Zeitung Heute : Steuerflucht: Scheingeschäfte

Silke Becker

Ein großer BMW ist ganz schlecht. Großen BMWs sieht man an, dass sie teuer sind, und bei großen BMWs, wie auch bei anderen Wagen dieser Art, vermutet man, dass die Besitzer keine Not leiden und über gewisses Kleingeld verfügen. Also lassen manche Fahrer, wenn sie über die Grenze nach Luxemburg wollen, lieber ihre großen Schlitten in der Garage und borgen sich Kleinwagen. Sie glauben, so könnten sie der Kontrolle entgehen. Aber da kennen sie die Zollbeamten schlecht.

Auch jetzt steht so einer da, von dem die Zöllner sagen, "der kennt sich aus". Ein alter türkisfarbener Golf II. Der Fahrer mit den braunen Slippern, weißen Socken, Jeans und einem Polohemd in der Farbe seines Wagens steht neben seinem Auto: "Stellen Sie ruhig alles auf den Kopf", sagt er betont locker, aber seine Mundwinkel zucken nervös. Auch seine Frau meint, "mir hawe nes zu verdusche", und ihre Hände zittern, als sie den Reißverschluss der grünen Kunstledertasche aufzieht, in der das Geld liegt. 28 000 Mark hat der Mann angegeben. Seine Frau hat noch mal die gleiche Summe dabei, sagt er. Als gezählt wird, hat doch jeder der beiden 29 000 Mark. Aber das ist hier in Nennig, an der saarländischen Grenze zu Luxemburg, fast nichts. Erst ab 30 000 Mark muss Geld beim Zoll angemeldet werden, und 30 000 Mark sind nichts im Vergleich zu den Summen, die sie sonst finden.

Wie haben die Zollbeamten geschimpft, als sie im Sommer 1998 auch noch die Bargeldkontrollen aufgebrummt bekamen. Neben Zigaretten, Drogen, Heizöl, Illegalen, sollten sie jetzt auch noch nach großen Scheinen suchen. Aber dann fanden sie allein im Saarland im ersten Vierteljahr 6,5 Millionen Mark. Jetzt sind es sieben bis zehn Millionen Mark jeden Monat. Außer Barem finden sie Schecks, Wertpapiere, Kontoauszüge mit schwindelerregenden Summen. Nun gibt es Momente, da denken die Zollbeamten, sie hätten in der Schule lieber nicht so oft aus dem Fenster sehen sollen.

Ein Pfarrer mit 400 000 Mark

Ihre Arbeitsgrundlage ist das Geldwäschegesetz; die Beamten suchen also eigentlich nach Geld aus Prostitution, Menschenhandel, Waffengeschäften und Schmuggel. Was sie finden, ist oft Schwarzgeld. Summen, die jahrelang in Schließfächern lagerten, zwischen Handtüchern, Bettwäsche oder unter der Matratze; Geld, das, wenn es nicht bald in den Umlauf gebracht wird, Anfang nächsten Jahres, wenn der Euro kommt, nichts mehr wert sein wird. Bis Ende Februar 2002 kann die D-Mark an allen Bankschaltern getauscht werden, danach nur noch bei den Landeszentralbanken. Aber weil die Banken ab 30 000 Mark genaue Fragen stellen, die manche nicht gern beantworten, bringt jetzt der eine oder andere sein Geld lieber dahin, wo sie nicht so viele Fragen stellen. Nach Luxemburg oder in die Schweiz. Die Zinsen, haben die Beamten gehört, sollen in Luxemburg auch nicht höher sein als hierzulande. Es geht nur darum, das Geld vor dem Fiskus geheim zu halten.

Natürlich hat offiziell keiner Geld, den sie hier filzen. Die Menschen an der Grenze geben sich gerne kumpelhaft, erzählen, sie seien "arme Schlucker", hätten ihr Leben lang hart geschuftet. Die Beamten nicken dann sehr freundlich und durchsuchen die Autos. Fußmatten, Handschuhfächer, Kofferraum. Tasten die Sitze ab und durchwühlen Taschen. So fanden sie ein paar Hunderttausend Mark bei einem katholischen Pfarrer, der mit seiner Haushälterin unterwegs war. Eine ältere Dame in einem alten Auto transportierte 400 000 Mark im Handschuhfach. Einmal fanden sie 765 000 Mark. Alles Tausender. Da haben sie lange gezählt.

Es sind Richter und Steuerberater, die das Geld über die Grenze bringen, Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten. Ärzte, Handwerker und Selbstständige, die doppelte Buchführung beherrschen. Und weil den Beamten jetzt so oft Scheine durch die Finger gleiten, wundern sie sich nicht mehr über das Geld an sich, sondern, wie Arnulf Fricker, der Leiter der Mobilen Kontrollgruppe sagt, über den "Mut" der Menschen, die so viel Bargeld bei sich tragen.

Es gibt keine Schätzungen, wie viel Geld dem Fiskus durch Steuerflucht ins Ausland verloren geht, aber allein im letzten Jahr fanden Zollbeamte bei bundesweiten Bargeld-Kontrollen 324 Millionen Mark. Ein Konto in Luxemburg galt lange als Kavaliersdelikt, ein Trick, den sogar einige Banken ihren Kunden empfahlen. Erst seit Mitte 1998 werden Bargeldkontrollen durchgeführt, und erst seitdem müssen die Banken Meldungen an das Finanzamt weitergeben, wenn jemand mehr als 30 000 Mark einzahlen will. Auch ein Kunde, der alle paar Monate mit 10 000 Mark kommt, wird gemeldet.

Die Mobile Kontrollgruppe aus dem Saarland wird meistens an dem alten Grenzübergang in Nennig eingesetzt. Fünf-, sechsmal jeden Monat stehen die zehn Beamten - neun Männer, eine Frau - dort und sehen doch nur "die Spitze des Eisberges". Für 60 Grenzübergänge sind sie zuständig. Das ist unmöglich zu schaffen. Stundenlang sehen sie Menschen hinter ihrem Lenkrad schwitzen, wie sie jammern, winseln, stöhnen, schimpfen. Beobachten, wie Menschen mit zittrigen Beinen aus dem Auto steigen und dann dastehen, nicht wissen, wohin mit diesen schlackernden Händen.

So muss es auch bei dem pensionierten Fernfahrer gewesen sein. Ein alter Herr weit über 70. Er habe nichts, sagte er trotz mehrerer Nachfragen. Am Schluss saß er in der Grenzstube und weinte. 160 000 Mark hatte er unter der Fußmatte versteckt. Das Geld war für den Enkel bestimmt. Der wollte bauen. Dafür holte der Opa sein Erspartes aus Luxemburg. Später musste er 40 000 Mark Bußgeld zahlen, und das Finanzamt hatte auch noch seine Forderungen. Den Opa fand Josef Grasmück, der stellvertretende Dienststellenleiter der Mobilen Kontrollgruppe, "echt ein armes Schwein". Aber ansonsten hält sich das Mitleid in Grenzen. Sie finden ja Summen hier, die "man niemals ehrlich sparen kann". Sie sprechen aus Erfahrung.

Der ideale Kunde

Die Beamten stehen nun auf dem Mittelstreifen, unweit der alten Grenzhäuschen, vor deren Fenstern die Rollläden heruntergelassen sind. Sie alle kennen sich seit Jahren, die meisten sind um die 50, sie reden nicht viel, manchmal sagt einer: "Mensch Meier, wo haben die nur die Kohle her", sonst schweigen sie, warten auf Mittag, auf Feierabend, auf die Rente, auf Erfolg.

Erfolg ist, wenn sie Geld finden, wenn sie Meldung machen an die Oberfinanzdirektionen, an die Finanzämter, wenn die Steuerfahndung eingreift und lange gehütete Geheimnisse auffliegen. Letztlich fließt das Geld an den Staat. Steuern für Kindergärten, Polizei und Feuerwehr, für vielerlei Dinge, die die Menschen wollen und anderes, was sie nicht wollen. So läuft das Geschäft.

Jetzt kommt von der Luxemburgischen Seite der ideale Kandidat angerollt. Hellblauer Mercedes Metallic, aus Frankfurt, also nicht aus der Gegend und dann auch noch ein Rentner. Junge Menschen lohnt es nicht anzuhalten. Der ältere Herr mit den weiß gewellten Haaren, dem Schurrbart und der Gleitsichtbrille, offenbar gar nicht erfreut, will erstmal wissen, warum man ihm hier solche Fragen stellt. Ja, er habe Geld dabei. Dollar, da er häufig in Amerika sei. Wieviel, wisse er nicht. Als später umgerechnet mehr als 30 000 Mark gefunden werden, sagt er, dass er zu einem viel schlechteren Kurs gewechselt habe, deswegen das Geld gar nicht so viel wert ist, wie es wert ist. Freundlich nickend, meint der Beamte: "Unentscheidend für den Sachverhalt" und macht seine Meldung ans Finanzamt. Vorsichtshalber lässt er noch bei der Clearingstelle des Landeskriminalamtes Saarbrücken nachfragen, ob der Mann wegen Geldwäsche aufgefallen ist. Ist er nicht. Kopfschüttelnd geht der ältere Herr zu seinem Wagen. Eigentlich wollten er und seine Frau in Deutschland essen gehen. Jetzt haben sie keinen Hunger mehr und fahren mit ihren vielen Dollars zurück, auf einen Campingplatz.

An einem anderen Wagen, flaschengrüner BMW, ist gerade Melanie im Einsatz. Melanie Schaltinak, die jüngste, 27, die einzige Frau. Melanie ist für die BHs und Unterhosen zuständig. Natürlich übernimmt sie auch die anderen Aufgaben, aber vor allem darf sie als Einzige an die Damenunterwäsche. Kein schlechtes Terrain. Einmal fand sie 136 000 in einem BH. Sie hat lauter solcher Geschichten zu erzählen: Frauen mit einem Guthaben von zwei Millionen auf dem Kontoauszug, 6,5 Millionen. Ob man mit den vielen Nullen nicht durcheinander kommt? "Och", sagt Fricker, "man gewöhnt sich".

Ein Erpressungsversuch

Manchmal sind sie ganz schnell. Wie bei dem "pampigen" Porschefahrer. Bei dem fanden sie Belege über mehrere Hunderttausend Mark, und weil er offenbar auch beim Finanzamt in der Kreide stand, schalteten sie die Steuerfahndung ein. Die wartete dann schon vor der Tür, als er zu Hause ankam.

Mittagspause. In einem Teil des niedrigen Grenzhäuschens, in dem früher die Luxemburger saßen, hat jetzt ein "Grenz-Kebap" aufgemacht. Tagsüber lebt der Kebapbuden-Besitzer vom BGS und dem Zollpersonal, das bei ihm Döner isst und über den Knoblauch schimpft. Im Imbiss sitzt auch der Chef, der heute bei der Mobilen Kontrollgruppe zu Besuch ist. Oberregierungsrat Dieter Burg erzählt, wie ihn einer der Erwischten mal anrief, und meinte, ihm fehlten seit der Kontrolle 1000 Mark. Und er, der Mann am Telefon, würde ja großzügig darüber hinwegsehen, wenn der Zoll einfach das Verfahren gegen ihn einstellen würde. Doch als der Mann seine Klage schriftlich einreichen sollte, war er sich plötzlich nicht mehr sicher.

Als die Teller leer gegessen sind, der Rest Krautsalat von der Hose gestrichen, fachsimpeln sie noch ein bisschen über Geldanlagen und darüber, dass man ja Autos und Boote bar bezahlen könne, bei Häusern sei das schwieriger, wegen der Notare.

Obwohl die Beamten denken, dass die großen Geschäfte gelaufen sind, die meisten ihr Geld längst weggeschafft haben, werden vom Herbst an die Kontrollen im ganzen Land verstärkt. Allein im Saarland bekommen sie dann fünf neue Kollegen, eine Personalaufstockung von 50 Prozent. Denn in Richtung Luxemburg wird es wohl den meisten Verkehr geben. An den Schweizer Grenzen, meinen die Beamten, passiere nicht soviel. Denn dort gibt es noch die klassischen, täglichen Grenzkontrollen. Und an der Luxemburgischen Grenze sind sie nur ein paar Mal im Monat unterwegs. Wer weiß, wie viele spazieren gehen, Radfahren, unbeobachtet Geld von einer Seite auf die andere bringen.

Um vier Uhr steigen Melanie und ihre Kollegen in einen der VW-Bullis, und am Schluss gehen die beiden Chefs, der braun gegerbte Herr Fricker und Herr Grasmück. Herr Fricker sagt noch: "Wissen Sie, die einen fragen sich: Wie komme ich bloß an Geld, die anderen überlegen: Wie schaffe ich es weg."

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