Zeitung Heute : Stets zu Diensten – der stumme Diener

Traditionelle Kleiderablagen in moderner Gestalt helfen Ordnung ins Chaos zu bringen

Nora Sobich

Schweigend steht er neben dem Bett, mit Garderobe behängt wie eine Vogelscheuche. Der „stumme Diener“ ist ein typisches Anti-Möbel und deswegen im Laufe der Zeit auch zunehmend von seinen Diensten frei gestellt worden. Stattdessen behilft man sich lieber mit provisorischen, aber nur wenig effektiven Notlösungen. Zur Nacht wird die getragene Kleidung über die Tür gehängt und zu allmählich wachsenden Bergen auf Stuhl- oder Sofalehnen aufgetürmt. Die Überfleißigen schaffen noch vor dem Träumen sortierende Ordnung. Aber wohin mit dem angetragenen Pullover, zurück zur frischen Wäsche in den Klei+derschrank?

Hilfe schafft hier das Berliner Designbüro „Adam und Harborth“, das in den vergangenen Jahren vor allem mit seiner Ausstellung „Helfershelfer“ bekannt wurde. Die beiden Designer entwarfen im vergangenen Jahr den Kleider-Diener „Blök“ auf vier Beinen ( designbuero@snafu.de , siebensachen@inter.net ). Anders als die meisten „stummen Diener“ erinnert „Blök“ an ein kleines Maultier oder an ein kopfloses Schaukelpferd, das im Inneren sozusagen ein trojanisches Fach für Tascheninhalte und Kleinkram hat. Die aus Industriefilz gefertigte Kleiderhilfe ist von einem so genannten „Coupon-Wagen“ inspiriert, wie er in großen Schneidereien zum Ablegen von Stoffen und Schnitten üblich ist. Auch die Rollen an den Beinen haben einen guten Sinn. Solchen Gebrauchtkleiderablagen ordne man schließlich ungern einen festen Platz im Raum zu, sagt Harborth.

Den Berliner Designern erklärt sich die bisherige Abseitigkeit des Möbels vor allem mit der Geschichte des Objekts. Es gehört im Grunde zu den längst aus unseren Haushalten verschwundenen Ankleidezimmern. Das konservative Image ist dem „stummen Diener“ aber nicht gut bekommen. Außerdem haftet ihm ein spießbürgerlicher und penibler Ordnungssinn an. Dass der „stumme Diener“ neuerdings wieder Fans und Hersteller findet, liegt nicht nur an seinem fast kultigen Anti-Charme, sondern vor allem an seiner unbestrittenen Praktikabilität.

Eine schöne „Ausziehhilfe“ bietet auch die Schweizerfirma Thut ( www.thut.ch ) an. Das zarte Modell aus Buchenholz (natur oder schwarz lackiert) taugt zum Abhängen von Damenröcken genauso wie für kantige Herren-Sakkos. Es lässt sich bei Bedarf wie ein dreibeiniger Notenständer auf- und zuklappen. Das spart Platz und verhindert, dass sich die Kleidung auf provisorisch eingerichteten Rastplätzen stapelt, bis sich schließlich die Spur des vor drei Wochen getragenen Pullovers hoffnungslos verliert.

Wie eine witzige Raumskulptur sieht das „Clothing Depot“ der Designerin Bettina Moellring aus. Auf einem Stahlrohrgerüst liegt eine geschwungene, handgeflochtene Korb-Welle, die zum knitterfreien Ablegen von Kleidung und diversem Kleinkram bestimmt ist. (DIM – Die imaginäre Manufactur. www.blindenanstalt.de ) „Diener Serafino“ nennt sich die Schweizer Garderobenhilfe von Stefan Sem (Victoria Design), deren bestechend schlichte Holz-Konstruktion mit zwei Stahlrohrrahmen auf den ersten Blick allerdings an einen Wäscheständer erinnert.

Immer noch gibt es neben modernen Entwürfen natürlich die klassischen Diener-Modelle, die auch gut zu einem englischen Herrenzimmern mit Stiefelknecht passen. Von diesen zum Möbelstück aufgerüsteten Kleiderbügeln hat der traditionsbewusste Versandhändler Manufactum gleich zwei im Programm. Das in Italien gefertigte Modell glänzt mit mechanischem Erfindergeist. Auf Pedaldruck öffnet sich der Hosenhalter. Außerdem gibt es eine Ablage für Schlüssel und Manschettenknöpfe, sowie kleine Haken für Gürtel und Krawatte. Die edle Elektro-Variante (Buchenholz) schafft es heinzelmännchenartig über Nacht die Anzugshose zu plätten. Dass der feine Flanell nicht schwarz kokelt, verhindert ein Selbstausschalter. Wer nicht genügend Platz im Schlafzimmer hat, nimmt besser das Modell Wand-Diener (ebenfalls Manufactum), das sich bei Bedarf wie eine Miniwäscheleine ausziehen lässt.

Die Frage, wie sich der „stumme Diener“ mit einer monströsen Schrankwand versteht, beantwortet IKEA. Der Entwurf des Schrank-„Komplements“ scheint von der allgemeinen Unsitte inspiriert, den Kleiderschrank mit Bügeln so dermaßen zu behängen, dass sich die Türen nicht mehr öffnen lassen. Das „multifunktionale Zubehör“ wird seitlich an dem Schrankmodell „Pax“ befestigt. Trotz Extras wie Uhr, Spiegel und Rasiernäpfchen kann diese Hilfskonstruktion aber nur ein trostloser Ersatz für ein echtes, skulpturales Möbelstück sein, das zwischenzeitlich zu unrecht vergessen wurde.

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