wenn man die Sefardim nur machen ließe, dann wäre der Nahe Osten in kürzester Zeit befriedet, davon ist er überzeugt.

Geheime Kontakte

In der Tat: Die sefardischen Juden stehen den Arabern natürlich näher als die Juden aus Europa. Auch dem Irak war das bewusst. Immer wieder hat es deshalb geheime Kontakte zwischen der irakischen Führung unter Saddam und Israel gegeben. Selbst nach dem Golfkrieg, bis Mitte der 90er Jahre, hatte Saddam immer wieder versucht, via Israel seine Isolation zu durchbrechen, über Jerusalem den Weg nach Washington zu finden. Sein Angebot an Israel: billiges Öl, Handelsbeziehungen, sofortiger Friedensvertrag und eine Akzeptanz jeglicher Ergebnisse eines palästinensisch-israelischen Abkommens. Doch es waren immer wieder die USA, die eine Annäherung beider Staaten ablehnten.

So blieb es bei der unerbittlichen Feindschaft zwischen dem Irak und Israel. Und statt billiges Öl an Israel zu verkaufen, schickt Saddam nun an die Familien der palästinensischen Selbstmordattentäter pro Anschlag 25000 Dollar Belohnung. Und die irakischen Israelis werden wieder einmal warten und bangen müssen, ob ihr Ramat Gan, ob Israel erneut Ziel von Saddams Raketen wird, die diesmal auch nicht-konventionelle Sprengköpfe tragen könnten. „Dann allerdings“, sagt Nuri Murad, „wird in Bagdad kein Stein auf dem anderen bleiben.“ Und nun schwingt in seiner Stimme kein bisschen Nostalgie.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben