Zeitung Heute : Steuer frei

Die Autostadt Sindelfingen gönnt Fußgängern Zebrastreifen aus Marmor. So was macht nur, wer zu den reichsten Gemeinden im Land gehört. Vorbei. Seit Daimler-Chrysler keine Gewerbesteuern mehr zahlt.

Kerstin Decker

In Sindelfingen gibt es zwei Gruppen von Menschen. Die einen laufen ganz normal. Das sind die Sindelfinger. Die anderen gehen mit eigentümlich gesenkten Köpfen, den Blick streng nach unten, als hätten sie was verloren. Haben sie aber fast nie. Das sind die Nicht-Sindelfinger. Sie suchen das Wahrzeichen der Stadt.

Andere Städte haben Wahrzeichen, die man oben suchen muss. Das Wahrzeichen Sindelfingens, man weiß es in der ganzen Welt, sind die Zebrastreifen. Sie sind zwar nicht vergoldet – die Farbe passt einfach nicht –, aber aus echtem Marmor sollen sie schon sein. Nur wo sind sie?

Überall völlig normale Zebrastreifen. Etwas ausgeblichen, öfter übermalt. Allerweltszebrastreifen. Sie verändern sich nicht mal beim Bücken, oder wenn man sie doppelt so lange ansieht. Schon stellen sich die ersten Anzeichen von Unaufmerksamkeit ein – Warum nicht doch öfter mal nach oben schauen? – und dann plötzlich das erste ernst zu nehmende Indiz: eine Stellplatzmarkierung! Eine profane Autostellplatzmarkierung am Straßenrand. Drei Linien im rechten Winkel. Aus Marmor, tatsächlich. Es werden immer mehr Stellplatzmarkierungen. Und dann, auf dem Weg von der Planiestraße zur Ziegelstraße, Richtung altes Rathaus, tauchen sie wirklich auf, in bemerkenswerter Dichte und Dicke: Zebrastreifen aus Carrara-Marmor. Welch zartfühlende Erhöhung des Fußgängers in einer Autostadt! Und unten am Marktplatz geleitet eine dezente Marmorlinie im Pflaster den Autofahrer in die Tiefgarage, wo er kostenlos parkt, mitten in der Stadt.

Falsch. Kostenlos parkte, muss es heißen. Präteritum bitte. Ist Sindelfingen schon eine Stadt im Präteritum?

Helmut Riegger wirft einen langen elegischen Blick in das Blau vorm Rathausfenster. Er hat diesen Blick immer, wenn er von der Zeit spricht, die er nur „die gute, alte Zeit“ nennt. Manchmal sagt er auch „die gute, alte, reiche Zeit“. Als die Stadt mal eben 267 Millionen DM Gewerbesteuern einnahm. 1986 war das, der Großteil kam von der Daimler-Benz AG. Da waren die Zebrastreifen längst drin, und man brauchte von den 267 Millionen DM nicht einmal Farbe und Maler fürs Erneuern der Zebrastreifen zu bezahlen. Eine Investition ohne Folgekosten! Das muss sie sein, die schwäbische Cleverness. Helmut Riegger, Sindelfingens Erster Bürgermeister, trägt ein gelb-orange gestreiftes Hemd zum orangenen Schlips. Die Botschaft ist klar: Immer wieder geht die Sonne auf. Riegger ist Optimist, rein konfektionsmäßig gesehen. 267 Millionen. Wenn er die Zahl nennt, vibriert in seiner Stimme ein Unterton des Unglaubens. Dabei sind 267 Millionen DM nicht einmal viel, gemessen an den sechs Milliarden Euro, die Daimler-Chrysler dieses Jahr an Gewinn erwartet. Nur zahlt DaimlerChrysler inzwischen überhaupt keine Gewerbesteuern mehr an seinem weltweit noch immer größten Standort. Und hat, hört man, auch nicht vor, 2006 bloß ein klitzekleines Milliönchen... Rieggers Augen werden schmal und konzentriert. So würde er das nie formulieren. Schauen Sie doch mal auf den Stadtplan, ruft Riegger, ein Drittel ist rosa. Das ist alles Daimler-Chrysler. Sindelfingen gehört zu Daimler-Chrysler. Oder Daimler-Chrysler zu Sindelfingen. Einerseits. Andererseits kann Riegger auch nicht behaupten, dass der Konzern vorhat, dieses Jahr auch nur ein klitzekleines Milliönchen...

Und das ist noch nicht alles. Die Straße vorm Rathaus muss saniert werden. Das alte Pflaster fliegt raus. Und mit ihm die Zebrastreifen. Die ganze Sindelfinger Berühmtheit. Und auch das ist noch nicht alles. Es gibt künftig keine Sindelfinger mehr. Die Geburtshilfeabteilung des Städtischen Krankenhauses wird geschlossen. Dann müssen alle Sindelfingerinnen zur Entbindung nach Böblingen, und es wird nur noch gebürtige Böblinger geben. Böblingen und Sindelfingen sind gewissermaßen Zwillinge, man sieht gar nicht, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Nur konnten sich Sindelfinger und Böblinger noch nie leiden. Das wusste schon Christoph Kolumbus. Ist hier einer aus Böblingen? soll er bei der Entdeckung Amerikas den am Strand Wartenden zugerufen haben. Hier ist nicht mal einer aus Sindelfingen, riefen die Indios zurück. Da wandte sich Kolumbus zu seiner Mannschaft und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich habe einen neuen Erdteil entdeckt!

Und nun, 500 Jahre nach Kolumbus, soll es nur noch Böblinger geben?

Begonnen hatte alles 1915, genau in der Mitte zwischen beiden Städten. Dort trennte ein großes Stück Wiese die feindlichen Zwillinge. Jemand kam auf die Idee, ein Flugfeld daraus zu machen. Ein Flugfeld ist immer noch eine Wiese, aber zugleich potenziell nützlich. Es könnte Investoren anlocken. Noch im gleichen Monat, im Juni 1915, meldete sich die Daimler Motorengesellschaft. Sie könne so ein Flugfeld gut gebrauchen zur Erprobung ihrer Motoren. Mal gucken, ob die Flugzeuge oben bleiben. Was die Sindelfinger Bauern darüber dachten, ist nicht überliefert. Die Daimler Motorengesellschaft konnte sich auch vorstellen, ganz nach Sindelfingen zu ziehen. Den Preis für das Grundstück legte sie selbst fest. Die Mehrkosten musste die Stadt tragen, denn nicht alle Sindelfinger wollten ihr Land zu dem Preis verkaufen, den die Motorengesellschaft zahlen wollte. Flugzeughallen wurden gebaut, dann auch noch ein Karosseriewerk. Sindelfingen hatte bisher nur Erfahrung mit mechanischen Webstühlen. Die brauchten keine Zufahrtsstraßen, keine Gasleitungen und all das, was die Stadt nun bauen und bezahlen musste. Man hatte sich das ein bisschen anders vorgestellt. So viele Ausgaben und kaum Gewerbesteuern. Am Anfang.

Und dann zahlte Daimler alles zurück und machte Sindelfingen neben der Opel-Stadt Rüsselsheim zur reichsten Kommune Deutschlands. Auch wenn es nicht jedes Jahr 267 Millionen DM waren. Und was sich die Sindelfinger davon alles gebaut haben: die Stadthalle, den Glas-Sport-Palast, das Badezentrum. Dasselbe Badezentrum, in dessen Becken letztes Jahr ein Grad fehlte. Sparmaßnahme. Die Sindelfinger spürten das fehlende Grad und nahmen es als Indiz für den bevorstehenden Weltuntergang. Das Neue Rathaus ist auch noch aus der „guten, alten, reichen Zeit“, also ganz und gar aus Beton und so groß, dass selbst eine Millionenstadt zur Not von hier aus regierbar wäre. Die großen, leeren Hallenentrees sind in leicht depressivem Betongrau gehalten, übertroffen nur noch vom Dunkelbraun der Holzverkleidungen. Alles wie vor 30 Jahren. Als wäre seitdem kein Tag vergangen. Man kann Stunden völlig allein in den 70er-Jahre-Stahlrohrsessel-Sitzgruppen auf weißem Flokatiteppich sitzen, dem leisen Summen der Elektrik zuhören und darüber nachdenken, warum nichts schneller altert als das Moderne. Und warum der Anblick der Holzabdrücke im Beton so traurig macht.

Vielleicht, weil Sindelfingen, bevor es Mercedes- und IBM-Stadt wurde, vor allem eine Holzstadt war, eine kleine schwäbische Fachwerkstadt. Und weil der Beton in „der guten, alten, reichen Zeit“ das Holz beinahe aufgefressen hätte. Sindelfingen hatte schon eine Shopping-Mall, als noch niemand sonst so etwas hatte. Die Mall heißt „Domo“ und sieht aus wie ein Bunker mit Ausschlag. Die meisten Sindelfinger würden ihn heute am liebsten abreißen. Er steht ohnehin fast leer. Aber in dem Bunker befinden sich auch Eigentumswohnungen. Und in Schwaben hat man besonders große Hemmungen, anderer Leute Eigentum einfach abzureißen. Nur ein Straßenname erinnert noch an das schöne Fachwerkensemble, das da war, wo heute der Bunker ist: das Wurmbergviertel an der Wurmbergstraße. Sollte nicht ganz Sindelfingen so aussehen?, riefen die Bunker-Enthusiasten. Um Himmels willen, erschraken da viele Sindelfinger und sahen ihre alte Stadt plötzlich mit anderen Augen.

Am Schaffhauser Platz steht ein besonders schönes Fachwerkhaus. Darin arbeitet der Meistergold- und Trauringschmied Andreas Hauser. Er ist aus Böblingen, aber das weiß hier keiner. Jedem Sindelfinger, der ihn fragt, sagt er, er komme aus Stuttgart. Es ist besser so. Herkunft ist relativ, weiß Hauser. Sein schönes altes Fachwerkhaus, 15. Jahrhundert, stand schließlich auch nicht immer hier. Es stand viel weiter oben. Hauser zeigt in Richtung Stiftskirche. Dort war es im Wege. Und warum sollen nicht auch Häuser umziehen dürfen? Gut, dass die Stadt reich war. Denn irgendwann begann sie, ihr Geld auch für die alten Häuser und deren eventuelle Umzüge auszugeben. Der Erbauer hingegen muss ziemlich arm gewesen sein, vermutet der Goldschmied, weshalb er noch im 15. Jahrhundert, als alle längst ganz modern bauten, sein Haus nach einer völlig veralteten Weise errichtete – drei Eichenstämme tragen die ganze Konstruktion. Das macht es heute so wertvoll. Ein Firstsäulenhaus! Wir hören einen dumpfen Aufprall an der Außenwand. Hauser winkt ab. Das sind nur die kleinen Türken, die spielen Fußball. Und manchmal verwenden sie eben sein 15.-Jahrhundert-Firstsäulenhaus als Übungswand. Um Fachwerk richtig zu sanieren, muss man es ohnehin ganz auseinander nehmen – warum soll man es dann nicht an passenderer Stelle wieder aufbauen?

Hauser hat gerade einen Trauring im Schraubstock. Wenn gewöhnliche Goldschmiede einen Trauring machen, hat er eine unsichtbare Naht. Soll man eine Ehe mit solchem Flickwerk beginnen? Hausers Ringe sind nicht genäht. Dafür sind sie auch ein bisschen teurer. Wie sein selbst entworfener Schmuck überhaupt. Nicht anzunehmen, dass die Eltern der Fußballspieler draußen Andreas Hausers Ringe kaufen. Das ist eher die Blumenkörbchenschmuck-Klientel. Mercedes– Arbeiter, viele Ausländer darunter. Hauser weiß noch, wie früher jede Woche ein Pendelbus nach Mirabella fuhr. Die Sizilianer wollten am Wochenende unbedingt zu Hause sein, genau wie die Ostfriesen. Wahrscheinlich haben sie es noch zum Abendbrot zu Hause geschafft, bevor sie wieder zurück mussten: Schichtbeginn. Ohne die Mercedes-Arbeiter wären auf dem Sindelfinger Wochenmarkt die Stände mit Wachstuchdecken der abenteuerlichsten Küchenromantik gewiss nicht halb so gut besucht. Und auch der „Schülüpferkönig“ wäre vielleicht arbeitslos. Der „Schülüpferkönig“ ist ein alter Türke, dessen Geschäftsname genau dem erotischen Nennwert seiner reinweißen, oft zeltgroßen Ware entspricht.

Hauser, der Goldschmied, weiß selbst, dass er mit seinen Sachen in Stuttgart besser aufgehoben wäre. Aber die haben dort nicht mal Firstsäulenhäuser. Und selbst wenn, könnte er die Miete nicht bezahlen. Hier schon. Denn die Stadt ist froh, dass Handwerker wie er in den alten Straßen sind. Gegenüber hat gerade ein Drechsler aufgemacht. Hauser träumt von einem richtigen Handwerkerhof. Ob er Gewerbesteuer zahlt? Ich glaub’ schon, antwortet der Goldschmied und ergänzt: Manchmal vielleicht auch nicht.

In manchen Gassen sieht Sindelfingen aus wie die Kulisse zu Grimms Märchen. Der Schutzheilige des historischen Sindelfingens heißt Eugen Schempp. Er war lange der Leiter des Stadtmuseums. Schempp oder Schrempp. Ein „r“ mehr oder weniger, ist das wichtig? Vielleicht doch. Vor allem, weil der Schempp mit „r“, Vorname Jürgen, auch eine Art Schutzheiliger war, eine Art Gegenschutzheiliger, nämlich Daimler-Vorstandschef, als die Sindelfinger 1998 Chrysler übernahmen. Da sah Chrysler gerade etwas lädiert aus. Wie gut, dachte Schempp mit „r“, dass man die amerikanischen Kosten zu Hause absetzen kann. Und kündigte an, dass sein Konzern auf absehbare Zeit keinen Pfennig Steuern mehr zahlen werde. Bald waren die Rücklagen aufgebraucht, die Stadt versank in der Schuldenfalle. Statt mit den 130 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen von einst muss Sindelfingen heute mit weniger als 30 Millionen auskommen. Gut, sagt Riegger, dass auch Mittelstand da ist.

Pessimisten haben Sindelfingen schon als Ruhrgebiet der Zukunft identifiziert. Aber das Schlimmste, was den Sindelfingern in diesem Jahr passiert, ist die Einführung einer Sportstättennutzungsgebühr für Vereine ab Herbst. Früher undenkbar.

Vor ein paar Jahren setzte die Stadt noch auf das Prinzip Hoffnung. Daimler-Chrysler machte wieder Gewinn, also könnte ab 2002 wieder mehr Gewerbesteuer kommen, überlegten die Stadtväter. Riegger schüttelt den Kopf. Er findet die Formulierung: Die Gewerbesteuer ist nicht berechenbar. Es muss ein Leben geben nach der Gewerbesteuer. Es ist wie bei Eheleuten. Man kann nicht immer klagen. Sindelfingen kann auch nicht zu Daimler-Chrysler gehen und sagen: Es reicht, ich ziehe aus! Daimler-Chrysler könnte das schon eher sagen. Riegger weiß das. Deshalb sind die Sindelfinger Stadtväter nett zu Daimler-Chrysler. Trotz allem. Und ihr gutes Benehmen wird geschätzt. Im letzten Jahr hat der Konzern wieder ein großes Stück Wiese von der Stadt gekauft, fast wie damals, 1915. Mercedes will dort ein Forschungszentrum hinbauen. Neue Arbeitsplätze! Rieggers Schlips leuchtet mit verhaltener Zuversicht.

Und da ist auch noch das alte Flugfeld in der Mitte zwischen Sindelfingen und Böblingen, mit dem einst alles anfing. Sollte nicht auf dem Flugfeld noch einmal Sindelfingens Zukunft liegen? Eine ganze futuristische Stadt soll dort entstehen, mit integriertem Wohnen, Arbeiten, Forschen und Erholen. Den „Zweckverband Flugfeld“ gibt es schon. Und die Marmorzebrastreifen, haben die Stadtväter soeben beschlossen, kommen auch wieder rein. Carrara-Marmor auf neuem Asphalt.

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